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Toxische Produktivität oder Motivationsschub?

Schreibtisch, PC Bildschirm, Video, Schülerin, Lernen, Notizen [Quelle: pexels.com, Autor: Julia M Cameron]

Quelle: pexels.com, Julia M Cameron

Auf Youtube inszenieren sich Studierende dabei, wie sie Nächte durchlernen, und sie haben zahlreiche Fans deshalb. Die Lernzeit allein ist jedoch nicht ausschlaggebend für gute Noten.

Seit sich das Coronavirus auf der Welt ausgebreitet hat, lernen die meisten Schüler und Studierenden nicht mehr so wie vorher. Ihre Gewohnheiten mussten sie innerhalb kürzester Zeit komplett umstellen. Vielen ist es dabei wie Julina Pletziger gegangen. Pletziger war im ersten Corona-Abi-Jahrgang, inzwischen studiert sie im dritten Semester Psychologie in Bamberg. Weil sie sich im Frühling 2020 kaum mit ihren Mitschülern austauschen konnte, suchte sie nach anderen Möglichkeiten, um den Abi-Stoff zu lernen. "In dieser Situation habe ich nach Abiturvideos recherchiert und bin dadurch auf Studytube gestoßen, damals vor allem noch im englischen Sprachraum", erzählt sie.

In Videos zeigen Studierende und Schüler hier ihren Lernalltag und geben Tipps. Pletziger motivierte das, als sie zu Hause allein an ihrem Schreibtisch saß: "Ich glaube, dass Studytube die Bibliotheksbegegnung ersetzen kann. Man ist umgeben von Arbeitsatmosphäre, und in diesem Rahmen fühlt man sich vielleicht eher in der Lage und findet die Motivation, sich mit seinen eigenen Lernzielen zu beschäftigen." Mittlerweile produziert Pletziger auf ihrem Youtube-Kanal "Julinapril" sogar selbst solche Lernvideos und gehört mit über 18.000 Abonnenten zu den größeren Studytube-Kanälen im deutschsprachigen Raum.

Die steigenden Zuschauerzahlen bei dieser Art von Inhalten weisen darauf hin, dass Pletziger mit der Entdeckung dieser Videos nicht allein ist. Für viele Menschen waren sie während Schul- und Uni-Schließungen eine große Hilfe. Doch in letzter Zeit regte sich Kritik an den Communities. Der Vorwurf: Hier werden unrealistische Lernstandards vorgelegt. Da gibt es zum Beispiel den Youtuber James Scholz, der über ein Jahr lang täglich Videos hochlud, in denen er 12 Stunden am Stück arbeitete. Auch Ruby Granger, mit fast 700?000 Abonnenten einer der reichweitenstärksten Studytube-Kanäle der Welt, veröffentlicht Videos, in denen sie angibt, 14 Stunden am Stück zu lernen - ohne Pausen. Ist das ein Phänomen der "Hustle Culture" oder - negativer konnotiert - von toxischer Produktivität?

 

Ethos der persönlichen Aufopferung

Die beiden Begriffe bezeichnen eine Kultur, die durch lange Arbeitszeiten, wenige Pausen und eine komplette Hingabe zur Tätigkeit, oft verbunden mit einem Ethos der persönlichen Aufopferung, geprägt ist. Die Haltung ist vor allem in der Start-up-Szene und der Berichterstattung über diesen Bereich verbreitet, in der kaum eine (Selbst-)Erzählung über den Erfolg eines Unternehmens ohne die Erwähnung von überlangen Arbeitstagen auskommt. Am eindrücklichsten zeigt sie sich in zwei Tweets des Tesla-Gründers Elon Musk, der angibt, regelmäßig über 100 Stunden die Woche zu arbeiten: "[...] nobody ever changed the world on 40 hours a week. But if you love what you do, it (mostly) doesn't feel like work". 

"Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und eine philosophische Frage", beschreibt Alexandra Löwe, Leiterin des Projekts "Healthy Habits" der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf, die Situation: "Das sehen wir nicht nur bei den Studierenden. Aber diese Zielgruppe betrifft es natürlich besonders, weil das die Menschen sind, die sich gerade ihr Leben aufbauen und in gewisse Dinge investieren, in der Hoffnung, daraus dann einen beruflichen Werdegang machen zu können."

Wissenschaftlich ist dabei gut belegt, dass lange Arbeitszeiten, insbesondere über 60 Stunden hinaus, nicht gut für die Gesundheit sind und somit das langfristige Leistungsvermögen beeinträchtigen können. Zu diesem Ergebnis kommt zum Beispiel der Arbeitszeitreport der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2016. "Klassischerweise erleben wir Auswirkungen von Belastung auf mehreren Ebenen. Da ist natürlich das Körperliche: etwa Müdigkeit, Schmerzen oder Muskelverspannung", erklärt Löwe. "Dann haben wir die emotionale Ebene. Da sehen wir beispielsweise Wut, Aggression oder auch eine beginnende depressive Phase." Wer viel arbeitet, neigt außerdem dazu, sich ungesund zu ernähren, zu wenig zu schlafen und oft Alkohol zu trinken.

 

Motivation hilft bei langen Lernphasen

Das Gefühl von Überlastung ist allerdings sehr individuell und nicht allein von der Arbeitszeit abhängig. "Wenn ein Mensch motiviert ist und sich wertgeschätzt fühlt, dann kann er auch viel leisten", sagt Jutta Keßler, Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule. "Wenn er sich demotiviert fühlt aufgrund von Zukunftsängsten, mangelnder Betreuung der Dozierenden, Unklarheit der Anforderungen oder dadurch, dass die Kommunikationswege so lang sind, kann das zur Folge haben, dass er trotz viel Zeit wenige Ergebnisse erreicht und frustriert ist."

Doch auch wenn der Lernstoff Spaß macht und die Arbeit erfüllend ist, sind zu lange Arbeitszeiten über einen längeren Zeitraum gesundheitsschädlich - und auch nicht besonders effektiv. Untersuchungen wie die Zeitlast-Studie, die zwischen 2009 und 2012 durchgeführt wurde, zeigen, dass die Lernzeit nicht der ausschlaggebende Faktor für gute Noten ist. Andere Aspekte, beispielsweise die Anwesenheit bei Präsenzveranstaltungen, haben statistisch betrachtet einen größeren Einfluss.

Videos, wie James Scholz und Ruby Granger sie machen, vermitteln außerdem häufig ein verzerrtes Bild. "Das erleben wir gerade auch auf Instagram: Was sehen wir da von anderen Menschen? Nicht wie sie sich abends müde in die Badewanne legen oder schlaflos im Bett liegen, sondern es wird letztendlich schön gezeichnet, dieser heroische Arbeitsalltag, wenn ich meine zwölf Stunden durchziehe. Das ist definitiv nicht gesund", kritisiert Löwe von der IST-Hochschule für Management die Inhalte.

 

"Studytuber tragen Verantwortung, weil sie ein Bild vom Lernen formen"

Julina Pletziger aus Bamberg ist sich dieser Problematik bewusst: "Studytuber tragen viel Verantwortung, weil sie natürlich ein Bild vom Lernen formen." Aber sie fügt hinzu: "Die Verantwortung liegt auch beim Konsumenten, zu entscheiden, was ihm gut tut oder ob er von den Inhalten belastet wird." Pletziger selbst zeigt in ihren Videos eher moderate Lernzeiten von drei bis vier Stunden am Tag, 20-30 Stunden die Woche.

Aus der Forschung geht hervor, wie wichtig Pausen sind - gerade für die Kreativität und die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Auch Löwe sagt: "Wir haben nur einen gewissen Energierahmen zur Verfügung, und wenn ich eben zehn Stunden an meinem Schreibtisch sitze, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich davon zehn Stunden effektiv arbeite, sehr gering, da unser Gehirn einfach nur eine gewisse Zeit an Aufmerksamkeit erbringen kann."

Es gibt auch explizite Gegenentwürfe zur Hustle Culture, die darauf aufbauen. Cal Newport, Professor für Informatik an der Georgetown University, wirbt in seinem Buch "Deep Work" für vier Stunden hoch konzentriertes Arbeiten am Tag. Sein Argument: Die langen Arbeitszeiten resultieren vor allem aus Unterbrechungen und Multitasking. Fallen diese weg, lassen sich deutlich bessere Ergebnisse in kurzer Zeit erzielen. Löwe sieht es ähnlich.

Statt zu überlegen, wie sich noch längere Arbeitszeiten ermöglichen lassen, sei es sinnvoller, den Tag auf Totzeiten abzuklopfen: "Sitzt ein Student tatsächlich vor Büchern und lernt, oder ist er noch schnell auf Instagram oder schreibt eine Nachricht?" Nicht jede Aufgabe erfordere die volle Konzentration, darum sei es umso wichtiger, für die Aufgaben, die diese erfordern, besonders gute Bedingungen zu schaffen. Löwe selbst schafft sich hierfür Freiräume, in denen sie das Handy stumm schaltet und weglegt und ihr E-Mail-Programm ausmacht.

Auf Studytube gibt es viele Videos, die in eine ähnliche Kerbe schlagen. Statt Tipps zu langen Lernzeiten werden unter dem Motto "Learn smarter, not harder" Anleitungen zum Aufbau von Lernroutinen gegeben. Es gibt aber auch Videos, die zur Abwechslung beim Lernen anregen sollen. Julina Pletziger zeigt dort, wie sie ihre Lerndauer anhand eines Teelichts statt einer Uhr strukturiert. Ein Teelicht brennt drei bis vier Stunden - im Sinne Newports also eine sehr gute Zeit für hoch konzentriertes Arbeiten.

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