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Handlungsbedarf bei den Hochschulen

"In den Geisteswissenschaften sind solche Probleme zwar seltener, aber das heißt nicht, dass nicht auch ein Ethnologe unter enormem Druck stehen kann. Das familiäre Umfeld kann beispielsweise großen Einfluss ausüben: Wenn aus deiner Familie seit fünf Generationen erfolgreiche Juristen hervorgehen, dann sind die Erwartungen vom ersten Semester an sehr hoch. Studenten aus vormals bildungsfernen Schichten wiederum werden teilweise als Hoffnungsträger für die ganze Familie betrachtet."

"Schlechte Leistung ist kein Zeichen von Schwäche"

Während sich Familien in anderen Ländern in die Schuldenfalle stürzen müssen, um ihren Kindern einen Hochschulabschluss zu ermöglichen, beschweren wir uns über Leistungs- und Erwartungsdruck. Das mag nach einem Luxusproblem klingen, aber die Folgen für die Betroffenen sind echt – und alarmierend.

"Leistungsdruck ist ein zutiefst subjektiv empfundenes Leid", erklärt mir Frank Hofmann. Das mache es für andere, die nicht davon betroffen seien, schwer nachvollziehbar. "Das liegt daran, dass wir unser Selbstwertgefühl für gewöhnlich aus unseren Freunden, Familie oder Partnerschaften ziehen sowie aus unseren Hobbies und Leistungen", erklärt der Psycholge. "Eine lange Klausurenphase kann dazu führen, dass wir unseren Selbstwert nur noch an unsere Leistungen koppeln. Bei (gefühlten) Misserfolgen stellen wir uns dann gleich in Gänze in Frage."

Er rät den Betroffenen, ihre Leistungsansprüche kritisch zu hinterfragen: "Eine schlechte Leistung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern lässt sich auch mit einem schlechten Tag oder unfairen Aufgaben erklären."

Handlungsbedarf bei den Hochschulen

Die Klage nach unverhältnismäßigen Anforderungen spielt den Ball zu guter Letzt wieder in Richtung der Hochschulen. Denn zumindest ein Teil des Problems liegt in überambitionierten Studienordnungen – und in veralteten Lehrmethoden, wie ein e-fellow bemerkt: "Die größten Stressimpulse kamen bei mir durch die Lehre zustande: In den Vorlesungen sollten wir schreiben, zuhören und mitdenken gleichzeitig. Das Wissen wurde in der Prüfung wie von einer Datenbank abgefragt."

Das Problem ist auch den Hochschulen bekannt, wie ein e-fellow berichtet: "Es war irgendwann auffällig geworden, dass in meinem Studiengang so viele die psychologische Beratungsstelle aufsuchten. Sie fragten daraufhin bei unserer Fakultät nach. Das hat aber auch nichts geändert."

Neben einer Überarbeitung der Studienordnungen könnten alternative Lernkonzepte, wie zum Beispiel Flipped Classrooms, helfen, auf unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten Rücksicht zu nehmen.

Hofmann rät den Betroffenen außerdem, Leistungsideale nicht ohne weiteres zu übernehmen. Manchmal helfe gegen perfektionistische Ansprüche eine Klärung der tatsächlichen Anforderung. Gerade wenn sich (innerer oder äußerer) Leistungsdruck aber in psychischer Belastung oder gar Krankheit niederschlage, stehe die Entscheidung an, ob das eigene Wohlbefinden neben Leistung nicht auch ein wichtiger Wert sein sollte.

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Kommentare (5)

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  1. Daniel Niewrzol

    Danke für diesen Artikel. Die Schilderung bestätigt leider die Tendenz, die ich immer häufiger im Studium und in der Klinik wahrnehme. Es wird teils nur noch wörtlich auswendig gelernt, Definitionen, Tabellen, Vorgehensweisen... aber praktisch nicht verstanden oder auf Patienten oder Klienten nicht mehr vernünftig und empathisch eingegangen. Teils verschleiert Autorität nur Unwissenheit und Angesichts von "Sachzwängen" und "Gewinnmaximierung" der Focus auf viel wesentlicheres Verloren. Wo ich mir die Frage stelle, warum dulden wir diese Verschiebung der Werte so absolut? Und wo bleibt da das Hinterfragen? Das (um die Ecke und interdisziplinär) Denken? Das Verstehen? Das Einfühlen? Das Zeit-zum-selbst-erlebt-haben und nicht nur gehört/gelernt-haben? Ist es sinnvoll eine "Bildungselite" "heranzuzüchten" durch ~70% Informationsaufnahme und Reproduktion? In einer Zeit in welcher Information und Wissen immer verfügbarer werden, in welcher Computer immer mehr übernehmen können, in welcher eigtl. nicht mehr Theoriewissen an sich etwas Besonderes darstellt, sondern die kritische Integration von verschiedensten Information, situativ und mit reflektierter Wahrnehmung. Wie soll man einen Psychologen ernst nehmen, der von Leben außer dem Hörsaal nicht viel gesehen hat? Oder nur Dank leistungssteigernder Mittel den Abschluss mit systemkonformem Ergebnis schaffen konnte, anstelle sich selber zu Fragen ob das Zielführend ist und sich Gelassenheit zuzugestehen und dabei auf die eigene psych. und somat. Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Wie soll man einen Arzt ernst nehmen, der zwar alle Lehrbücher auswendig konnte und alle Klausuren mit einer eins bestanden hat, das wissen aber nicht auf einen komplexen Fall anwenden kann und an der Patientenkommunikation scheitert – wo doch gerade eben diese Qualität des Arztes jene ist, welche nie durch Technisierung ersetzt werden kann und alleine schon selbst-heilungsstärkung birgt. Wie soll man einen Juristen auf komplexe Fälle und die Welt loslassen, der zwar die Auslegung in allen absurditäten beherrscht, aber von der konkreten Lebenssituation der Betroffenen keine Ahnung hat? Wo Recht, Gerechtigkeit (wobei auch dies Definitionsfrage ist) und Menschenverstand in Konflikt geraten und Ethik ggf. dem § Untergeordnet wird? Man sollte sich verabschieden von dem starren in Regelstudienzeit studieren nur um der Sache selbst willen. Von dem Bulimilernen, um es dann doch wieder zu vergessen. Und hinwenden zu einem System, welches den Individuellen Stärken gerechter wird, welches Zeit lässt sich und die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, zu hinterfragen und die Skills entwickeln zu können die die Profession und das 21. Jahrhundert von einem abverlangt. Auch Hinterfragen ob das ständige streben nach mehr Gewinn, Konsum und Leistung verbunden mit zu umfassendem Konkurrenzdenken verzehrtem Individualismus – global betrachtet wirklich nachhaltig A. für unsere Gesellschaft und B. für unseren Planeten ist. Welchem Zweck dient am Ende die Bildung, dient sie noch dem Menschen und dem Gesellschaftlichen vorankommen? Oder ist sie mittlerweile Selbstzwecke und Produktionsfaktor im Intellektuellen Wettrüsten geworden? Und selbst wenn…die Zeit des akademischen nachplapperns sollte bereits vorbei sein und in Anbetracht der digitalen Möglichkeiten von Bildung und von Autodidaktik könnten wahrscheinlich auch ein Großteil der Präsenzveranstaltungen (die ohne Praxisbezug, aktiver Einbindung oder guter Didaktik) überflüssig werden. Wieso sollte man um sieben in die Uni gehen um sich eine Vorlesung jenseits der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne anzuhören, wenn man dasselbe auch um 12 Uhr von Zuhause aus am Laptop tun könnte und dann um 14 Uhr mit einer Gruppe Komolitonen und einem Tutor autodidaktisch erarbeitetes zusammentragen könnte; dies nicht mit dem Ziel und Focus irgendeine Klausur zu bestehen und klausurrelevantes zu erfassen, sondern gut in dem Fach zu werden welches man studiert und Fachrelevantes zu erlernen. Gepaart mit der Lebens-, Praxis- und Selbsterfahrung die einem meist nur die Zeit und das Leben aber nicht die Uni bringen kann. Weg von der Unmündigkeit, zu welcher man schon im Schulsystem erzogen wird, hin zur Verantwortungsübernahme für sich und die Welt und auch das muss angesichts dieser Komplexen Welt erst einmal gelernt werden. Hinterfragen den Stoff, sich und die Welt. Selbstständig Denken. Lernen Verantwortung zu übernehmen – anfangs für sich selbst und dies vor sich und vor anderen vertreten können. Und wenn dies alles gelernt ist, dann auch für andere. Damit fachliche Exzellenz, menschliche und ethische Reife auch Beiwerk von (Aus)Bildung werden können. Denn wo soll der Weg hinführen, wenn wir am Ende nur noch intellektuell miteinander Ringen (durch NC, Aufnahmequoten, Anforderungen und co.) anstatt mit und durcheinander zu Wachsen?

  2. Lino Haupt

    Vielen Dank für diesen spannenden Artikel!

  3. Judith Paripovic

    Eine Überarbeitung der Studienordnung ist leider häufig kaum in sinnvollem Umfang möglich. Bei uns (Ingenieurstudiengang) gibt es leider so viele Vorgaben zu beachten, die durch Bologna kommen, dass uns jede sinnvolle Möglichkeit verwehrt wird. Zumindest im ingenieurwissenschaftlichen Bereich geht die Theorie komplett an der Realität vorbei. Ein paar Beispiele: 6 Prüfungen im Semester, nicht mehr. Keine weiteren Studienleistungen die Durchfallquoten und Stress senken könnten, weil wir sonst eine lange Begründung brauchen. Maximal 30 ECTS im Semester, rein rechnerisch, nicht in Prüfungen gesehen. Module über 2 Semester zählen einzeln, nicht da wo die Prüfung stattfindet. Module werden sinnlos zusammengelegt, bei großen Modulen fallen deutlich mehr Leute durch. Da frage ich mich häufig wo der Zweck solcher starren Regeln ist, wenn dadurch alles nur schlimmer wird und alle Spielräume genommen werden.

  4. Max Wetterauer

    Hallo Raik, freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! In meinem Artikel beziehe ich mich auf die Zahlen der Barmer-Krankenkassen, über die hier kürzlich berichtet wurde: https://www.e-fellows.net/Studium/Studienwissen/Studium-aktuell/Depressionen-jeder-vierte-Student-hat-psychische-Probleme Viele Grüße aus der Redaktion Max

  5. Raik Maubach

    Lieber Max, vielen Dank für deinen Beitrag. Auf welche aktuelle Zahlen der Krankenkassen beziehst du dich?

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