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Wie lerne ich meinen Job wieder lieben?

Zufriden im Job [unspalsh.com, Autor: Jeffery Erhunse]

Quelle: unspalsh.com, Jeffery Erhunse

Sind Menschen unzufrieden, ist oft die Arbeit schuld daran. Ein Jobwechsel soll alles besser machen. Warum das meist ein Irrtum ist, weiß die Beraterin Ragnhild Struss.

Die Chefin ist nervig, die Aufgaben langweilig, die Stelle nicht sicher. Und sowieso: Wozu der Stress im Job überhaupt? Studien zeigen, dass etwa jeder vierte Deutsche den Arbeitsplatz wechseln möchte. Die Corona-Krise hat den Frust bei vielen verstärkt. Die Berufsberaterin Ragnhild Struss berät auch Menschen, die ihren Job nicht mögen. Sie weiß, wann der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel ist – und wann der eigene Arbeitsplatz doch nicht so schlecht ist wie gedacht.

ZEIT ONLINE: Frau Struss, viele Menschen sind derzeit mit ihrem Job unzufrieden. Wie lässt sich das erklären?

Ragnhild Struss: Die Corona-Krise war ein Beschleuniger für den Frust, den viele verspüren. Der Druck zur Veränderung hat sich erhöht, weil sich die meisten nicht mehr so gut ablenken konnten. Erstens haben wir alle mehr Zeit gehabt, unser Leben zu reflektieren, zweitens sind wir nicht mehr so besorgt darüber, was andere sagen, wenn wir eine lebensverändernde Entscheidung treffen wollen. Schließlich ergeht es gerade vielen so. Hinzu kommt, dass sich die Arbeitsbedingungen verändert haben.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie?

Struss: Viele Leute sind auf den Inhalt ihrer Arbeit zurückgeworfen worden. Das gesamte soziale Leben in Büros – Kundentermine, Flurfunk, Mittagessen, gemeinsame Events – ist weggebrochen. Dadurch wächst der Druck bei Fragen wie: Interessiert mich der Job eigentlich wirklich noch? Motivieren mich meine Aufgaben? Oft sind Menschen schon lange unzufrieden und bemerken es erst jetzt.

ZEIT ONLINE: Ist es demnach ein guter Zeitpunkt, um sich mit einem Jobwechsel zu beschäftigen?

Struss: Nicht unbedingt. Nicht jeder, der derzeit unzufrieden ist, sollte einen Wechsel im Job anstreben. Viele Menschen übertragen ihre Unzufriedenheit fälschlicherweise auf den Job, weil sie sich nicht die Zeit nehmen zu analysieren, woher diese tatsächlich kommt und welche Veränderung im Leben notwendig wäre.

Mit einem Jobwechsel verbinden wir den Traum eines Neuanfangs.

Ragnhild Struss, Berufsberaterin

ZEIT ONLINE: Warum sehen wir so häufig unseren Job als Grund für unsere Unzufriedenheit?

Struss: Der Job ist für uns der Lebensbereich, von dem wir glauben, dass wir leicht Einfluss auf ihn nehmen können. Mit einem Jobwechsel verbinden wir deswegen den Traum eines Neuanfangs, der zu mehr Zufriedenheit führt. Beziehungen neu zu sortieren oder den Wohnort zu verändern, scheint hingegen weitreichendere Konsequenzen zu haben, deswegen schrecken wir davor zurück – auch wenn darin oft die eigentlichen Gründe für die Unzufriedenheit liegen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man herausfinden, woher der eigene Frust tatsächlich kommt? Schließlich möchte niemand versehentlich einen Job wechseln, der gar nicht das Problem ist.

Struss: Es gibt eine einfache Übung, die "Das Rad des Lebens" heißt. Dafür zeichnet man einen Kreis mit verschiedenen Tortenstücken für verschiedene Lebensbereiche, beispielsweise Arbeit, Familie, Freunde, Gesundheit, soziales Engagement, Nachhaltigkeit, Urlaub oder Kreativität. Dann überlegt man für jedes Tortenstück: Wie erfüllt bin ich denn in diesem Bereich auf einer Skala von 0 bis 100 und wie wichtig ist er mir von 0 bis 10? Und wenn ich dann merke, dass mir ein Bereich eigentlich wichtig ist, ich darin aber kaum erfüllt bin, sollte ich da zuerst etwas verändern. Eine weitere Übung: Man stelle sich vor, die eigene Lebensenergie füllt ein Glas Wasser und dieses Wasser muss dann auf andere Gläser, die alle wichtige Lebensbereiche symbolisieren, verteilt werden. Schnell wird dann deutlich: Man kann nicht jedes Glas komplett füllen, deswegen müssen Prioritäten gesetzt werden.

ZEIT ONLINE: Das klingt einfach. Viele würden vermutlich die Gläser für Familie, Freunde und Urlaub mit mehr Wasser füllen. Aber die meisten von uns müssen nun mal arbeiten und Geld verdienen.

Struss: Es geht nicht darum, dass ich meinen Job kündige, um nur noch Freizeit zu haben. Sondern dass ich die verbleibende Zeit so nutze, dass Familie und Freunde höchste Priorität haben. In diesem Fall hilft es natürlich, wenn ich nicht 16 Stunden am Tag arbeite, denn sonst macht mich diese Situation dauerhaft unzufrieden und krank. Genau das beobachten wir aber häufig: Menschen sind von ihrem Job abends so erschöpft, dass sie andere Lebensbereiche völlig vernachlässigen und dann noch unglücklicher werden. Diese Situationen lassen sich aber häufig ändern, beispielsweise durch weniger Überstunden oder Teilzeit.

Ein Problem ist, wenn eine Person im Beruf nicht sie selbst sein kann.

Ragnhild Struss, Berufsberaterin

ZEIT ONLINE: Und wenn das nicht reicht? Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Jobwechsel?

Struss: Ein Problem ist, wenn eine Person im Beruf nicht sie selbst sein kann und sich ständig verbiegen muss. Wenn jemandem beispielsweise Klimaschutz wichtig ist, sollte er oder sie vermutlich nicht bei einem Energieriesen arbeiten, weil das nicht den eigenen Werten entspricht. Dann rate ich oft zu einem Jobwechsel, weil diese Situation sich nicht ändern wird. Ein anderer Grund ist, dass man seine Stärken nicht einsetzen kann.

ZEIT ONLINE: Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Struss: Liebt es eine Person, zu gewinnen und mit Ellbogen zu kämpfen, ist ein Job, der viel Teamarbeit und Rücksicht erfordert, falsch. Dann benötigt derjenige ein Umfeld mit hartem Wettbewerb, um zufrieden zu sein.

ZEIT ONLINE: Was sollte ich tun, wenn ich meinen Chef oder meine Chefin nicht mag?

Struss: Ein ehrliches Gespräch kann helfen. Denn häufig unterstellen wir Vorgesetzten böse Absicht. Das ist meistens aber gar nicht der Fall, wie man mit einer Unterhaltung herausfinden kann. Wenn man weiß, dass nichts persönlich gemeint ist, fällt es leichter, damit umzugehen. Es gibt keine Menschen, mit denen man partout nicht klarkommt – vorausgesetzt, der andere hat eine gesunde Persönlichkeit. Allerdings spreche ich häufig mit Klienten und Klientinnen, die mehrmals den Job gewechselt haben und sich nie mit ihren Vorgesetzten verstehen. Die sollten das Problem bei sich suchen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Struss: Hier liegt die Ursache oft in einer negativen Einstellung gegenüber Vorgesetzten. Wenn ich schon als Kind oder Jugendlicher beigebracht bekommen habe, dass Chefinnen und Chefs sich einfach alles nehmen, was sie wollen, gelten deren positive Eigenschaften wie Willensstärke oder Durchsetzungsvermögen für mich als etwas Negatives.

Mit einer negativen Einstellung bringt auch ein Wechsel nichts.

Ragnhild Struss, Berufsberaterin

ZEIT ONLINE: Es ist also eine Frage der Haltung?

Struss: Ja, ebenso in anderen Situationen. Wer täglich ins Büro fährt und denkt: "Ach, ich würde viel lieber mit meinen Freunden im Park sein", der verstärkt seine negativen Gefühle. Wer aber andersrum denkt: "Ich bin dankbar, einen Job zu haben, mit dem ich mein Leben und die Freizeit mit meinen Freunden finanzieren kann", konzentriert sich auf das Positive. Das wirkt tatsächlich Wunder. Denn wenn man generell eine negative Einstellung zur Arbeit hat, bringt auch ein Wechsel nichts. Dann wird sich die Unzufriedenheit im nächsten Job fortsetzen. Häufig passen aber auch Eigen- und Fremdbild nicht zusammen und dann fühlt sich diese Person permanent falsch wahrgenommen.

ZEIT ONLINE: Wenn man sich beispielsweise überschätzt oder unterschätzt?

Struss: Meistens überschätzen sich die Menschen und sind enttäuscht, wenn sie ihrer Wahrnehmung nach nicht oft genug gelobt werden. Unzufriedenheit basiert sehr häufig auf dem Gefühl der Enttäuschung. Oft haben wir jedoch überzogene Erwartungen an den Inhalt eines Jobs oder die Menschen, mit denen wir arbeiten. Zum Beispiel wenn wir uns wünschen, dass jede einzelne Aufgabe in unserem Job zu 100 Prozent unseren Interessen entspricht. 

ZEIT ONLINE: Ist es vor allem ein Problem der jüngeren Generationen, dass sie zu viel vom Job erwarten?

Struss: Definitiv. Wir sind durch Social Media sehr außen- und konsumorientiert geworden. Der Anspruch ist, dass das, was glücklich macht, von außen kommen soll. Das ist ein sehr hedonistisches Glücksverständnis. Wenn ich das auf den Job übertrage, übernehme ich wenig Verantwortung und zeige kaum Eigenengagement. Wenn ich aber ein anderes Glücksempfinden praktiziere, ein eudaimonisches, dann wende ich mehr Energie auf, um mein eigenes Leben und damit auch den Job für mich gut zu gestalten. Und natürlich ist das auch bei Bewerbungen von Vorteil, weil Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefragt sind, die Eigeninitiative zeigen und Macher und Macherinnen sind.

ZEIT ONLINE: Es ist auch für die Arbeitgeber eine neue Situation, dass junge Mitarbeiter weniger Verantwortung übernehmen wollen.

Struss: Das stimmt. Wir hören mittlerweile häufig, dass Führungskräfte enttäuscht sind, weil ihnen von Bewerberinnen und Bewerbern nicht mehr gesagt wird, was diese alles leisten wollen. Sie fragen nur noch, was ihnen alles geboten wird. Mit dieser Man-hat-mir-zu-bieten-Haltung sind sie dann schnell unzufrieden im Job, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. 

Negativität zieht mehr Negativität nach sich.

Ragnhild Struss, Berufsberaterin

ZEIT ONLINE: Manchmal kann es guttun, sich abzureagieren und über den Job zu schimpfen. Hilft es uns, wenn wir uns beschweren?

Struss: Nein, das hilft nicht. Negativität zieht mehr Negativität nach sich. Der Frust wird dann nicht abgebaut, sondern verstärkt sich sogar. In dem Moment, in dem ich den Fokus auf das Negative richte, fällt mir immer mehr davon auf. Und weil die Gefühle immer abhängig sind von dem, was ich denke, fühle ich mich dann auch negativ. Das Gleiche funktioniert aber auch andersherum: In dem Moment, in dem ich mich frage: "Was ist in meinem Job positiv? Was kann ich lernen? Wofür bin ich dankbar?", fokussiere ich mich auf das Gute. Daraus ergibt sich häufig die Motivation, etwas im aktuellen Job zu ändern.

ZEIT ONLINE: Wie kann ich ansonsten meine Liebe zum Job wiedererlangen?

Struss: Oft hilft die Wunderfrage: "Wenn ich morgen aufwachen würde und alles möglich wäre, wenn Angst, Geld oder die Meinung anderer keine Rolle spielen würde, wie sähe mein Traumjob aus?" Viele Menschen denken dann zu klein, aber man kann sich das Ideal ausmalen und es dann herunterbrechen auf einen normalen Job. Anschließend sollte man sich fragen: "Wie sehr ähnelt dieser Traumjob meinem aktuellen Job und kann ich etwas tun, damit mein Job sich dahingehend ändert?" Wenn man beispielsweise durch Unabhängigkeit und konzentriertes Arbeiten motiviert wird, kann man durch einen ruhigeren Arbeitsplatz oder mehr Arbeit im Homeoffice dafür sorgen, dass man im aktuellen Job zufriedener ist.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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