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Die Elite von der Alb

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Wer Karriere machen will, kann an einer prestigeträchtigen Universität studieren. Oder an einer Fachhochschule. Die gelten manchen als zweitklassige Bildungsstätte. Doch immer mehr Personaler schätzen die FHs wegen ihres Praxisbezugs – und der Treue ihrer Absolventen.

Auf dem Campus in Reutlingen fehlt eigentlich alles, was eine renommierte Hochschule ausmacht. Kein adrett gestutzter Park samt Teich, keine Statuen, keine in Würde gealterten Paläste der akademischen Bildung. Stattdessen: mehrere grünbeige und rotweiße Bürocontainer mit Fenstern. Und dem eckigen Block mit der Gebäudenummer 21 fehlt auch noch die Fassade.

Dass der Klotz dennoch das Vorzeigeprojekt von Dekan Christoph Binder ist, das erschließt sich einzig dem, der es bis ins Innere schafft. Es riecht noch nach dem verbauten Holz, orangene und graue Industrieroboter warten auf Anweisungen von Studentinnen und Studenten. Und die kleinen autonomen Fahrzeuge mit Metallverkleidung darauf, dass jemand den Startknopf drückt. Nur der 3-D-Drucker in einer Ecke surrt schon fleißig vor sich hin.

Binder will seinen Studenten hier das Rüstzeug für die künftige Arbeitswelt vermitteln. Knapp sieben Millionen Euro, unter anderem aus dem Bundesforschungsministerium, stecken in dem Bau, der in Anlehnung an seine Adresse, die Alteburgstraße 150, den Namen Werk150 trägt. Binder genügt es nicht, die Studierenden "nur im Hörsaal auszubilden".

Wirtschaft zum Anfassen – das ist das Erfolgsgeheimnis der ESB Business School, der wirtschaftlichen Fakultät an der Hochschule Reutlingen. Christine Mareen Rupp etwa, die nach ihrem Studium in Reutlingen Karriere in der Beratung machte und nun eine Geschäftseinheit bei Deloitte leitet, erinnert sich an eine "ESB-DNA": selbstsicher, stolz, kosmopolitisch.

Das klingt eher nach einer Eliteuni als nach einer Fachhochschule (FH). Und ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür, dass die Hochschule Reutlingen im Ranking der WirtschaftsWoche punktet – wie viele andere FHs auch. Die gelten vielen immer noch als einfacher Weg zum Abschluss: die Zugangshürden nicht so hoch, die Vorlesungen nicht so kompliziert, die Prüfungen nicht so schwierig.

Wer sich für diesen Weg entscheidet, der nimmt dafür in Kauf, am Ende das Stigma des Studiums zweiter Klasse mit sich zu tragen. Ein tieferer Blick in das Ranking aber, für das die Employer-Branding-Beratung Universum für die WirtschaftsWoche Personaler nach ihren Vorlieben befragt, zeigt: Das stimmt gar nicht.

Bei den Kriterien, die für ihre Auswahl entscheidend sind, landet der Hochschultyp lediglich auf dem achten Rang. Ganz oben: die Persönlichkeit. Ebenfalls deutlich weiter vorn: der Praxisbezug – eine Kompetenz, bei deren Vermittlung Fachhochschulen ihre verkopften Konkurrenten mit den großen Namen oft in den Schatten stellen.

BWL-Studium mit Elektroroller

Im Werk150 in Reutlingen manifestiert sich dieser Praxisbezug in Tretrollern, die die Studenten mehrere Tage lang gemeinsam fertigen. Reifen und Felge kommen als zusammenhängendes Bauteil aus dem 3-D-Drucker. Die Studierenden sollen sich in der Lernfabrik austoben. Und selbst herausfinden, ob Roboter und Datenbrillen den Alltag in einer Fabrik tatsächlich bereichern.

"Uns geht es um das tiefe Verständnis von Prozessen, Technologien und deren Zusammenspiel in der Produktentstehung", erzählt Vera Hummel, die das Werk150 leitet. "Nicht darum, die komplexesten Produkte zu bauen. "Zumindest noch nicht. Bald will Hummel auf Elektroroller umschwenken. Oder gleich auf Scooter mit Brennstoffzellen, wenn sie dafür auch nur die Aussicht auf eine Genehmigung hätte.

Ergänzt wird die Arbeit in der Lernfabrik durch Praktika und Projektarbeiten in der Wirtschaft. Zum Beispiel im eine Autostunde entfernten Winnenden. Hier sitzt mit Kärcher ein Familienunternehmen, das schon seit mehr als 20 Jahren seinen Nachwuchs an der ESB rekrutiert und dazu eng mit der Hochschule kooperiert. Die Absolventen seien keine "Überflieger", die am ersten Tag hochnäsig ins Unternehmen kämen, begründet dies Personalleiter Rüdiger Bechstein.

Mit seiner Begeisterung für die ESB ist Bechstein nicht allein, wie das Hochschulranking der WirtschaftsWoche zeigt. Für die Rangliste befragte Universum etwa 500 Personalverantwortliche von Unternehmen mit zehn bis zu Tausenden Beschäftigten, wo sie ihre Mitarbeiter am liebsten rekrutieren – und worauf sie dabei achten.

Das Ergebnis: Unter den Fachhochschulen punkten neben Reutlingen vor allem die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, die FH Aachen sowie die Hochschule München. Letztere führt sogar in drei Fächern das Ranking an – in Informatik, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen.

Bei den Universitäten belegt die TU München in drei Disziplinen den Spitzenplatz: Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsinformatik. Die TU Berlin liegt in Naturwissenschaften und Informatik ganz vorn. Bei Juristen und Volkswirten schneidet die Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) am besten ab.

Profs aus der Praxis

Dabei nähern sich beide Welten durchaus an, wie Axel Keulertz beobachtet, der bei Universum das Ranking betreut: "FHs werden etwas wissenschaftlicher, Unis etwas praxisnäher." Sechs Bundesländer haben inzwischen den gesetzlichen Weg geebnet, um an einer Fachhochschule zu promovieren. Am weitesten ist dabei Hessen, wo sieben FHs bereits den Doktortitel vergeben.

In Nordrhein-Westfalen könnten FHs noch in diesem Jahr das Promotionsrecht erhalten. Andererseits, betont Mathias Winde, der beim Stifterverband den Hochschulstandort Deutschland erforscht, bieten inzwischen einige Universitäten auch duale Studiengänge mit enger Anbindung an ein Unternehmen an. Auffallend oft in sozialen Bereichen wie die Uni Bremen in der Pflege oder die Uni Lübeck in Hebammenwissenschaft.

Doch so groß die Wertschätzung vieler Universitäten inzwischen fürs Praktische sein mag, sie tun sich schwer, den Vorsprung der Fachhochschulen in diesem Feld aufzuholen: "Weil die Lehrenden aus der Praxis kommen, können sie die Brücke viel besser schlagen als die Profs an der Uni, die ihr Leben lang in der akademischen Welt waren", sagt Winde. Monika Derksen hat sich deshalb bewusst für ein Maschinenbaustudium an der FH Aachen entschieden: "Nur in Vorlesungen und später dann im Bürostuhl zu sitzen, kam für mich nicht infrage", sagt die 26-Jährige.

Zu fast jedem Modul gehört dort neben Seminar oder Vorlesung die Arbeit im Labor oder bei Unternehmen aus der Region. Von dem guten Ruf der Fachhochschule hatte Derksen selbst mehr als 200 Kilometer entfernt, in ihrer Heimat in Gütersloh gehört. Aachen führt das Ranking der FHs nicht nur im Maschinenbau, sondern auch in Elektrotechnik an. Derksen arbeitet neben ihrem Master beim Aachener Industrieunternehmen Schumag und ist dort für den 3-D-Druck zuständig, auf den sie sich auch im Studium spezialisierte.

Doch der einmal in Richtung FH eingeschlagene Weg muss dort keineswegs enden. Martin Frick, Personaler beim Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen, erlebt es immer mal wieder, dass jemand nach einem dualen Studium, in dem er alle sechs Monate zwischen Unternehmen und Hochschule wechselt, noch einen Master an einer renommierten Universität draufsattelt. "Das sind Leute mit enormem Wissensdurst, solche Talente sind für uns sehr interessant."

Auffällig im Ranking ist zudem: Die Berliner Hochschulen gewinnen an Bedeutung. Die TU Berlin genauso wie die Humboldt-Universität, die HTW genauso wie die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin. Das dürfte, so die Vermutung von Keulertz, an dem Sog liegen, den die Stadt auf viele junge Menschen ausübt. Mit ihren Clubs, ihrer Start-up-Szene, dem internationalen Flair. Wer hier hinzieht, der ist offen für Neues. Und bringt dadurch genau das mit, was Unternehmen suchen.

Womöglich ist Berlin gerade auf dem Weg dorthin, wo München bereits steht: Die Hochschulen der bayrischen Stadt landen im Ranking seit Jahren auf Spitzenplätzen. Auch weil es ihnen in einer Metropole mit hoher Lebensqualität leichter fällt, Studenten anzuziehen.

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