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"Die Macht läuft undercover"

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Frauen nehmen zwar an den Aufsichtsratssitzungen teil, aber die Entscheidungen werden nachher unter den Männern an der Bar geschlossen.

Funken: Nein, die Sitzung ist bereits vorher in der Bar oder am Telefon entschieden worden. Ohne die Frauen. Die Macht läuft undercover.

ZEIT ONLINE: Wie haben die befragten Managerinnen auf diesen Ausschluss von Macht und Einfluss reagiert?

Funken: Es gibt drei Gruppen. Die erste Gruppe nenne ich die Kämpferinnen. Die wollen es wissen und kämpfen mit allen Mitteln um ihren Platz im Unternehmen. Dann gibt es die Aussteigerinnen. Sie verlassen das Unternehmen und machen etwas ganz anderes. Die dritte Gruppe sind die Resignierten. Sie sind häufig die Versorgerinnen ihrer Familie und können nicht einfach hinschmeißen. Sie gehen in die innere Emigration und machen Dienst nach Vorschrift.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen die Sinnkrise, die diese Managerinnen erleben, als Statuspassage. Darunter versteht man normalerweise einen markanten Wechsel von einem sozialen Status in einen anderen, wie etwa den Beginn eines Studiums oder der Beginn des Berufslebens.

Funken: Heute ist man mit 50 nicht mehr alt. Unser Alterskonzept hat sich ja völlig geändert. Wer heute Anfang 50 ist, hat erstmals noch genau so viele Berufsjahre vor sich wie aktive Lebenszeit nach der Rente, nämlich im Schnitt etwa 15 Jahre. Und beide Phasen, mindestens 30 aktive Lebensjahre, möchte man sinnvoll und gut gestalten.

ZEIT ONLINE: Warum trifft diese Sinnkrise dann vor allem Frauen?

Funken: Das hat viel mit der Berufsidentität von Frauen und Männern in unseren Gesellschaften zu tun. Von Männern wird nach wie vor erwartet, dass sie einen Beruf ausüben, Geld verdienen, sich selbst und eine Familie ernähren können. Wenn sie entsprechend qualifiziert sind, erwartet man von ihnen auch, dass sie Karriere machen. Das ändert sich langsam, aber in der Generation der heute 50-Jährigen steigt ein erfolgreicher Manager eben nicht einfach aus, wenn ihm danach ist. Wenn eine Frau nach einer super Karriere aussteigt, wird das gesellschaftlich nicht sanktioniert. Im Gegenteil, da heißt es: Die kann sich das leisten, die macht jetzt ihre Weltreise. Eine Frau hat unterschiedliche Rollenmöglichkeiten.

ZEIT ONLINE: Frauen kriegen die Sinnkrise, Männer einen Herzinfarkt?

Funken: Ja, oder einen Burn-out.

ZEIT ONLINE: Was machen denn die Frauen, die aussteigen?

Funken: Die einen machen sich selbständig, die anderen eröffnen endlich ihr eigenes Café, werden politisch oder ehrenamtlich tätig. Im Grunde machen sie alle das, was sie immer schon tun wollten.

ZEIT ONLINE: Das klingt doch ganz positiv.

Funken: Ja, das könnte man natürlich als guten Lebensentwurf werten: Man klotzt 20, 30 Jahre richtig ran und hat dann so viel Geld verdient, dass man aussteigen kann. Aber es ist eben keine freiwillige Entscheidung. Außerdem erfordert die heutige Arbeitswelt spezifische Kompetenzen und Fähigkeiten, für die Frauen sozialisationsbedingt besonders geeignet sind.

ZEIT ONLINE: Wie sehen Sie die Entwicklung in den deutschsprachigen Chefetagen: Wird sich etwas ändern?

Funken: Ich glaube schon. Im Vergleich ist der Anteil der Frauen in Führungsriegen in den USA und vielen osteuropäischen Ländern wesentlich ausgeprägter. Deutschland ist da ein Entwicklungsland. Außerdem haben wir einen Fachkräftemangel und einen demographischen Wandel. Dass unsere Gesellschaft altert, ist auch ein positives Merkmal. Die deutsche Wirtschaft kann es sich gar nicht mehr leisten, die Erfahrung, Kompetenzen und das Fachwissen von Frauen zu ignorieren. Das wäre eine Katastrophe.

ZEIT ONLINE: Die Panzlerglasdecke wird also ganz von allein verschwinden?

Funken: Nein, wir brauchen auch flexiblere Arbeitszeiten. Die Umverteilung von Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen muss gefördert werden – es muss klar sein, dass Elternzeit eine partnerschaftliche Aufgabe ist, nicht nur die der Frauen. Lebensarbeitszeitkonten würden Frauen und Männern helfen: Wenn die Kinder klein sind, will man weniger arbeiten, wenn sie in der Schule sind, will man ranklotzen. An dieser zeitlichen und energetischen Umverteilung muss weiter gearbeitet werden. Wir wissen außerdem, dass die Menschen auf Dauer nicht mehr Vollzeit arbeiten werden, denn selbst Wissensmanagement und Dienstleistungen werden heute schon durch IT unterstützt. Wenn Arbeit durch Roboter wegfällt, müssen die verbleibenden Aufgaben umverteilt werden. Dann aber bitte geschlechtergerecht. 

Die Studie "Managerinnen 50plus" wurde vom Bundesfamilienministerium und dem Netzwerk European Womens Management Development (EWMD) 2011 in Auftrag gegeben. Für die qualitative Studie wurden in Tiefeninterviews etwa 30 Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt, die Management- oder Führungspositionen in verschiedenen Branchen innehatten.

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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