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Strategien statt Feigenblätter

Was entgegnen Sie Leuten, die sagen, Wirtschaftsethik sei ein Fach für Gutmenschen?

Die Aussage enthält zunächst mal einen wahren Kern. Die meisten Menschen wissen ja eigentlich, was richtig und gut ist. Diese moralischen Vorstellungen aber auch umzusetzen ist viel schwieriger. Wenn Wirtschaftsethik sich mit ihrer konkreten Umsetzung befasst, ist es kein Fach für Gutmenschen, sondern angesichts der Wettbewerbsbedingungen nur realistisch. Wir verstehen unseren Studiengang als Teil der Managementlehre. Eigene Ziele realisieren zu können ist schließlich eine wichtige Fähigkeit für Führungskräfte.

Ist es nicht etwas verspätet, wenn man Führungskräfte über Ethik belehrt?

Dahinter stecken zunächst zwei Gedanken von Karl Homann, damals Professor für Philosophie an der LMU. Erstens, dass erst Berufstätige sich wirklich mit dem Thema Ethik auseinandersetzen. Studenten fehlt oft der Erfahrungshorizont. Zweitens, dass eine Weile vergeht, bis ein Bachelor-Student eine Führungsposition innehat, die gelernten ethischen Inhalte sind dann oft schon verblasst. Ähnliche Gedanken hat sich auch Julian Nida-Rümelin gemacht. Der brachte bei seiner Berufung an die LMU die Idee mit, einen Studiengang nach Vorbild der amerikanischen "ppe-studies" - philosophy, politics, economics - zu entwerfen. Gemeinsam haben Homann und Nida-Rümelin dann den Studiengang "Philosophie Politik Wirtschaft" begründet.

Die Leute, die zu Ihnen kommen, besitzen ja schon eine hohe Sensibilität für das Thema Ethik – werden damit nicht die Falschen angesprochen?

Auf lange Sicht nicht. Denn diejenigen, die für das Thema Unternehmensethik sensibilisiert sind, verändern den Wettbewerb früher oder später von innen heraus. Unternehmen werden es sich immer weniger leisten können, auf entsprechend geschulte Führungskräfte zu verzichten, denn schlussendlich haben sie dadurch selbst einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie entscheidungsfähige Führungskräfte einstellen.

Aus welchen Branchen kommen Ihre Studenten?

Das ist sehr bunt gemischt. Von Technologie über Versicherungen, Banken, Unternehmensberatungen, Software, Bauindustrie und viele andere. Wir hatten beispielsweise auch schon eine Firma, die für einen Pharmakonzern Medikamentenstudien an Menschen in Ländern der dritten Welt durchgeführt hat, die in der ersten Welt so nicht zulässig gewesen wären. Da ging es um die Frage, ob und wie man etwas an den existierenden Rahmenbedingungen verändern kann. Aus dem Wettbewerb zurückziehen und zusehen, wie andere weitermachen? Bei einer solchen Problematik ist Ethik natürlich ein brisantes Thema.

Wie unterscheidet sich Ihr Ethikstudiengang von anderen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Wirtschaftsethik-Studiengängen arbeiten wir kaum mit Fallstudien, sondern vielmehr mit Theorien. Der erste Schritt ist es, das nötige theoretische Rüstzeug zu lernen, im zweiten Schritt kommt dann das Verhältnis einzelner Theorien zueinander. Unser Ziel ist aber kein glattes Theoriemosaik. Vielmehr geht es darum, im dritten Schritt den richtigen theoretischen Ansatz für die Entscheidungsfindung zu wählen. Ein Vorteil ist dabei die Interdisziplinarität des Studiengangs: Politik, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Philosophie – bei uns spricht jede Disziplin mit ihrer eigenen Stimme. Schließlich kennt ein Ökonom die Marktrealität besser als ein Philosophiedozent.

Wie sieht das konkret aus, was für Lerninhalte vermitteln Sie ihren Studenten?

Wir gehen da sehr systematisch vor. Es werden zunächst paradigmatische Ansätze gelehrt, in der Philosophie wäre das beispielsweise die Tugendethik nach Aristoteles. Dabei ist das Ziel, dass unsere Studierenden beurteilen können, mit welchem ethischen Ansatz in einem Praxisfall argumentiert wird. Natürlich befassen wir uns auch mit konkreten Fragen. In der Medizin wären das zum Beispiel Themen wie Sterbehilfe oder Tierversuche. Wir hatten auch schon einen Telekommunikationsanbieter, für den Lobbyismus eine wichtige Rolle gespielt hat, bei Bankvertretern geht es dann um Dinge wie Steuerhinterziehung und Verantwortlichkeiten, etwa im Hinblick auf die Finanzkrise. Unsere Lehrveranstaltungen sind eher klein und sehr interaktiv, unsere Studenten bringen ihre berufliche Wirklichkeit in den Hörsaal mit.

Wie unterscheide ich als Laie, was echte Unternehmensethik ist und was reine PR?

Klebt ein Unternehmen Ethik wie ein Feigenblatt auf, steckt meist PR dahinter, Stiftungen oder Spendenaktionen sind da sehr beliebt. Wenn beispielsweise ein Unternehmen Kinderarbeit in seinen Betrieben zulässt, auf der anderen Seite dann für den örtlichen Kindergarten spendet, dann hat das etwas von Ablasshandel. Echte Unternehmensethik fängt in der Wertschöpfung an, in der Entscheidungsfindung. Ethische Überlegungen müssen schon in die Wettbewerbsstrategie eingewoben werden.

Wie gehen Sie mit der Sachzwänge-Argumentation um, die oft bemüht wird, wenn es um ethisches Handeln in der Wirtschaft geht?

Wer mit Sachzwängen argumentiert, hat das Problem falsch analysiert. Für die Unternehmen sollte es das Ziel sein, alle Wettbewerbsteilnehmer an einen Tisch zu bekommen und an einer Einigung zu arbeiten, um die bestehenden Sachzwänge aufzuheben. Raus aus der Wettbewerbslogik - mit entsprechenden Regelungen, Zertifikaten und Sanktionen für einen Verstoß. Keiner muss den Wettbewerb so mitmachen.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Ein positives Beispiel hierfür ist die Einführung phosphatfreier Waschmittel. In den 80er Jahren gab es massive Umweltprobleme, weil Phosphat zu einer starken Veralgung im Wasser führt. Aber die Verwendung von Phosphat war billiger, wer darauf verzichtet hat, hatte einen Wettbewerbsnachteil. Die Hersteller haben dann schließlich alle an einem Strang gezogen und so erwirkt, dass heute kein Phosphat mehr in der Waschmittelproduktion erlaubt ist – alle hatten sozusagen erst mal einen "Nachteil", dadurch hat sich der Wettbewerb nicht verzerrt.

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