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Sieger werden überschätzt

Mann, Sonnenbrille, Telefon, Balkon, Aussicht [Quelle: unsplash.com, Autor: Austin Distel]

Quelle: unsplash.com, Austin Distel

Glück spielt eine größere Rolle beim Erfolg, als wir denken. In einem neuen Buch fordert Verhaltensforscher Chengwei Liu daher ein Ende des Kults um den CEO oder Popstar.

Was spricht eigentlich dagegen, bei der Wahl für den CDU-Vorsitz das Los entscheiden zu lassen? Oder bei der nächsten Dax-Vorstandswahl eine Münze zu werfen? Kopf für Kandidat A, Zahl für Kandidat B. Klingt verrückt? Nicht für Chengwei Liu. Der Professor für Strategie- und Verhaltensforschung an der Berliner Business School ESMT untersucht seit etwa zehn Jahren den Einfluss von Zufällen auf die Karriere. Und hat festgestellt: Der Faktor Glück spielt gerade in Top-Positionen eine enorm wichtige Rolle. Jetzt veröffentlichte der 40-Jährige ein Buch dazu: "Luck: A Key Idea for Business and Society".

Etwas überspitzt formuliert lautet die These: Die Reichen und Erfolgreichen unserer Gesellschaft sind im Grunde genommen nichts weiter als Glückspilze. Deshalb mache es aus Lius Sicht auch keinen großen Unterschied, wenn bei der Ernennung eines neuen Konzernchefs der Zufall entscheide. Im Gegenteil: "Es wäre sogar deutlich fairer", argumentiert Liu. Schließlich seien CEO-Anwärter oft ähnlich qualifiziert. Da könnte ein Münzentscheid unschöne Machtspielchen unterbinden. Der Professor mit Wurzeln in Taiwan gilt als Koryphäe in seinem ungewöhnlichen Forschungsgebiet. Liu lehrte vor seinem Engagement in Berlin unter anderem in Cambridge, Oxford, Boston, Warwick, Peking, Singapur und am MIT. Seine Arbeiten zum Thema Glück und Verhaltensstrategie werden regelmäßig in führenden wissenschaftlichen Journals abgedruckt. Oder in internationalen Medien diskutiert, was ungewöhnlich für die meisten Wissenschaftler ist. Aber Liu ist eben auch nicht wie die meisten Wissenschaftler. Das zeigt auch sein unterhaltsames neues Buch.

Darin stellt der Verhaltensforscher auf gut 100 Seiten klar: Erfolgsformeln, wie sie uns Business-Ratgeber weismachen wollen, gelten oft wenig. "Die Fähigkeiten von extrem erfolgreichen Menschen werden meistens überschätzt, während Glück und Zufall systematisch unterschätzt werden." Gerade einmal zwei Prozent aller englisch-sprachigen Fachartikel aus dem Bereich enthielten überhaupt das Wort "Glück", hat Liu untersucht. Zu Unrecht, wie Liu meint. Nach seinen Forschungsergebnissen haben die Stars in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Sport oder Musik höchstens eines gemeinsam: "Sie waren irgendwann in ihrem Leben zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Beispiel Bill Gates: Der Microsoft-Gründer und Stifter sei ein extrem talentierter und intelligenter Mann. "Keine Frage", so Liu. Doch zur Wahrheit gehöre auch: Für seinen Weg zum zwischenzeitlich reichsten Menschen der Welt war sein gutes Elternhaus eine glückliche Voraussetzung. Dem kanadischen Journalisten und Buchautor Malcom Gladwell sagte Gates einmal, dass er sich nicht vorstellen könne, dass zu seiner Zeit mehr als 50 Kinder in den USA Zugang zu einem Computer hatten. Gates war eines von ihnen.

Was ebenfalls entscheidend war: Gates' Mutter kannte den Vorstandsvorsitzenden von IBM gut – das half sicherlich, dass das Start-up Microsoft in den Achtzigerjahren seine Software standardmäßig auf die Computer des damals führenden PC-Herstellers spielen konnte. Das verschaffte Microsoft eine enorme Reichweite, es konnte einen Standard setzen. "Die Leute gewöhnten sich also nicht vorrangig an die Produkte von Microsoft, weil sie die besten waren, sondern weil sie schlichtweg keine Lust hatten, irgendetwas Neues zu lernen", sagt Liu. Die Anekdote zeige: Leistung und Talent seien eine gute Grundvoraussetzung, aber keinesfalls ein Garant für Erfolg. Bei wirklich außergewöhnlichen Leistungen spiele fast immer der Zufall die entscheidende Rolle. Immerhin: Der Philanthrop Gates sei sich dessen durchaus bewusst. Das unterscheide ihn von den meisten anderen Star-Performern.

Auf die zweite Reihe achten

Für die fleißigen Mittelmanager hat Liu eine beruhigende Nachricht: Bis zu einer gewissen Karrierestufe sind Können, Talent und andere Tugenden entscheidend, um voranzukommen. Der Zufall spiele erst auf den obersten Top-Posten eine zunehmend größere Rolle.

Für Personalchefs und Headhunter hat Liu daher einen interessanten Rat. Sie sollten gezielt auf die Zweitbesten schauen. Die seien leistungsmäßig herausragend und langfristig oft deutlich verlässlicher als die Stars. Der Wissenschaftler illustriert das mit der Musikindustrie. Er hat mehr als 8.000 Hits der US-Billboard-Charts zwischen 1980 und 2008 analysiert und herausgefunden: Langfristig am erfolgreichsten waren jene Künstler, die sich erstmals zwischen Chartplatz 22 und 30 einsortieren konnten – und damit eher in der zweiten Reihe am Popsternchenhimmel. Umgekehrt dürfte jeder das Phänomen der One-Hit-Wonder kennen, die nach einer Top-Platzierung im Pop-Nirwana verschwanden – ganz zum Ärger ihrer Manager.

Ähnlich sei es bei Konzernen. Dort erhielten die am schnellsten wachsenden Unternehmen zwar die meiste Aufmerksamkeit von Medien, Investoren und Konkurrenten. Trotzdem, das zeigen Statistikauswertungen aus den USA in Lius Buch, lasse die Leistung der Wachstumsstars nach herausragenden Erfolgsjahren oft nach. So schmierten Unternehmen mit den höchsten Wachstumsraten eines Jahres im Folgejahr statistisch gesehen häufiger ab als Firmen mit einer immer noch sehr beachtlichen, aber weniger extremen Wachstumskurve. Daraus folgert Liu: Die obersten Top-Performer sind im Vergleich zu anderen nicht nur die größeren Glückspilze. "Die Besten der Besten werden nach besonders herausragenden Leistungen auch vorhersagbar schlechter" – und rutschen ins Mittelmaß ab. Liu sagt deshalb: "Siegertypen werden gesellschaftlich überbewertet."

Dass wir trotzdem immer wieder auf Erfolgsratgeber hereinfallen und uns gerne an den Besten der Besten orientieren, hat viel mit unserer eigenen Evolutionsgeschichte zu tun. So sei es früher sinnvoll gewesen, den oder die Erfolgreichste zu kopieren, weil das die Überlebenschancen im jeweiligen Stamm erhöhte. "Das Problem ist", sagt Liu, "das funktioniert nur in kleinen Gruppen." Sobald die Anzahl der Leute größer wird, kommen politische Entscheidungen hinzu, fängt die Wadenbeißerei an. Mechanismen und Prinzipien unserer Gesellschaft wie "der Gewinner erhält alles" oder "die Reichen werden immer reicher, während die Armen immer ärmer werden" führten dazu, dass die ohnehin Privilegierten einen Startvorteil genießen, der ihnen einen Extraschub in Sachen Erfolg gegenüber dem Rest verleihe. "Das verschärft das Problem der sozialen Ungleichheit enorm", so Liu.

Sein Ratschlag lautet: unseren Kult um den Chef oder Star einzuschränken – und mehr in die zweite Reihe schauen. Das gilt auch für das untere Tabellenende. Bei Personalkürzungen sollen nicht die Schlechtesten, sondern die Zweitschlechtesten entlassen werden. Denn ähnlich wie wir extreme Erfolge überbewerteten, würden auch extreme Misserfolge oft zu hoch gehängt. "Dabei lässt sich aus Fehlern deutlich mehr lernen als aus Erfolgen", sagt der Strategie- und Verhaltensforscher.

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