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Der neue Feierabend

Feierabend, Freizeit, Arbeit, Work-Life-Balance [Quelle: pexels.com, Vlada Karpovich]

Quelle: pexels.com, Vlada Karpovich

Die Coronakrise hat die Grenzen zwischen Job und Privatleben endgültig verschwimmen lassen. Und das muss gar nicht schlecht sein.

Es ist der Job von Mathias Fischedick, die Karriere anderer zu beschleunigen. Und nicht selten empfiehlt der Coach Führungskräften, was viele von ihnen bis dahin als Tabu kannten: Auch in der Freizeit an strategisch wichtigen Projekten für ihre Karriere zu feilen. Viele Spitzenmanager nämlich, so seine Erfahrung, würden den Arbeitstag im Büro vor allem nutzen, um sich um Anliegen ihrer Mitarbeiter und Kunden zu kümmern. Wer tagsüber aber immer ansprechbar ist, viele kurzfristige Termine erledigt, komme oft nicht dazu, sich Aufgaben vorzunehmen, die volle Konzentration und Kreativität verlangen.

Und so setzen sich viele Manager, meist ohne es anderen gegenüber groß zu erwähnen, lieber morgens früh oder am Wochenende in Ruhe an den Schreibtisch – und sind dann sowohl produktiver als auch entspannter. Wenn sie nach ein paar Stunden Arbeit am späten Abend oder am Samstagvormittag den Laptop zuklappen, haben sie zwar ein paar unbezahlte Überstunden angesammelt – aber dafür den Kopf auch tatsächlich frei. Insgesamt, so der Eindruck von Coach Fischedick, hätten diese Menschen oft mehr Energie und fühlten sich ausgeglichener, weil sie zwar mehr arbeiten, aber dennoch weniger Sorgen mit sich herumtrügen.

Gewonnene Freiheit

Solche Aussagen erstaunen, widersprechen sie doch dem, was die öffentliche Meinung in den vergangenen Jahren vorgab. Die angemessene Work-Life-Balance ist eines der Paradigmen der heutigen Arbeitskultur. Wenn Manager in ihrer Freizeit arbeiten, gilt das als Zeichen von Überforderung und Überlastung, das Symptom einer bis zum Exzess beschleunigten Wirtschaftswelt. Der britische Organisationspsychologe Ian Hesketh von der Universität von Manchester prägte dafür den Begriff "Leaveism". Weil sie ständig erreichbar sein müssen, arbeiten Menschen "on leave", also nach Feierabend, im Urlaub, am Wochenende.

Doch spätestens die Coronakrise hat gezeigt, dass diese fast tabuisierten Verhaltensmuster immer noch die Regel sind – wahrscheinlich sogar mehr als je zuvor. Jeder dritte Deutsche wechselte ins Homeoffice und gab zu Protokoll, dass er dort eher mehr als weniger arbeiten würde. Und viele fanden das gar nicht mal schlimm, wohl weil sie es ohnehin gewohnt waren, dass die Grenzen zwischen Job und Freizeit verschwimmen. Diesen Eindruck bestätigen nicht nur Coaches wie Fischedick, sondern auch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse. Weder für die Produktivität noch für die seelische Balance ist Arbeit in der Freizeit zwingend nachteilig – solange sie selbst gewählt ist.

Klar, wenn Angestellte regelmäßig Arbeit mit in die freie Zeit nehmen, weil sie andernfalls um ihren Job fürchten und weil ihre Chefs ihnen zu viel Arbeit auflasten, dann ist das ein Problem. "Die zusätzliche Arbeitszeit kann aber für manche Menschen auch eine Entlastung und einen Gewinn an Lebensqualität bedeuten", sagt Coach Fischedick. Weniger Stress durch Arbeit nach Feierabend? Das gilt offenbar nicht nur für Manager. Organisations- und Arbeitspsychologen um Oliver Weigelt von der Universität Rostock haben Arbeitnehmer Tagebuch führen lassen über ihre Arbeitszeiten und ihr Stresslevel. Insgesamt 83 Berufstätige zwischen 21 und 65 Jahren aus unterschiedlichen Branchen notierten über drei Monate ihre unerledigten Aufgaben am Ende der Arbeitswoche. Zu Wochenbeginn gaben sie an, ob sie über das Wochenende ihre Freizeit genutzt hatten, um zu arbeiten – und wie sich dies auf ihr Stresslevel auswirkte.

Ergebnis: Die meisten Menschen können am Wochenende schlechter abschalten, wenn sie es unter der Woche nicht geschafft haben, alle wichtigen Aufgaben zu erledigen. Weigelt stellt fest: Gelingt es diesen Menschen durch Arbeit nach Feierabend oder am Wochenende, mit unerledigten Aufgaben voranzukommen, konnten sie die verbleibende Freizeit umso mehr genießen und starteten entspannt in die neue Woche.

Nur nicht zu ehrgeizig

"Gefährlich wird es dann, wenn jemand die Dinge nicht mehr aus freien Stücken und für sich selbst so organisiert, sondern weil die Person das Gefühl hat, sie muss Aufgaben auf Druck von anderen übererfüllen", warnt Wirtschaftspsychologin Svenja Hofert. Vor allem stark leistungsorientierte Menschen seien dafür anfällig. "Sie finden dann kein Ende, schließlich kann man immer noch mehr Aufgaben übernehmen oder Dinge noch perfekter erledigen." Irgendwann bleibe dann gar keine Freizeit mehr übrig. Ob es einem gelingt, eine gesunde Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen, sei auch Typsache – und eine Frage der Prioritäten, sagt Coach Fischedick. "Ich muss wissen, was mir wichtig ist – und mich so organisieren, dass all diese Dinge Platz in meinem Alltag finden." Ihm selbst beispielsweise sei seine Freiheit besonders wichtig. "Deswegen teile ich mir gerne meinen Arbeitstag flexibel ein." Und das kann eben auch bedeuten, dass er an manchen Tagen noch spät am Abend arbeitet oder auch mal ein paar Arbeitsstunden auf das Wochenende verschiebt. Sich von jemand anderem sagen lassen, wann er zu arbeiten hat und wann nicht? Das, sagt Fischedick, empfände er als noch anstrengender.

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