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Berater werden vorsichtiger

Beratung Arbeit Büro Meeting [Quelle: Unsplash.com, Paul Bence]

Quelle: Unsplash.com, Paul Bence

Die Consulting-Unternehmen fürchten die Viruskrise, profitieren aber zugleich davon. Aus ihrer Sicht wird Corona die Wirtschaft bleibend verändern.

Der Buchstabe V hat für die deutsche Wirtschaft derzeit eine besondere Bedeutung: Er drückt die Erwartung und Hoffnung aus, dass sich die Konjunktur nach dem Coronaschock wieder schnell erholt und auf den vor der Krise erkennbaren Pfad zurückkehrt. Auch die Managementberatung Boston Consulting Group (BCG) prophezeit für die Wirtschaft nach derzeitigem Stand eine solche zügige Entwicklung.

Diese Einschätzung beruht nicht allein auf Optimismus. BCG hat sich die durch Epidemien ausgelösten Krisen in den vergangenen 100 Jahren angeschaut. "In allen Fällen war eine V-förmige Wirtschaftsentwicklung erkennbar", sagte BCG-Deutschlandchef Matthias Tauber auf einer Medienveranstaltung in Düsseldorf.

Es wäre eine auch für die Beraterbranche selbst wünschenswerte Entwicklung. Die deutschen Consultants wollen 2020 eigentlich ihr elftes Rekordjahr in Folge feiern – seit dem Einbruch nach der Finanzkrise kennen die Branchenumsätze nur den Weg nach oben. Ein externer Schock wie Corona könnte dies Makulatur werden lassen. Schließlich trifft es Consultants schnell, wenn Kunden sparen müssen und deswegen Projekte mit Dienstleistern streichen.

Noch passiert dies aber nicht im großen Stil, wie eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) zeigt. Der BDU hat in den vergangenen Tagen 400 Consultingfirmen zur aktuellen Lage befragt. 70 Prozent sehen derzeit noch keinen Anlass, ihre positiven Erwartungen für 2020 zu korrigieren. Aber die Berater werden vorsichtiger – und spüren teils bereits Auswirkungen durch Corona.

Das betrifft nach Angaben des BDU kleine und mittelgroße Human-Resources-Beratungen, die unter anderem Trainings, Fortbildungen und Personalveranstaltungen für ihre Kunden organisieren. Die werden wegen Corona gestrichen. Auch die Personalvermittler fürchten ums Geschäft, wenn sich Unternehmen jetzt mit Neueinstellungen zurückhalten.

Mehr Sanierungsberatung

Vor dem Ausbruch der Coronakrise hatten sich die Berater gegenüber dem BDU noch sehr ambitioniert geäußert: Der Verband ermittelte aus ihren Plänen ein neuerliches Wachstum des Marktes von 5,8 Prozent für 2020. Im vergangenen Jahr hatte die Branche mit fast der gleichen Rate auf das Rekordvolumen von 35,7 Milliarden Euro zugelegt. "Eine anhaltende Konjunkturdelle wird vor unserer Branche nicht haltmachen", sagte BDU-Präsident Ralf Strehlau. Er geht aber davon aus, dass Beratungen weniger stark getroffen werden. Zwei Gründe sprechen aus seiner Sicht dafür: Zum einen würden die Kunden ihre großen Transformationsprojekte nicht stoppen, sondern höchstens verzögern. Dabei geht es etwa um die Digitalisierung, die der große Geschäftstreiber der Berater seit Jahren ist. Zudem ergäben sich in einer Krise neue Beratungsaufträge – beispielsweise zu Sanierungs- oder Kostensenkungsprogrammen. BCG-Deutschlandchef Tauber bleibt für 2020 "vorsichtig optimistisch". Im vergangenen Jahr ist BCG hierzulande mit einer zweistelligen Rate gewachsen und dürfte die Umsatzschwelle von einer Milliarde Euro überschritten haben. Konkrete Landeszahlen nennt BCG nicht. Weltweit stieg der Umsatz um 14 Prozent auf 8,5 Milliarden Dollar. Nach dem starken Jahresstart seien bisher noch keine Einbußen durch die Coronakrise spürbar, sagte Tauber. Optimistisch bleibt auch Stefan Schaible, Global Managing Director von Roland Berger. "Gerade jetzt fragen sich viele Unternehmen, wie sie mit der Situation und den wirtschaftlichen Folgen umgehen sollen. Und daher sind Berater nach wie vor gefragt", sagte er dem Handelsblatt.

Die Berater erreichen immer mehr Anfragen der Kunden mit Coronabezug. "Die Kunden sind verunsichert über mögliche Auswirkungen auf Mitarbeiter, Kunden und Konjunktur", sagte Kai Bender, Deutschlandchef von Oliver Wyman, dem Handelsblatt. Mit den Beratern werden Szenarien und Reaktionsprogramme entwickelt.

Speziell durch die Coronakrise werden die Unternehmen nun ihre globalen Lieferketten durchleuchten und neu ordnen, prophezeit BDU-Präsident Strehlau. Das erwartet auch BCG-Deutschlandchef Tauber. Die aktuelle Krise zeige, dass die Abhängigkeit von einem oder wenigen Lieferanten gefährlich sei. Tauber geht davon aus, dass Firmen ihre Lieferketten stärker dezentralisieren werden. Das bedeutet: Statt auf einen Teilelieferanten für Produktionsstätten in aller Welt zu setzen, sollten die Unternehmen die Lieferketten stärker regional betreiben. In vielen Firmen werde derzeit heiß diskutiert, ob man es mit der Zentralisierung der globalen Belieferung in den vergangenen Jahrzehnten nicht übertrieben habe.

Der Coronaschock könnte nicht nur in dieser Frage zu weiteren strukturellen Veränderungen führen. So geht BCG davon aus, dass der E-Commerce und speziell die Lebensmittelbelieferung einen Schub bekommen könnten. Die durch das Sars-Virus im Jahr 2002 ausgelöste Krise hat nach Erkenntnis der Berater seinerzeit in China entscheidend zum Aufstieg des dortigen Onlinehändlers Alibaba beigetragen.

Zudem gehen die BCG-Experten davon aus, dass Erkenntnisse aus der Corona-Epidemie die Arbeitsweise in Firmen dauerhaft verändern könnten. Das gelte etwa für mobiles Arbeiten und Homeoffice, zu dem viele Firmen greifen, um Mitarbeiter zu schützen. Das bringt die Frage auf den Tisch, ob große Büros noch zeitgemäß sind.

Dauerhafte Folgen erwarten Berater auch bei Geschäftsreisen. Viele Firmen verzichten derzeit auf Meetings, setzen auf Videokonferenzen mit Kunden und Mitarbeitern – und würden dabei positive Erfahrungen machen, beobachtet BCG. Geschäftsreisen könnten zum willkommenen Hebel für Einsparungen werden.

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