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Beste Zeit des Lebens?

Uni-Absolventin hält einen Doktorhut [Quelle: unsplash.com, Autor: Evan Mach]

Quelle: unsplash.com, Evan Mach

Seit der Pandemie klingt die Präsenzlehre an der Uni nach einem einzigen Paradies. Dabei ging man vor Corona in manche Seminare nur wegen der Anwesenheitsliste. Sie fehlen nicht.

Grob unterteilt, gibt es bei mir im Studium momentan zwei Typen von Leuten. Typ eins kriegt bei Wörtern wie Hörsaal, Präsenzveranstaltung und sogar Mensaessen einen verträumt-ehrfürchtigen Schimmer in den Augen, und von den WG-Partys, die jetzt nach den Klausuren endlich stattfinden sollen, redet er, als gehe es um Feste in Gatsbys Villa. Ich bin im zweiten Semester.

Wer mit mir angefangen hat, studiert seit bald einem Jahr unterm großen C und war womöglich noch nie in einem Gebäude der Uni und in keiner WG außer der eigenen. Typ zwei, tendenziell ein paar Jahre älter, steht leicht amüsiert daneben und denkt hinter einem milde-altklugen Lächeln: als ob.

Als ob "Diskussionen" in Seminaren bloß deshalb besser würden, weil sie wieder Personen im selben Raum führten, und als ob das Problem nicht wäre, dass eine Hälfte nie das gelesen hat, worüber sie redet, und die andere Hälfte sich nicht traut, etwas zu sagen.

Bei meinem ersten Studienversuch nach dem Abi war ich selbst Typ eins und damals, nach dreizehn Jahren Wikipedia-Referaten und Pflichtlektüren, meine Erwartung ans Uni-Leben riesig. Frei und erwachsen, das würde ich als Student endlich werden.

Wie frustrierend muss es sein, diese Erwartungen noch ein Jahr länger mit sich herumzutragen, während man allein in seinem Zimmer vor einem Bildschirm sitzt und Dozentinnen und Kommilitonen bloß als Zoom-Kacheln kennenlernt. Man kann es sich ungefähr vorstellen und auch daran ablesen, dass an vielen Unis die Nachfrage nach psychologischen Hilfsangeboten enorm gestiegen ist. Klar ist die Sehnsucht nach dem Davor groß.

Ziemlich demotivierende Mittelmäßigkeit

Und trotzdem kommt es mir so vor, als hätte der Vor-Corona-Zustand über die vergangenen Monate auch in diesem Gesellschaftsbereich eine etwas zu heiligenscheinhelle Strahlkraft gewonnen. Auch an den Unis war davor längst nicht alles so toll.

Denn zur "Die beste Zeit des Lebens"-Erzählung rund ums Stichwort Studentenleben gehören seit Langem auch die halb lustig gemeinten Anekdoten über Professoren, die ihre Vorlesungen seit der Umstellung von Overhead auf PowerPoint nicht mehr verändert haben, und über Hausarbeiten, die sowieso niemand liest. (Ein Freund von mir hat einmal eine Hausarbeit abgegeben, die mitten im Satz abbrach, weil er die Uni wechseln würde und es ihm egal war, ob er bestünde. Er bestand.)

Man klingt schnell, als sehne man sich nach früher, wenn man jetzt von Massen-Vorlesungen anfängt, in denen die Leute höchstens mal fragen, ob etwas klausurrelevant ist. Einem Früher, das ich überhaupt nicht erlebt habe und das angeblich an einem Schreckensort endete, den ich auch bloß als WG-Party-Gröler "Bologna" der Wiener Band Wanda kenne.

Was ich ein bisschen kennengelernt habe an zwei deutschen Unis, ist ziemlich demotivierende Mittelmäßigkeit. Einen Bachelor in Politik und VWL konnte ich pro­blemlos machen, ohne dass je ein einziger ökonomischer Theoretiker drankam.

Am Anfang versuchte ich noch, mit extracurricularen Veranstaltungen aus dem Studienverlaufsplan auszubrechen und mir mein Studium zurechtzubasteln. Aber bald hatten mich das beruhigende Abhaken der Pflichtveranstaltungen und der steigende Count von Leistungspunkten korrumpiert.

Das fies Angenehme hinter dem bösen Wort "verschult" ist ja, dass man von den vielen Bewertungen wirklich ein bisschen high wird und das Gefühl bekommt, alles richtig zu machen.

Ein realitätsferner Elfenbeinturm

Als ich letztes Jahr noch mal anfing zu studieren, Psychologie, beschloss ich, überhaupt keine großen Erwartungen aufkommen zu lassen und das Studium als das zu nehmen, was es eigentlich ist: ein notwendiger Abschluss für einen bestimmten Beruf. Manchmal frage ich mich aber schon, wie es zum Beispiel sein kann, dass einige meiner Dozenten keine Präsentationsfolie ohne Rechtschreibfehler hinbekommen.

In einem Fach, das die Hälfte der Leute studiert, um später als Psychotherapeut oder Psychotherapeutin zu arbeiten, halte ich Sprache für relativ wichtig. Stattdessen stehen solche Sätze in Lehrbüchern: Im frühkindlichen Stadium werden lautstarke verbale Signale als Zeichen für unbefriedigte Bedürfnisse sowie zur Generierung von Aufmerksamkeit eingesetzt.

Das ist bloß minimal parodiert. Als fiele man aus dem Elfenbeinturm, wenn man einfach mal sagte: Babys schreien, weil sie etwas wollen. Wahrscheinlich gibt es hier auch deshalb so wenige gelehrte Bestseller-Autorinnen à la Jill Lepore und Daniel Kahneman. Denn die wollen ja, dass man sich für ihr Fachgebiet interessiert.

Wenn das studentische Augenrollwort "prüfungsrelevant" ist, dann bringen Dozenten fast genauso oft den Satz: Im echten Leben würden Sie das vielleicht nicht so machen. Nicht zeilenweise Zahlen in einen Taschenrechner eingeben, um die Werte einer Regressionsanalyse zu bestimmen.

Nicht anhand von zwei Symptomen über die Gabe geeigneter Psychopharmaka entscheiden (worüber man nach dem Psychologiestudium sowieso nicht entscheidet). Darum finde ich die Online-Klausuren, die jetzt an vielen Unis geschrieben wurden, mit ihrer Heuchelei sogar wieder relativ ehrlich. Alltagsnah.

Selbstverständlich wissen die Lehrenden, dass hier und dort jemand Antworten googeln wird, einige legen ihre Klausuren deshalb gleich extradetailliert an. Das macht das richtige Googeln zur eigentlichen Fähigkeit, und die wird man in vielen Jobs ja wirklich brauchen.

Und eine Regressionsanalyse kann man jetzt zwar das Statistikprogramm rechnen lassen, aber auch bloß, wenn man lernt, wie das geht. Die ganze Trickserei kommt mir immer mehr vor wie das Studium. Von A wie "Altklausuren", mit einem Ehrgeiz auswendig gelernt, der dem Gegenteil der minimalen Begeisterung für die Seminarlektüre entspricht, bis Z wie "zulassungsbeschränkten Studienplatz einklagen".

Aber klar, die Leute. Der Austausch und die Begegnungen, von ihnen lebt das Studium, wie das der Bundespräsident in einer Art Beileidsgruß zu Beginn dieses Semesters formulierte – sie fehlten und würden vermisst. Ja, klar.

Aber bloß sie? Bloß Austausch und Begegnungen, offene Bars und Bibliotheken? Vielleicht könnte es schon noch etwas mehr sein, was an einem Studium zu vermissen wäre. Vorlesungen und Seminare, zum Beispiel. Vortragende mit so viel Präsenz, dass man sie in einer Präsenzveranstaltung erleben will, auch ohne Anwesenheitsliste.

Diese Vortragenden und diese Vorlesungen aber fehlten eher nicht letztes Jahr. Die fehlen schon länger. Und so war womöglich nicht bloß ich manchmal dankbar dafür, den Laptop aufklappen zu können und aus dem Bett ein paar Pflichtveranstaltungen abzuhaken.

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Kommentare (2)

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  1. Anonym

    "Dabei ging man vor Corona in manche Seminare nur wegen der Anwesenheitsliste." In Deutschland gibt es ja keine Anwesenheitspflicht, daher kann man sich das dann gleich sparen. Tut mir ja leid für den Autor, dass er das Studium nicht richtig nutzen konnte. Aber es lebt nun mal von persönlichen Diskussionen. Man unterhält sich schon während der Vorlesung mit den Nachbarn, und wenn auch die nicht weiter wissen fragt man den Professor. Danach geht man gemeinsam Mittagessen und reflektiert die Vorlesung. In den Übungen nimmt man einfach mal die Kreide selbst in die Hand und führt den eigenen Rechenweg aus, um den elegantesten zu finden. Und wenn man es immer noch nicht blickt, sitzt man halt mal 2 Stunden im Büro des Tutors. Und je weiter man kommt, desto mehr werden die Diskussionen relevant. Da hilft oftmals der gemeinsame Kaffee mehr, als 10 Stunden alleine vor einem Blatt Papier zu hocken.

  2. Vincent Kästle

    O weia. Der Autor scheint ja eine eher traurige Uni-Zeit gehabt zu haben/noch zu haben. Ich seh die Dinge gar nicht so kompliziert, sondern freue mich einfach wieder auf ein echt menschliches Miteinander.

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