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Psyche in der Corona-Krise

Wird das Problem der psychischen Folgen der Corona-Krise bislang unterschätzt?

Zu Beginn der Krise hatte ich das Gefühl, dass vor allem medizinische und politische Aspekte im Vordergrund standen, da sehr schnell sehr weitreichende Entscheidungen getroffen werden mussten. Mittlerweile erhalten, soweit ich das einschätzen kann, auch die psychischen Folgen dieser Maßnahmen mehr Aufmerksamkeit. Das ist gut und wichtig, denn wir alle müssen in der jetzigen Situation neue Routinen entwickeln, um unser psychisches Wohlbefinden zu sichern.

Wie kann das konkret aussehen?

Der Alltag vieler Menschen ist – oftmals ohne dass uns das bewusst ist – so gestaltet, dass er uns ein Mindestmaß an psychischem Wohlbefinden sichert: Der Weg zur Arbeit bringt frische Luft, eine Gesprächspartnerin im Büro bringt sozialen Austausch auch abseits des inhaltlich Notwendigen mit sich, der Besuch im Theater inspiriert. Sitzen wir nun im Home-Office und wahren soziale Distanz, dann ist es wichtig, dass wir uns explizit darüber Gedanken machen, wie wir unserer Psyche etwas Gutes tun: frische Luft schnappen, sich bewegen, im engen Austausch mit unseren Mitmenschen sein, um ihnen auch aus der Ferne nah zu sein, und sich von digitalen Angeboten von Kunst und Kultur inspirieren und fesseln lassen.

Wenn man merkt, dass einem die momentane Situation nicht guttut, sollte man also schnell reagieren?

Ja, zum Beispiel sollte man auch mit anderen Menschen darüber sprechen, denn viele erleben ja gerade ähnliche Herausforderungen. Auch wenn es momentan vielleicht naheliegend scheint, sich in der Kommunikation nur auf das zu beschränken, was inhaltlich wesentlich ist, ist es wichtig, die soziale und psychologische Dimension mitzudenken, zum Beispiel auch mal eine Kaffeepause mit Kolleginnen oder Freundinnen über Videochat einzuplanen. Meine Mitarbeiter probieren zum Beispiel gerade aus, wie es ist, sich zum Arbeiten über Skype zu treffen, selbst wenn jeder für sich im Home-Office arbeitet. Das kann Gemeinschaft stiften und Gelegenheiten für Smalltalk und Zwischenmenschliches schaffen.

Können hier auch die sozialen Medien eine wichtige Rolle spielen?

Die sozialen Medien können hilfreich sein, um sich einen Überblick zu verschaffen und Ideen für die Bewältigung der Situation auszutauschen. Auch die dort verbreitete Solidarität, die Unterstützungsangebote in der Nachbarschaft und die Digitalisierung künstlerischer Offline-Projekte finde ich eindrucksvoll. Gleichzeitig verbreitet sich in den sozialen Netzwerken auch leicht Panik, denn Angst ist ansteckend. Gerade Personen, die die Corona-Krise emotional sehr belastet, würde ich daher empfehlen, soziale Netzwerke wie Twitter nur wohldosiert zu nutzen.

Hat diese Krise das Potential, uns zu verändern, uns neue Dimensionen unserer Persönlichkeit zu erschließen?

Menschen sind sehr anpassungsfähig, selbst in Bezug auf sehr ungewohnte Situationen. Ob sich die Persönlichkeit verändert, ist zumindest fraglich. Die Psychologen Caspi und Moffitt nehmen in ihrer paradoxen Theorie der Persönlichkeitskohärenz beispielsweise an, dass sich die Persönlichkeit in neuen Situationen nur dann ändert, wenn klar ist, wie man sich verhalten muss, um die neue Lage gut zu bewältigen. Anderenfalls führten neue Situationen sogar eher dazu, dass wir zunächst an bisherigen Gewohnheiten festhalten. Das würde bedeuten, dass sich unsere Persönlichkeit während der Corona-Krise sogar stabilisieren könnte.

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