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Die schwierige Stellensuche in der Krise

Arbeitsstelle Arbeit Stellenausschreibung Jobchance [Quelle: Fotolia, Fotostudio Pfluegl]

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Junge Absolventen, die jetzt auf den Arbeitsmarkt strömen, erleben ein böses Erwachen. Jahrelang durften sie sich als begehrte Fachkräfte fühlen – dann kam das Virus. Und nun?

Lisa Zhang hatte ihren Berufseinstieg genau geplant. Vergangenen Januar hat die 26-Jährige ihren Master in Wirtschaftsingenieurwesen gemacht. Ursprünglich wollte sie danach in der Autoindustrie arbeiten, aber weil sich dort schon im vergangenen Jahr eine wirtschaftliche Rezession anbahnte, orientierte sie sich noch einmal neu. Schließlich wollte sie Sicherheit: Sie machte ein Praktikum in einem Beratungsunternehmen, es gefiel ihr gut, und sie unterschrieb einen Vertrag von April an. Sie war gerade von Karlsruhe nach Köln gezogen, um ihre neue Stelle anzutreten, als sie plötzlich einen Anruf vom Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens bekam: Leider könne man sie doch nicht einstellen. Ihr Vertrag wurde noch vor Arbeitsantritt gekündigt.

Lisa Zhang ist nicht die einzige Berufseinsteigerin, die gerade hart von der Krise getroffen wird. Die jungen Menschen, die aktuell auf den Arbeitsmarkt drängen, galten eigentlich als gesuchte Fachkräfte, die sich Stelle und Arbeitsbedingungen aussuchen können – unter anderem, weil die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge bald in Rente gehen und lange prognostiziert wurde, dass das große Lücken in die Belegschaften der Unternehmen reißen werde.

"Ich war erst mal einfach enttäuscht"

Zudem wuchsen die heutigen jungen Erwachsenen im scheinbar unendlichen wirtschaftlichen Aufschwung auf; selbst die Finanzkrise der Jahre 2008/09 markierte nur einen kleinen Knick. Sie lebten in der Überzeugung, sich aussuchen zu können, wie sie künftig arbeiten wollen: Nur eine Teilzeitstelle und dafür mehr Freizeit oder für mehrere Jahre ins Ausland – alles schien möglich. Dann kam Corona. Die wirtschaftliche Krise und die Ernüchterung durch die Pandemie treffen diese Generation deshalb sehr plötzlich und unerwartet.

"Ich war erst mal einfach enttäuscht", sagt Lisa Zhang über die Zeit nach der Kündigung. Sie informierte sich: Bei fristgerechter Kündigung vor Arbeitsantritt steht ihr keine Entschädigung zu, auch nicht für die Kosten des Umzugs. "Statt am ersten Tag den neuen Job anzufangen, musste ich dann zum Arbeitsamt", erzählt sie. Plötzlich stand sie ohne Perspektive da, in einer komplett neuen Stadt.

Dass alle Planung manchmal nichts bringt, erfährt gerade auch Johannes Bosch. "Bei dem Unternehmen, bei dem ich meine Masterarbeit geschrieben habe, gab es eigentlich eine hohe Übernahmechance", erzählt der 27-Jährige. Er hat zuerst eine Ausbildung gemacht, dann Maschinenbau und Technologiemanagement studiert. "Meine Grundeinstellung war immer, alles ein halbes Jahr im Voraus zu planen und festzumachen", sagt Bosch. Umstrukturierungen im Unternehmen und die Corona-Krise durchkreuzten seinen Plan dieses Mal: Seit Ende April hat er seinen Master in der Tasche, aber seit dem 1. Mai ist er arbeitssuchend und schreibt Bewerbungen.

Berufseinsteiger haben es schwer

Die Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt im ersten Quartal 2020 zwar noch keine Entlassungen, allerdings jedoch einen deutlichen Rückgang an Stellenausschreibungen. Verglichen mit dem vierten Quartal 2019 waren schon Ende März mehr als 300.000 offene Stellen vom Arbeitsmarkt verschwunden. Kurzarbeit und Kündigungsfrist sorgen derzeit noch dafür, dass die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Stellen behalten können, schwieriger sieht es aber für all diejenigen aus, die auf der Suche nach einer Anstellung sind.

Das seien nicht nur Berufseinsteiger, sondern auch alle, die wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen, zum Beispiel nach Familienzeiten oder Arbeitslosigkeit, sagt Ulrich Walwei, Arbeitsmarktforscher am IAB. Je nach Verlauf der Krise könne es mittel- bis langfristig auch noch mehr Entlassungen geben. "Außerdem werden erst einmal Anpassungsmechanismen Einstellungen im größeren Maß verhindern", sagt er.

Bevor Unternehmen wieder in größerem Stil einstellen, würden sie die Kapazitäten intern hochfahren. Das bedeutet, Angestellte aus der Kurzarbeit holen und die interne Produktivität steigern. "Das hat man sehr deutlich im Jahr 2010 nach der Krise gesehen", sagt Walwei. All das gehe zu Lasten derjenigen, die gerade auf Stellensuche sind.

250 Interessenten auf eine einzige Stelle 

Auch Mareike Bödefeld sucht gerade nach ihrer ersten richtigen Arbeit. Sie hatte sich das Ende ihres Studiums ein bisschen anders vorgestellt. Im März musste sie frühzeitig ihr Praktikum in Guatemala abbrechen. Anstatt sich von Lateinamerika aus auf eine Stelle zu bewerben, saß sie von heute auf morgen ohne Beschäftigung wieder bei ihren Eltern zu Hause. "Ich habe seitdem ungefähr 35 Bewerbungen geschrieben. Ein paarmal wurde ich eingeladen, aber nirgends kam ich in die nächste Runde“, beschreibt die 26-Jährige ihre bisher erfolglose Jobsuche während der Corona-Zeit

Hinzu komme, dass die Bearbeitungszeiten für Bewerbungen gerade sehr lange seien. Erst Anfang Juni bekam sie Rückmeldung zu einer Bewerbung mit Frist im April. Bödefeld hat einen Master in Friedens- und Konfliktforschung absolviert und würde gerne in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit arbeiten. Aber bislang sieht sie keine Chance. "Ich habe das Gefühl, es gibt sehr viele Bewerber gerade."

In einem Fall fragte sie im Anschluss an die Absage, woran es gelegen habe – und bekam zur Antwort, dass sich 250 Interessenten auf eine einzige Stelle beworben hätten. Selbst mit ausgezeichneter Qualifikation ist in solchen Fällen die Chance gering, den Job auch zu bekommen. 

Weniger Ausbildungsplätze 

Die derzeit schwierige Situation hat Ökonom Ulrich Walwei zufolge verschiedene Auswirkungen auf die Arbeitssuche: Zum einen könne es deutlich länger dauern, einen Job zu finden. "Außerdem sind die Bedingungen zum Einstieg ungünstiger." So geschah es im Fall von Johannes Bosch: Nach langem Hin und Her bekam er vor wenigen Wochen tatsächlich ein Jobangebot. Aber: "Das Gehalt war niedriger als das, was ich als Facharbeiter verdient habe", erzählt er. 

Er lehnte ab; unter diesen Voraussetzungen sei das nicht die richtige Stelle für ihn. IAB- Forscher Walwei rät allerdings, dass junge Menschen künftig Kompromisse finden sollten: "Es ist vielleicht kein guter Zeitpunkt, um noch viel länger auf den Traumjob zu warten", sagt er. Gleichwohl müsse man "sich gut überlegen, wie weit man unter seinem Qualifikationsniveau einsteigt".

Selbst wenn junge Menschen schon im Arbeitsleben stehen, sind sie nicht auf der sicheren Seite. Für Beschäftigte unter 30 Jahren ist die Gefahr, ihre Stelle zu verlieren, größer als in jeder anderen Altersgruppe: Zu diesem Ergebnis kommt das internationale Forschungsprojekt "Corona Inequality Report". Die Jugendarbeitslosigkeit ist während der Krise schon von 4,1 auf 5,8 Prozent gestiegen. Das liegt oft daran, dass junge Menschen häufiger befristet beschäftigt sind als ältere. Auch dieser Umstand steigert das Grundproblem, dass sehr viele Jüngere nun auf einem engen Arbeitsmarkt Fuß fassen möchten. 

Wie gut wirkt das Konjunkturpaket? 

Das ist auch ein Problem für Carina Göttmann. Sie hat Soziale Arbeit in Frankfurt studiert, ist damit im April fertig geworden. Am liebsten würde die 28-Jährige in einer Beratungsstelle arbeiten. Stellen im sozialen Bereich gibt es normalerweise reichlich, dass es schwierig werden könnte, etwas zu finden, hätte sie nie gedacht. "Jetzt werden Neubesetzungen wegen Corona einfach nicht vorgenommen", sagt sie. Meist werde sie auf unbestimmte Zeit vertröstet. "Obwohl soziale Arbeit eigentlich auch systemrelevant und in einer Krise besonders wichtig ist, wird sie zurzeit eher vergessen", sagt Göttmann, die sich gerade mit einem Nebenjob über Wasser hält. 

Alexander Kritikos, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, rechnet damit, dass es Berufseinsteiger auch deshalb immer schwerer haben könnten, weil sie mittelfristig mit Menschen mit Berufserfahrung konkurrieren. 

Sollte es im zweiten Halbjahr 2020 Unternehmensschließungen oder Geschäftsaufgaben geben, würden noch mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt strömen, prophezeit er. "Wie groß die Auswirkungen wirklich sind, hängt davon ab, wie gut das Konjunkturpaket wirkt", sagt er. Aber nicht nur Berufseinsteiger könnten es in den nächsten Jahren schwer haben. 

Weniger Wettbewerb um Talente 

Kritikos sieht noch eine andere potentiell benachteiligte Gruppe: diejenigen, die jetzt aus der Schule kommen. Aufgrund der Krise sei zu erwarten, dass Unternehmen, die noch bis vor kurzem händeringend nach Auszubildenden suchten, jetzt Ausbildungsplätze kürzen werden. Zurzeit sind 46.000 Ausbildungsstellen weniger gemeldet als im vergangenen Jahr.

"Das sollte unbedingt verhindert werden", sagt er. Eigentlich soll auch hier das Konjunkturpaket der Bundesregierung helfen: Mit insgesamt 500 Millionen Euro – im Einzelfall 2000 bis 3000 Euro – sollen kleinere und mittlere Unternehmen bezuschusst werden, um weiter auszubilden. Wie viel das hilft, ist noch unklar. 

Aus der Sicht von Kritikos hat die Krise langfristig vor allem drei Folgen für die jetzigen Berufseinsteiger der Generation Y und Z. Zum einen könne die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt steigen. "Die goldene Zeit mit Wettbewerb um die besten Talente ist jetzt vielerorts vorbei", sagt er. Außerdem wirke sich längere Arbeitslosigkeit negativ auf die Menschen selbst aus. 

Einstieg zu schlechteren Bedingungen 

Sie könne psychisch belastend werden und sei häufig eine Zeit des Stillstands, in der man nicht weiterlerne. So etwas beeinträchtige das eigene Humankapital. "Zudem machen sich längere Phasen ohne Arbeit auf dem Gehaltszettel unter Umständen bis ans Ende des Lebens bemerkbar", sagt er. 

Dieser Punkt wird jetzt schon als möglicher "Corona Wealth Gap" bezeichnet, eine Wohlstandslücke durch die Pandemie also. Eine ähnliche Lücke wurde schon im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2008/2009 beobachtet. Es gebe einen sogenannten "Scarring Effect" – einen Narbenbildungseffekt –, erklärt Ulrich Walwei. 

Junge Menschen stiegen zu schlechteren Bedingungen ein oder hätten früh in ihrer Karriere eine Zeit der Erwerbslosigkeit. Die dadurch entstehenden Nachteile, zum Beispiel in Form von niedrigerem Gehalt, zögen sich dann durchs weitere Leben: "Gegenüber anderen Jahrgängen sind die Gehaltseinbußen nur schwer aufzuholen", sagt der Ökonom. Ein solches Risiko bestehe besonders für diejenigen, die in den Jahren 2020 oder 2021 ins Berufsleben einsteigen wollen. 

Erwartungen herunterschrauben 

Psychische Belastungen sind tatsächlich weit verbreitet. Die große Unsicherheit, wie es weitergeht, bereitet vielen Berufseinsteigern Sorgen. "Es könnte sein, dass ich morgen eine Zusage für nächsten Montag bekomme und direkt umziehen muss", sagt Johannes Bosch. "Es war erst mal emotional schwierig", sagt Lisa Zhang. Ohne Freunde und ohne Job in einer neuen Stadt zu stehen fühle sich nicht besonders gut an. Sie hat es geschafft, den ersten Tiefpunkt nach zwei Wochen zu überwinden, indem sie zumindest eine befristete Stelle für drei Monate fand. Die drei Monate sind allerdings schon fast vorbei; nun weiß sie abermals nicht, wie es weitergeht. 

Inzwischen habe sie sich sicher auf hundert Stellen beworben. "Meine Erwartungen an mich selbst sind superhoch", sagt sie. Langsam wird ihr klar, dass sie diese Erwartungen in dieser Krise etwas herunterschrauben muss. Allerdings hat sie das Gefühl, dass es, wenn auch in sehr kleinen Schritten, wieder etwas aufwärtsgeht: In den vergangenen Wochen tauchten wieder mehr Stellenangebote ab Herbst auf. "Die sind aber alle an die Bedingung geknüpft, dass es wieder besser läuft", sagt sie. Zwar hatte Zhang sich ihr erstes Jahr nach der Uni anders vorgestellt, sie sieht aber auch Positives und ist überzeugt, viel gelernt zu haben: "Ich habe jetzt keine Angst mehr, in Zukunft einen Job zu verlieren."

Auch Carina Göttmann versucht trotz aller Unsicherheit, positiv zu bleiben: "Aber das Ganze nagt schon an mir, und man sucht den Fehler dann auch bei sich", sagt sie. Allerdings ergehe es vielen ihrer Bekannten ähnlich wie ihr. Obwohl sie eigentlich gerne in Frankfurt bleiben möchte, überlegt Göttmann inzwischen, sich auch in anderen Städten zu bewerben. 

Um die Zeit nicht sinnlos verstreichen zu lassen, nimmt Mareike Bödefeld gerade an einer Online-Weiterbildung im internationalen Projektmanagement teil. Sie hofft, dass das ein Pluspunkt für zukünftige Bewerbungen ist. "Mir war schon klar, dass der Berufseinstieg in diesem Bereich schwierig ist", sagt sie. Dass es so kompliziert werden würde, habe sie aber nicht gedacht.

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