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Wer sein Leben verändern will, soll mit dem Bett anfangen

Bett, Ordnung, Nachttisch, Schlafen [Quelle: unsplash.com, Autor: Holly Stratton]

Quelle: unsplash.com, Holly Stratton

Wer erfolgreich sein will, braucht Rituale, heißt es. Der Offizier William McRaven macht jeden Morgen sein Bett – in den USA wurde er zu einer Legende.

Wer die Welt verändern will, muss im Schlafzimmer anfangen. Der ehemalige amerikanische Offizier William McRaven zeigt auf sein Bett: zwei Meter lang, zwei Meter breit, über den weißen Laken und Kissen liegt eine Tagesdecke mit dunkelrotem Blumenmuster. "Jeden Morgen mache ich nach dem Aufwachen sofort mein Bett", sagt der 63-Jährige, "das ist die erste Aufgabe des Tages. Jeder, der das schafft, kann danach noch eine Aufgabe erledigen. Und noch eine und noch eine."

Während der Ausbildung mussten die Laken so straff gespannt sein wie möglich

Es ist neun Uhr morgens in Austin, Texas, McRaven ist seit zwei Stunden wach. Seit mehr als vier Jahren ist er Rentner, doch er sieht noch immer aus, als würde er sofort salutieren. Er trägt eine dunkelblaue Bundfaltenhose, die grauen Haare zur Seite gekämmt, gleich muss er zur Eröffnung einer Militäreinrichtung. Früher, als McRaven mit 22 Jahren seine Ausbildung bei den Navy Seals, einer Spezialeinheit der United States Navy, begann, gab es einen Test. Nur, wenn die Laken so straff gespannt waren, dass der Ausbilder eine Münze darauf springen lassen konnte, hatte ein Seal das Bett richtig gemacht. "Inzwischen nehme ich das ein bisschen lockerer", sagt McRaven. Sein Schlafzimmer sieht aber nicht so aus. Es ist so aufgeräumt, es könnte auch ein Hotelzimmer sein.

McRaven weiß, dass seine morgendliche Routine für viele zuerst banal klingt. Auch er brauchte ein bisschen Zeit, bis er erkannt habe, wie wichtig es sei, das Bett zu machen. "Wenn du die Welt verändern willst, fang mit den kleinen Sachen an", sagt McRaven. Und leitet daraus eine Lebensphilosophie ab: das Bett machen, anderen helfen, etwas riskieren. Mit diesen Regeln kann jeder seinen Alltag strukturieren, ohne gleich das ganze Leben umkrempeln zu müssen.

Seine Botschaft klingt auch deshalb so glaubwürdig, weil er in den USA eine Legende ist. Er war Oberbefehlshaber der Einheit für Spezialoperationen. Unter seiner Führung wurde in Pakistan der Terrorist Osama bin Laden getötet und im Irak Saddam Hussein gefangen genommen. Zuletzt arbeitete er für Barack Obama. Sein Name steht heute in Geschichtsbüchern.

Warum ist die Sehnsucht nach einem Regelwerk für den Alltag so groß?

Bekannt wurde McRaven aber auch wegen des Betts: Im Mai 2014 hielt er an der Universität in Texas vor 8.000 Studierenden und 20.000 Besuchern die commencement address. Er selbst hatte dort in den Siebzigerjahren studiert. In seiner weißen Uniform, mit unzähligen Abzeichen aus dem Irak- oder dem Afghanistankrieg und einer Offiziersmütze, stand er auf dem Podium und erklärte in einem Zehnpunkteplan, wie jeder und jede die Welt verändern könne. Die Rede ging viral. Bis heute haben sie mehr als zehn Millionen Menschen auf der ganzen Welt gehört. Sein Buch Mach dein Bett! stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times. Das nicht einmal 100 Seiten lange Werk wurde zu einer Art Bibel für Jünger der Morgenroutine. Kann das Bettenmachen wirklich das Leben verändern? Und warum ist die Sehnsucht nach einem Regelwerk für den Alltag überhaupt so groß?

McRaven sitzt am weißen Küchentisch mit Blick auf die Bäume im Garten. Und seine Morgenroutine ist dann doch ein bisschen komplexer, als nur das Bett zu machen. Das Programm klingt eher nach Silicon-Valley-CEO und weniger nach Rentner: erst das Bett machen, dann Gewichte heben, Sit-ups, Work-out, insgesamt 45 Minuten lang, danach duschen, anziehen, Kaffee trinken, frühstücken. Spätestens um zehn Uhr klappt er sein Laptop am Schreibtisch auf und beginnt mit dem, was von seiner Arbeit übrig geblieben ist: Die Aufarbeitung der Vergangenheit. "Gerade schreibe ich an meiner Biografie", sagt McRaven. Sein Buch Sea Stories: My Life in Special Operations erscheint im Mai 2019.

Die Obsession des Bettenmachens liege in seiner Familie. Schon seine Mutter, eine Lehrerin, habe es ihm als Kind anerzogen. "Mach dein Bett!", habe sie gesagt und vor dem Frühstück kontrolliert. Manchmal habe er die Laken einfach nur über die Matratze geworfen. "Damit bin ich nicht durchgekommen", sagt McRaven, "Sie hat mir aber nie gesagt, warum es wichtig sein könnte", sagt McRaven. Das habe er erst später begriffen.

Mit 22 Jahren begann McRaven seine Ausbildung bei den Neavy Seals, der Eliteeinheit des amerikanischen Militärs. Und da war es nicht seine Mutter, sondern ein Ausbilder, der ihn zum Bettenmachen zwang. Doch auf einmal sah er einen Sinn darin: "Wenn du die Laken glattziehst, das Kissen ausschüttelst, bekommst du einen Sinn für Ordnung und Struktur. Für den Tag, für dein Leben", sagt McRaven. Das Seal-Training gilt als besonders hart, nur wenige schaffen es. So bekommt das Bett eine höhere Bedeutung: Es steht stellvertretend für Disziplin und Ordnung, einen Aspekt, auf den McRaven sich verlassen kann, eine Konstante, die dabei hilft, Herausforderungen zu meistern. "Wenn ich aus der Zimmertür getreten bin, wusste ich, ich habe schon etwas geschafft", sagt er, "und es hat mich inspiriert, weiterzumachen."

Es waren die Herausforderungen in der Ausbildung, aus denen McRaven Lebensweisheiten ableitete: Zu siebt paddelten die Männer in einem Schlauchboot der Brandung entgegen. "Wenn Sie die Welt verändern wollen, suchen Sie jemanden, der Ihnen beim Paddeln hilft", sagt McRaven. Nichts spiele dabei eine Rolle außer der Wille zum Erfolg, nicht die Hautfarbe, nicht die ethnische Herkunft, nicht die Bildung und nicht der soziale Status. In anderen Regeln geht es um Risikobereitschaft, Angst, Durchsetzungskraft, Mut oder Optimismus. "Egal, was passiert, machen Sie weiter", sagt McRaven.

Die einfachen Regeln passen gut in unsere Zeit. Auch der kanadische Autor Jordan Peterson landete einen Bestseller mit seinem Buch 12 Regeln des Lebens. Tausende pilgern zu seinen Lesungen und verehren – oder kritisieren – ihn. Und die japanische Autorin Marie Kondo ist mit ihren Aufräumbestsellern sehr erfolgreich. Zum Jahresbeginn startete ihre eigene Serie auf Netflix. Wenn die Welt sich wandelt, scheint die Sehnsucht nach Kontrolle über den Alltag zu wachsen – und dazu braucht es Regeln. Regeln, wie die Leser sie auch in McRavens Buch finden.

Die Botschaft: Jeder ist für seinen Erfolg selbst verantwortlich

"Mein Buch hat Menschen durch schwierige Zeiten geholfen", sagt McRaven. "Die Leser schreiben mir, dass das Bettenmachen dem Anfang des Tages einen Sinn gegeben hat." Schwierige Zeiten hat McRaven selbst erlebt, bei Auslandseinsätzen in Kriegen oder als er bei einem Fallschirmsprung beinahe starb. Er ist nicht der Superheld, der Superkräfte propagiert, sondern so erfolgreich, weil er sich an Alltagsregeln gehalten hat. Auch deshalb kommt seine Botschaft so gut an: weil sie die Hoffnung vermittelt, dass für den Erfolg etwas verantwortlich ist, was jeder selbst sofort umsetzen kann. Und natürlich hat McRaven nicht nur durchs Glattziehen der Laken seine Ziele erreicht. Aber für einen Moment kann es jeder glauben.

"Du bist keine schlechte Person, wenn du keine Rituale am Morgen hast", sagt McRaven. In seinem Buch schreibt er, dass der Diktator Saddam Hussein in Gefangenschaft nie sein Bett gemacht habe. "Nur, weil du dein Bett nicht machst, macht das aus dir keinen Saddam Hussein", sagt McRaven. Und was ist mit Donald Trump? "Davon möchte ich erst gar nicht anfangen!" McRaven ist einer der wenigen aus dem Militärsektor, der sich öffentlich gegen den Präsidenten Trump stellt. Anfang 2017 bezeichnete er Trump in einem Interview mit der Washington Post als "die größte Bedrohung für unsere Demokratie". Wer wie Trump das Recht auf freie Meinungsäußerung infrage stelle, untergrabe eine wichtige Säule der Verfassung. Viele solidarisierten sich mit ihm. CNN handelt ihn bereits als potenziellen Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen im kommenden Jahr. Egal, was noch passiert: McRaven wird weiterhin sein Bett machen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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