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Das lassen wir zurück

Wohngemeinschaft, Sofa, Gitarre, Feier, Mitbewohner, gute Laune [Quelle: pexels.com, Autor: Cedric Fauntleroy]

Quelle: pexels.com, Cedric Fauntleroy

Ein neues Studium, eine neue Stadt – einen Master beginnen heißt oft Abschied nehmen. Studierende erzählen von ihrer geliebten WG und warum sie ihre Mitbewohner:innen vermissen werden.

"Nach achtzig Anfragen auf WG-gesucht und 15 Besichtigungen habe ich es geschafft: Seit März wohne ich in einer Vierer-WG in Berlin-Spandau. Obwohl ich mich hier wohlfühle, fehlt mir meine alte Sechser-WG in Regensburg. Viereinhalb Jahre lang habe ich dort gelebt. Die Wohnung war irre. Zwei Küchen, zwei Bäder, ein Wohn- und sechs Schlafzimmer, fast alle waren um die 20 Quadratmeter groß und hatten selbst gebaute Hochbetten. Die Wände im Flur hängen voll mit Fotos von WG-Partys, die Fliesen im Bad sind mit Sprüchen vollgekritzelt, die Möbel wild zusammengewürfelt. Das Beste: Mein Zimmer hat nur 215 Euro im Monat gekostet. Noch mehr als die günstige Miete vermisse ich aber meine Mitbewohner:innen.

Die Pandemie hat uns zusammengeschweißt. Wenn an den Abenden mal wieder nichts ging, haben wir 'Carcassonne', 'Uno' oder 'Backgammon' gespielt oder die Reportage-Reihe 'Hofgeschichten' im NDR geguckt. Samstags sind wir regelmäßig zum Einkaufen auf den Markt gegangen und haben anschließend in der WG gekocht. Der Wegzug aus Regensburg war aber nicht nur schwer, weil ich meine geliebte WG zurückgelassen habe, sondern auch die Stadt, in der ich groß geworden bin, und damit meine Familie und meine Freund:innen."

Im Türrahmen sitzen und quatschen 

"Es gibt eine Sache, die ich definitiv nicht an meiner alten WG vermisse: meinen Nachbarn. Ein mürrischer, wortkarger Mann um die sechzig, der sich regelmäßig bei mir beschwert hat, weil die Musik zu laut sei. Ihm ging es aber nicht nur darum. Nein, er fand, ich würde 'schrecklich laut' laufen. Ich habe ihm dann immer wieder erklärt, dass ich dagegen nicht viel tun könne, aber ja ohnehin bald auszöge.

Im Sommer 2021 war es dann so weit. Ich ließ meine geliebte Zweier-WG samt Nachbarn hinter mir und zog von Mainz nach Paris. Hier mache ich den zweiten Teil meines Masters. Der Abschied von meiner Mitbewohnerin Marie-Kristin war traurig. Zweieinhalb Jahre haben wir zusammengewohnt. In dieser Zeit sind wir enge Freundinnen geworden: Wir haben gemeinsam mit dem Fechten angefangen und sind gemeinsam daran gescheitert. Bei gutem Wetter habe ich sie oft von der Arbeit abgeholt und bin mit ihr an den Rhein geradelt. Einen Sommer saßen wir fast jeden Abend mit Blaubeermuffins oder Käsekuchen auf dem Balkon – bis sich der Stahlblaue Grillenjäger, eine Wespenart, im Fensterrahmen eingenistet hatte. Im Sommer darauf haben wir unsere Abende dann nur noch in der Küche verbracht und gegoogelt, wie man die Tiere wieder loswird.

Diese langen Abende mit Marie-Kristin fehlen mir sehr. Hier in Paris wohne ich in einem Studierendenwohnheim. Auf meinem Flur leben 17 Studis, wir teilen uns eine Küche, zwei Toiletten und drei Duschen. Leider haben wir nicht viel miteinander zu tun, hier setzt sich niemand einfach wie Marie-Kristin in meinen Türrahmen und erzählt mir von ihrem Tag. In Paris gefällt es mir aber trotzdem sehr gut. Ich habe nette Leute in der Uni kennengelernt, wir gehen oft in Ausstellungen, sitzen mit einem Glas Wein auf den Terrassen der Cafés oder probieren uns durch die vielen Falafelläden der Stadt."

Zusammen in den Urlaub fahren 

"Die große Abschiedsparty fiel wegen der Pandemie leider aus. Stattdessen haben meine drei Mitbewohner:innen und ich es uns in der WG-Küche gemütlich gemacht und veganes Curry gegessen. Aber das passte eigentlich ganz gut. Denn auch wenn es ein bisschen kitschig klingt: Wir sind in nur zweieinhalb Jahren zu einer richtigen Familie geworden. Als wir 2019 in die WG in Kleve an der holländischen Grenze eingezogen sind, waren wir alle im ersten Semester.

Olga und Hanna studierten Psychologie, Jan und ich International Relations. Wir haben uns ab Tag eins super verstanden. Wir machten zusammen Yoga, fuhren im Sommer an den See und saßen oft bis in die Nacht in der Küche und quatschten über Gott und die Welt. Sogar in den Semesterferien konnten wir nicht ohneeinander. Einmal haben wir spontan einen Städtetrip nach Paris gemacht. Ein andermal sind wir für eine Woche nach Teneriffa geflogen.

Im Oktober bin ich dann für meinen Master in Politikwissenschaft nach Berlin gezogen. Ich studiere zwar in Potsdam, aber dort ist es noch schwieriger, eine Wohnung zu finden. In Berlin hangle ich mich von Zwischenmiete zu Zwischenmiete, gerade wohne ich bei Bekannten meiner Eltern. Am Anfang fand ich das Hin- und Herziehen spannend, denn so konnte ich verschiedene Stadtteile wie Kreuzberg oder Friedrichshain kennenlernen.

Inzwischen sehne ich mich aber nach einem festen Zuhause, nach einer WG, in der ich mich ähnlich wohlfühle wie in Kleve. Mit meinen alten Mitbewohner:innen, die auch weggezogen sind, schreibe ich alle paar Tage über WhatsApp. Wir schicken uns Fotos von damals oder von Klever Autokennzeichen, die wir entdecken. Ich bin mir sicher, dass wir uns bald wiedersehen werden. Nur weil die Zeit des gemeinsamen Wohnens vorbei ist, endet ja nicht unsere Freundschaft."

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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