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Raus in die Welt

Maker, Macher, Freiwillige, Volunteering, Wellblech [Quelle: unsplash.com, Autor: Matt Artz]

Quelle: unsplash.com, Matt Artz

Betriebswirte sind Egoisten? Nicht immer. Ähnlich wie Ärzte in Entwicklungsländern helfen, tragen nun auch Manager ihre Kompetenzen in die Ferne.

Was macht man, wenn man als Manager aussteigen und die Welt verbessern will? Brunnen bohren in Afrika? Lebensmittel in indischen Slums verteilen? Schulen bauen, wo es noch keine gibt? All das, so hatte Helene Prölß Anfang der Nullerjahre das Gefühl, können andere besser. Ihr Betriebswirtschaftsstudium hatte sie 1976 in Stuttgart abgeschlossen, danach im Marketing gearbeitet und sich 1982 mit einer Werbeagentur selbständig gemacht. Nebenbei zog sie vier Kinder groß. 20 Jahre funktionierte das gut, dann geriet Prölß in "die typische Lebenskrise Anfang 50", wie sie sagt. "Ich wollte etwas machen, das Menschen hilft." Sie stieg aus der Werbeagentur aus und fragte bei Nichtregierungsorganisationen (NGO) an, Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel. "Die wollten aber nur Ärzte. Ich habe gedacht: Es kann doch nicht sein, dass ich nicht gebraucht werde."

Gleichzeitig wurde ihr klar, was sie nicht wollte: "Reines Spendenüberweisen, damit füttert man Abhängigkeiten." Sie fand einen anderen Ansatz: "Viele NGOs hatten in Entwicklungsländern kleinere Werkstätten aufgebaut, aber keine Ahnung von Planung, Kalkulation und Vertrieb. Da konnte ich helfen." Im Jahr 2005 startete Prölß "Manager ohne Grenzen" als persönliches Projekt, 2009 gründete sie in Stuttgart die gleichnamige gemeinnützige Stiftung. "Die NGOs haben uns die Türen eingerannt", sagt sie. Es war nur der Anfang. Seit fünf Jahren hilft Prölß vor allem jungen, motivierten Unternehmern in Entwicklungsländern – mit Führungskräften aus Deutschland. Etwa 250 Manager hat die Stiftung schon zu rund 200 Unternehmen in 30 Ländern geschickt, die meisten waren in Afrika.

Die Betriebe sind in der Landwirtschaft oder der Energiebranche tätig, es sind aber auch Händler, Handwerksbetriebe oder Start-ups dabei. "Wir wollen Gründer soweit bringen, dass sie ihre Familie ernähren können und zehn Angestellte haben, die auch ihre Familien versorgen", sagt Prölß. "Wir müssen Entwicklungshilfe neu denken: Mit dem Aufbau eines gesunden Mittelstandes kann man Armut bekämpfen, gleichzeitig wird die Voraussetzung geschaffen, dass große Unternehmen investieren und die Wirtschaft in Fahrt kommt." Aber wie kommt sie an Unternehmer, denen man helfen kann? "Sie müssen uns finden. Wir gehen nirgendwohin und sagen: Wir erklären euch mal, wie das richtig gemacht wird." Stattdessen wird das Geschäftsmodell der Betriebe, die sich bewerben, geprüft – auch danach, in welchem Bereich Hilfe nötig ist. "Dann suche ich einen passenden Manager", sagt Prölß. "Das ist am schwierigsten."

Strom aus dem Generator

Im Idealfall finden Manager die Stiftung von ganz allein – weil sie dasselbe Gefühl antreibt wie Helene Prölß. So war es bei dem Österreicher Thomas Hiebaum. Der heute 42 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler hatte Karriere bei dem Automobilzulieferer Hella gemacht. Hiebaum arbeitete in China, führte ein Werk in Österreich und war schließlich fünf Jahre lang "Group Vice President" direkt unter dem Vorstand. 2017 bekam er einen neuen Chef. "Einen McKinsey-Mann, das funktionierte nicht, es gab Knatsch. Ich habe um einen Auflösungsvertrag gebeten und wollte erst mal Dinge machen, die mir am Herzen liegen." Mit einer Freundin, die bei der UNO arbeitete, sprach er darüber, dass er gern in Entwicklungsländern helfen würde. "Sie hat gesagt: Es bringt nichts, wenn du in irgendeinem Spital Spritzen verteilst, such’ dir lieber etwas, bei dem dir deine Fähigkeiten helfen." Also machte er sich kundig und stieß auf "Manager ohne Grenzen". Er besuchte das zweitägige Intensivseminar in Stuttgart, das obligatorisch für eine Teilnahme an dem Programm ist.

Ein Projekt für Hiebaum war schnell gefunden eine kleine Straßenbaufirma in Liberia, einem der ärmsten Länder der Welt, hatte sich beworben. Ende 2017 flog er auf eigene Kosten nach Westafrika. "Ich hatte vorher mit dem Chef geskypt, aber die Situation dort war ganz anders als erwartet." Es fing mit kleinen Problemen an. "Der Firmen-Lkw war verschollen; als wir ihn mit der Polizei von einem Mitarbeiter zurückgeholt hatten, war irgendein Billigmotor drin, weil er die Einzelteile verkauft hatte." Nachdem sich Hiebaum darum gekümmert hatte, warf er einen genaueren Blick auf das Geschäftsmodell. "Die Kasse war leer, es gab Probleme mit den Grundrechenarten, ich habe einen Grundkurs im Kalkulieren gegeben." Danach machte er sich mit dem Geschäftsführer auf die Suche nach Auftraggebern. So kam Hiebaum an einen Auftrag vom "West African Power Pool", einem Verbund nationaler Stromunternehmen, der sich um den Netzausbau in Westafrika kümmert. "Wir sollten durchrechnen, was es kostet, auf 40 mal 40 Kilometern Strommasten aufzustellen, mit Rodungsarbeiten." Hiebaum machte mit dem Unternehmer Fotos vor Ort, sprach mit "Macheten-Männern", Bulldozer-Fahrern und fing an zu rechnen.

Währenddessen lebte er in einem kleinen Zimmer im Haus der Familie des Unternehmenseigentümers, aß mit ihnen aus einem Topf mit den Händen lokales Essen. "Vor allem Wurzeln, Pflanzen, Gemüse und Fisch." Strom gab es eine Stunde am Tag, ein Generator musste dafür angeschmissen werden. Viel Zeit blieb Hiebaum nicht, die "Manager ohne Grenzen" bleiben nie länger als drei Monate bei einer Firma, damit keine Abhängigkeiten entstehen. Hiebaum blieb nur sechs Wochen. "Ich hatte viele Kontakte hergestellt, es waren mehrere Projekte in Aussicht, und es ging langsam mit der Umsetzung los." Heute arbeitet Hiebaum wieder für einen Autoteilezulieferer in Stuttgart in dem Unternehmen, das er in Liberia betreut hat, gab es im vergangenen Jahr aber weiterhin ein paar Rückschläge.

Raus in die Welt

Wellblechhütten und Arbeitslosigkeit

Auch Corinna Prange hat bei ihrem Auslandseinsatz gute Erfahrungen gemacht. Die 43 Jahre alte Diplomkauffrau leitete jahrelang Teams in der Marktanalyse in einem großen Energieunternehmen, bis sie das Bedürfnis verspürte, "etwas zurückgeben zu wollen". Im Internet suchte sie nach Projekten, bei denen sie ihre Kompetenz einbringen konnte. Nachdem sie "Manager ohne Grenzen" gefunden und das Intensivseminar besucht hatte, flog sie Ende 2017 nach Kampala, die Hauptstadt von Uganda. Ein Unternehmen, das sich auf Solarenergie und Wasserpumpen spezialisiert hatte, brauchte Hilfe. Abnehmer waren zum Beispiel Landwirte, die mit durch Solartechnik betriebenen Wasserpumpen ihre Felder bewässern.

In Uganda angekommen, merkte sie schnell, dass dem Unternehmen eine Struktur fehlte, um die große Motivation der Mitarbeiter, "den Hunger nach Geschäften", in geordnete Bahnen zu lenken. "Jeder hat dort gehandelt, wo es in seinen Augen gerade gebrannt hat – und es hat an vielen Stellen gebrannt. Was komplett gefehlt hat, war eine Planung und Priorisierung, wer jetzt eigentlich was, wann, warum und wo macht." Sie führte Interviews mit jedem Mitarbeiter. "Ich wollte interne Transparenz und eine klare Aufgabenverteilung schaffen. Aber das bindet Ressourcen, die man auch in neue Projekte stecken kann, die Geld bringen. Da muss man ein Verständnis schaffen, warum das trotzdem sinnvoll ist." Nach ihrem Einsatz war Prange noch lange in der Whatsapp-Gruppe der Firma – und freute sich jedes Mal, wenn darin am Ende der Woche darauf hingewiesen wurde, dass die Zahlen noch fehlten. "Mir war wichtig, etwas Nachhaltiges beizusteuern, das Bestand hat." Ob sie selbst auch etwas gelernt hat? "Vertrauen in mich selbst zu haben und einfach anzupacken."

Ob sich ein Manager mal nicht wohlgefühlt hat bei seinem Einsatz? Stiftungschefin Prölß sagt: "Eine Frau kam mit dem Thema Korruption nicht zurecht. Wir können unsere Normen aber nicht eins zu eins auf andere Kulturen übertragen." Die Controllerin habe einen Pfarrer beraten, der eine Backpacker-Unterkunft führte. "Er hat Geld aus der Kasse genommen, um einem Kind zu helfen, das einen Unfall hatte. Bei uns wäre sowas unvorstellbar, aber dort ist das selbstverständlich. Der Pfarrer hat sich in die Ecke gedrängt gefühlt und wir haben unserer Managerin geraten, ihre Einsatzzeit zu reduzieren. Das hat sie gemacht." Prölß’ wichtigstes Projekt ist im Moment die Suche nach Unternehmen in Deutschland, die ihre Mitarbeiter regelmäßig für "Manager ohne Grenzen" freistellen und die Kosten übernehmen. Finanziell geht es vor allem um das Vorbereitungsseminar und die Flüge. Für Verpflegung, Unterkunft und den Transport zum Arbeitsplatz müssen die Unternehmen vor Ort aufkommen. Einen Erfolg feierte Prölß im Dezember: Hugo Boss erklärte offiziell, Angestellte zu unterstützen, wenn sie bei "Manager ohne Grenzen" mitmachen wollen. Prölß sagt: "Wir könnten unendlich viele Manager einsetzen." Das liegt auch daran, dass den Partnern zum Teil über viele Jahre immer wieder Manager geschickt werden, die bei gerade aktuellen Herausforderungen helfen sollen. Im Moment gründet "Manager ohne Grenzen" Niederlassungen in den Einsatzländern; mit lokalen Mitarbeitern soll die längerfristige Begleitung der Unternehmen optimiert werden.

Tobias Nicke war dafür gerade drei Monate in Nepal. Er ist 31 Jahre alt, eigentlich Strategieberater bei dem Spezialchemiekonzern Lanxess in Köln; im Sommer legte er ein halbes Sabbatjahr ein. In Kathmandu beriet er eine kleine Firma. Er sollte aber auch prüfen, wie man eine Niederlassung der Stiftung in Nepal aufbauen könnte. "Jedes Land braucht eine individuelle Lösung", sagt Nicke. Er reiste durch Nepal, besuchte abgelegene Dörfer und sprach mit Bürgermeistern. "Ein Problem ist, dass alle jungen Menschen nach Kathmandu wollen, weil es dort Bildung und Arbeit gibt", sagt er. "Es wäre aber besser, in den Dörfern etwas aufzubauen und sei es nur einen kleinen Laden, in dem jemand Kiwis verkauft."

Solche Vorhaben kämen auch besser an als die Mammutprojekte mächtiger NGOs, deren Budgets oft größer als die der lokalen Behörden seien. Unternehmensgründer könnten sich auch darum kümmern, die seit dem Erdbeben 2015 völlig zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen. "In vielen Dörfern leben die Menschen nach wie vor in Wellblechhütten mit schlechter Stromversorgung und ohne fließendes Wasser, höchstens aus ein paar selbstverlegten Rohren."

Solche Bedürfnisse zu benennen und den Kontakt zu Unternehmen, Behörden und Menschen vor Ort zu halten – das sollen im Idealfall künftig lokale Mitarbeiter in den Niederlassungen der Stiftung machen. Auch die Effizienz der Managereinsätze soll durch die Vor- und Nachbereitung von Mitarbeitern vor Ort verbessert werden. Was Nicke sein Einsatz persönlich bedeutet hat, von dem er erst Mitte Dezember zurückkam? "Wenn man diese Armut gesehen hat, ist man sehr dankbar für das Leben, das man hier hat", sagt er. Das sei aber nicht alles: "Ich bin oft mit dem schlechten Ruf konfrontiert, den man in Deutschland als BWL-Student oder Manager hat. Viele denken, wir sind Egoisten, denen es nur ums Geld geht. Man kann mit unserem Handwerkszeug aber auch ganz konkret Menschen helfen und etwas Sinnvolles voranbringen. Ich bin dankbarer dafür, was ich gelernt habe und in meinem Job bewirken kann." Genau wie Prange und Hiebaum will sich Nicke weiter bei "Manager ohne Grenzen" engagieren. Er sagt: "Alle paar Jahre würde ich gerne auf einen Einsatz gehen."

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