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Ruhig bleiben

Mann Laptop Gestresst Verzweifelt Sanduhr Arbeit Weißes Büro Tisch [Quelle: Pexels.com, Autor: Thirdman]

Quelle: Pexels.com, Thirdman

Frisch von der Uni in der Kanzlei, im Gericht oder im Unternehmen gestartet, ist so mancher Berufseinsteiger überfordert, die unbekannten Abläufe und Prozesse führen schnell zu Stress. Hier gilt es, Ruhe zu bewahren.

Juristinnen und Juristen müssen beim Start in den Job alle Abläufe kennenlernen und verinnerlichen – und das braucht Zeit. Überforderungsgefühle am Anfang sind dann keine Seltenheit. Wenn dann noch eine weitere Aufgabe hinzukommt, empfinden Berufseinsteiger diese Situation schnell als Stress. 

Aber hier gilt der Grundsatz: Alles ist eine Frage der Zeit. Abläufe werden zur Routine und Aufgaben werden immer schneller erledigt. Damit bleibt wieder mehr Luft für das, was neu hinzukommt. "Keine Panik schieben, man wird immer schneller", rät Helmut Linck. Er ist seit 2016 bei Ruisinger Steiner Remmele in Augsburg als selbständiger Rechtsanwalt tätig und seit diesem Jahr Fachanwalt für Strafrecht. Er hat es langsam angehen lassen und seine Mandantenkartei mit der Zeit aufgebaut. 

Natürlich muss er die Nachfrage bedienen und auch seine Brötchen verdienen. Aber als selbständiger Anwalt hat er das Glück, dass es ihm überlassen bleibt, welche Mandate er übernimmt. "Die Frage des Workloads ist auch von diesen Fragen abhängig: Wieviel will ich verdienen, wieviel Freizeit will ich mir gönnen", so der Rechtsanwalt. 
Nach der Uni könne man erst einmal noch nichts – v.a. was die formalen Dinge wie zum Beispiel Abrechnungen angehe. Jungen Anwältinnen und Anwälten rät er deshalb: "Nehmt euch Zeit, die Abläufe und Prozesse kennen zu lernen. Und keine Panik – ihr werdet die Dinge mit der Zeit immer schneller bearbeiten können". 

Mit Ruhe und kollegialer Unterstützung gegen den Zeitdruck

Wichtig sei auch, sich Möglichkeiten für den Austausch mit anderen Juristen zu suchen – für ihn waren das zum einen die Kolleginnen und Kollegen in seiner Kanzlei, die er jederzeit befragen konnte. Zum anderen empfiehlt er das Forum junge Anwaltschaft mit seinen Ortsgruppen: Hier tummele sich genug Know-how um Antworten auf alle Fragen zu erhalten. Schwieriger stelle er sich die Sache vor, wenn man sich als Anwältin oder Anwalt von Anfang an mit einer eigenen Kanzlei selbständig macht und nicht auf eine eingespielte Verwaltung zurückgreifen kann.

In der Tat ist die Situation nicht überall gleich, je nachdem für wen man tätig ist. Mara Meyer arbeitet als Syndikusrechtsanwältin beim Arbeitgeberverband für die Textil- und Bekleidungsindustrie nordwest und berät die Mitgliedsunternehmen in den Bereichen Arbeits- und Tarifrecht. Sie muss als Dienstleisterin agieren und annehmen, was per Telefon oder E-Mail bei ihr auf den Schreibtisch kommt und schnell entscheiden, wo zeitliche Prioritäten liegen. Bei Angelegenheiten wie z. B. fristlosen Kündigungen kann nicht lange gewartet werden, da gilt es, schnell zu handeln.

Tipp: Ein eigenes System schaffen

Am Anfang habe sie sich schon überfordert gefühlt, insbesondere dann, wenn mehrere Gerichtstermine und Schriftsatzfristen in einer Woche zusammenkamen. Geholfen habe ihr: "Mein eigenes Ablagesystem und eine gute Vorausplanung meiner Arbeitswoche", erzählt die Syndikusanwältin. Auch sie bestätigt, dass mit der Zeit Routine einkehre und man einen Blick dafür bekomme, was wirklich eilig sei. Heute brauche sie für eine Abmahnung in der Regel knappe zehn Minuten – am Anfang ihrer Tätigkeit war es unter Umständen noch eine Stunde.

Der Corona-bedingte Lockdown im März habe allerdings jedwede Planung über den Haufen geworfen: Da seien sie alle überrannt worden – die E-Mail-Flut und das Anruf-Aufkommen von Seiten der Mitgliedsunternehmen seien immens gewesen – und alles hatte oberste Priorität. Doch das sei eine Ausnahmesituation gewesen – der zweite Lockdown war von allen Seiten besser vorbereitet.

In besonders stressigen Zeiten helfe ihr, tief durchzuatmen, die Dinge nüchtern zu betrachten – und das Wissen, dass meist nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Das rät sie auch jungen Juristinnen und Juristen, die neu im Job sind. Ein großer Vorteil ihrer Arbeit im Verband sei zudem die kollegiale und fast schon familiäre Atmosphäre – jeder helfe jedem, internen Wettbewerb gäbe es keinen. Sich mit den Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, könne sehr hilfreich sein, durchaus auch, um sich rückzuversichern, empfiehlt die Anwältin.

Nachfragen ohne Scheu

Kommunikation und kollegiale Unterstützung pflegen auch Großkanzleien – sogar noch bevor der eigentliche Job beginnt: Baker McKenzie hat ein Career Mentorship Program, das ausbildungsbegleitend angelegt ist. So kann der Nachwuchs bereits vor dem Einstieg in der Großkanzlei wichtige Fähigkeiten erlernen und Kontakte knüpfen. Constance Kemmner, Associate im Bereich Tax bei Baker McKenzie, ist nach nur 1,5 Jahren selbst Mentorin und betreut einen jungen Juristen in der Ausbildung. 

Ihr haben die Buddy- und Mentorprogramme den Einstieg bei Baker McKenzie leicht gemacht, berichtet sie. Sie schätze das insgesamt sehr selbständige, orts- und zeitunabhängige Arbeiten, das schon vor Corona Teil der Unternehmenskultur gewesen sei. "Klar ist unsere Arbeit herausfordernd. Aber wenn man große, grenzüberschreitende Mandate spannend findet, auf denen man in interdisziplinären Teams über Länder und Kontinente hinweg arbeitet, ist eine internationale Großkanzlei die richtige Wahl", erzählt die Anwältin. 

Durch zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten – z. B. eine Inhouse University für Associates – baue man sich schnell ein zuverlässiges Crossborder Netzwerk auf. Ihre Tipps für den Einstieg: Den Arbeitstag nach Deadlines strukturieren, die persönlichen Spitzenzeiten ausnutzen, Anrufe und Meetings gut terminieren, und sich am Anfang an den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen orientieren. "Kommunikation ist das wichtigste – ohne Scheu", so Constance Kemmner.

Nichts geht ohne Struktur

In der Coronazeit habe ihr das interne, virtuelle StayConnected-Programm geholfen, das die Kanzlei im Zuge des ersten Lockdowns im März 2020 ins Leben gerufen hat: Neben E-Learning-, Q&A- und Netzwerk-Sessions gibt es auch Fitness/bWell-Angebote, um weiterhin mit den Kolleginnen und Kollegen im Austausch zu bleiben, sich zu vernetzen und um das mentale Wohlbefinden zu unterstützen.

Auch McDermott Will & Emery stellt jedem Neuling einen Mentor zur Seite, darüber hinaus gibt es ein standortübergreifendes Associate Committee, dessen Mitglieder die Neuen unterstützen. Franziska Leubner hat gleich zwei Mal bei McDermott in München angefangen – zunächst im Bereich IT-Recht, dann ist sie in den Bereich Arbeitsrecht gewechselt. In beiden Fällen war sie Teil eines kleinen Zweier- bzw. Dreier-Teams, was ihr gut gefällt: "Ich hatte von Anfang an einen direkten Kontakt zum Partner, konnte ohne Hemmschwelle meine Fragen stellen, fühlte mich gut vernetzt". 

Ansonsten sei es wichtig, Struktur in den Alltag zu bringen: "To-do-Listen in Schriftform helfen mir dabei, den Überblick zu behalten. Und eine gute Planung der nächsten Schritte, die Fristen berücksichtigt, aber auch die Abstimmungszeiten mit dem Mandanten bzw. mit dem eigenen Chef."

Struktur, kollegiale Unterstützung und das Wissen, das man mit der Zeit effizienter wird – all dies braucht es, um die eigene Resilienz zu stärken und um gut im Job zurechtzukommen. 

© LTO. Weitere Artikel zum Thema bietet die Rubrik "Jurastudium" von Legal Tribune ONLINE.

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