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Warum sollten junge Menschen schießen wollen?

Bundeswehr Wehrdienst Army [Quelle: unsplash.com, Autor: Specna Arms]

Quelle: unsplash.com, Specna Arms

Der Bundeswehr fehlt Nachwuchs. Das wird auch der neue Freiwillige Wehrdienst nicht ändern. Denn der Plan der Verteidigungsministerin verfehlt die Zielgruppe komplett.

Junge Menschen haben keine Lust auf die Bundeswehr. Gründe dafür gibt es ebenso viele wie Versuche der Politik, das zu ändern. Verschwundene Munition, sexuelle Übergriffe und Rechtsextremismus in den eigenen Reihen schrecken ab. Aufwendige Plakatkampagnen oder Youtube-Serien über Rekruten konnten die Bundeswehr bisher nicht beliebter machen. Sämtliche Ideen haben das gleiche Problem: Sie erreichen nicht die, die sie so dringend ansprechen wollen. Das gilt auch für das neue Konzept von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), das sie am Donnerstag vorstellte.

20.000 Menschen muss die Bundeswehr jedes Jahr rekrutieren, um ihren personellen Bedarf zu decken. Die Zugangsvoraussetzungen senkt sie dafür schon seit Jahren, damit weniger Bewerber direkt durchs Raster fallen: Fitness? Nicht mehr so wichtig. Schulabschluss? Geht auch ohne. Volljährigkeit? Überschätzt.

Jetzt gibt es eine neue Idee: Junge Menschen können freiwillig ein Jahr Wehrdienst absolvieren – spezialisiert auf Heimatschutz. Das ganze soll eine Art Wehrdienst light sein. Sieben Monate Dienstzeit statt bis zu 23 Monaten und kein Einsatz im Ausland. Die neuen Freiwilligen sollen in den sechs Jahren danach noch einmal sechs Monate als Reservisten im Inland dienen, zum Beispiel bei Krisensituationen wie einer Pandemie.

Passt der Posterbegriff auf die vielen Facetten von Heimat und Zuhause, die junge Menschen haben?

"Helfende Hände", nennt Kramp-Karrenbauer die Freiwilligen, die sie anwerben will. Sie lädt dazu ein, Deutschland zu helfen. Doch sie sagt nicht, wie junge Menschen davon profitieren. Sie gibt ihnen keine Perspektive. Es ist auch nicht klar, wen die Bundeswehr mit dem neuen Wehrdienst ansprechen will: Ist das ein Angebot zwischen Schule und Berufsausbildung? Zwischen Schule und Studium? Die Bundeswehr hat ein Diversitätsproblem. Sie braucht Freiwillige aus ganz Deutschland und aus allen Bildungsschichten. Doch der neue Dienst im Heimatschutz wird das Problem nicht lösen.

Seit 2011 der Wehrdienst ausgesetzt wurde, gehen nicht genügend junge Menschen freiwillig zum Bund. Aktuell gibt es etwa 9.000 Wehrdienstleistende, vor der Abschaffung der Wehrpflicht kamen jährlich mehrere Zehntausend junge Menschen zum Militär. 

Statt einen freiwilligen Wehrdienst zu absolvieren, gibt es so viele andere Möglichkeiten: eine Ausbildung beginnen und Geld verdienen, studieren. Und wer sich engagieren und einen Beitrag leisten will, findet sich oft eher im Freiwilligen Sozialen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst wieder. Warum sollten junge Menschen lieber schießen lernen wollen, als alte Menschen zu pflegen oder Kinder zu betreuen, Robbenbabys für eine Umweltorganisation aufzupäppeln oder ehrenamtlich Deutschkurse zu geben?

Lauter gescheiterte und unfertige Pläne

Ein freiwilliger Dienst in der Bundeswehr muss eine Antwort auf diese Frage finden. Dafür wäre es hilfreich, wenn die Bundeswehr stärker auf die Lebensrealität junger Menschen eingehen würde. Stattdessen taucht in dem Konzept auffällig oft das Wort "Heimat" auf: "Heimatschutz", "Heimatnähe", "heimatfest". Zwar sind Herkunft und Identität große Themen für viele dieser Generation. Aber passt der starre, konservative Posterbegriff auf die vielen verschiedenen Facetten von Heimat und Zuhause, die junge Menschen haben? Die schlichte Definition der Bundeswehr – Deutschland – reicht vielleicht nicht aus.

Je näher man sich das Programm anguckt, desto sichtbarer werden seine Schwachstellen: Der Dienst ist nicht nach einem Jahr abgeschlossen, sondern innerhalb der nächsten sechs Jahre sollen sich die Freiwilligen noch mal ein halbes Jahr bereithalten. Wie soll das gehen in einer Zeit so großer Planungsunsicherheit? 

Nach dem Vorstoß der Wehrbeauftragten Eva Högl musste die Bundesverteidigungsministerin reagieren. Högl hatte Anfang Juli gefordert, die Wehrpflicht wieder einzuführen, um mit einer großen Zahl junger Menschen in der Truppe dem Rechtsruck innerhalb der Bundeswehr etwas entgegensetzen zu können. Kramp-Karrenbauer hat nun ein Monate altes Konzept aus der Schublade gescheiterter und unfertiger Pläne geholt, das sie jetzt als attraktive Lösung verkauft. Ein Schnellschuss.

Der Freiwillige Wehrdienst bräuchte wirkliche Anreize: Man könnte den Freiwilligen die Dienstzeit für die spätere Ausbildung anrechnen, ihnen hinterher den Zugang zu Universitäten erleichtern und sie überdurchschnittlich gut entlohnen. Gleiches müsste auch für die anderen freiwilligen Dienste gelten. Mit so einer Perspektive könnte es wirklich gelingen, junge Menschen aus der ganzen Gesellschaft zu motivieren, sich ein Jahr in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Und die Demokratie zu stärken.

Im April 2021 startet das Pilotprojekt, im August nächsten Jahres wird dessen Wirksamkeit untersucht. Vielleicht wandert der Plan dann wie so viele vor ihm zurück in die Schublade.

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Toll wäre doch ein Programm, welches einen kulturellen Austausch mit den EU-Staaten ermöglichen würde. Wieso hockt jeder zuhause. Grundausbildung wird in fast allen Staaten gleich sein - eine gemischte Truppe aus der EU kommend, über die Ausbildungszeit in unterschiedlichen Orten wäre viel attraktiver: es gibt kulturellen Austausch unter den Auszubildenden, sie sehen etwas von Europa, die europäische Gemeinschaft wird gestärkt, Fremdsprache werden angeeignet und es werden in der gesamten EU Freunde fürs Leben gemacht.

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