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"Viele Frauen wissen nicht, dass sie mehr Gehalt verhandeln könnten"

Quelle: pexels.com, Autor: fauxels

Frauen verdienen im Schnitt sechs Prozent weniger als Männer. In ihrem Leben verlieren sie so ein kleines Vermögen. Eine Verhandlungstrainerin sagt, wie sie das ändern.

Frauen verdienen sechs Prozent weniger als Männer – bei gleicher Tätigkeit, Qualifikation und in der gleichen Branche. Das muss nicht sein, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin und Verhandlungstrainerin Ljubow Chaikevitch und kritisiert: Frauen unterschätzen häufig den monetären Wert ihrer Arbeit – und sie haben nicht gelernt zu verhandeln. Wie es besser geht, erklärt sie im Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Chaikevitch, kürzlich erzählte mir eine Freundin von einem Gespräch mit Kollegen. Dabei fand sie heraus, dass alle Frauen in ihrer Abteilung weniger verdienen als alle Männer – bei gleicher Hierarchie und Qualifikation wohlgemerkt. Wie häufig hören Sie solche Geschichten?

Ljubow Chaikevitch: Leider oft. Jede Woche schildern mir Frauen solche Erlebnisse und meistens ist es ein Zufall, der die Ungleichheit zutage fördert. Neulich erfuhr eine Kundin beispielsweise davon, als sie einen Gehaltsauszug ihres Kollegen im Kopierer fand. Eine andere – die sogar nach Tarifvertrag bezahlt wird – fand heraus, dass ein Kollege mit weniger Berufserfahrung bei gleicher Tätigkeit und bei gleicher Leistung jährlich 10.000 Euro mehr verdient als sie: In einer Präsentation waren versehentlich die Folien mit der Auflistung der Gehälter nicht entfernt worden.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren Frauen in der Regel, wenn sie das herausfinden?

Chaikevitch: Mit Selbstzweifeln und Unsicherheit: Was habe ich falsch gemacht? Leiste ich nicht genug? Ist der Unterschied begründbar oder handelt es sich um eine Geschlechterdiskriminierung? Häufig sind sie anschließend ratlos, was sie unternehmen können, um für ein faires Gehalt einzustehen. Hinzu kommt, dass sie meistens zu Beginn als auch im Laufe ihrer Tätigkeit gar nicht oder zu wenig verhandelt haben.

ZEIT ONLINE: Eine Studie an der Carnegie Mellon University zeigt, dass nur sieben Prozent der Masterstudentinnen ihr erstes Gehalt verhandeln. Bei den Männern sind es 57 Prozent. Warum ist das so?

Chaikevitch: Für diesen großen Unterschied sind mehrere Gründe verantwortlich. Ein Hauptgrund ist ein fehlendes Bewusstsein für das Thema. Viele Frauen wissen nicht, dass sie mehr Gehalt verhandeln könnten. Sie akzeptieren ein Angebot umgehend und sind dankbar, überhaupt einen Job gefunden zu haben. Ein weiterer Grund ist eine geringe Wertschätzung gegenüber ihren eigenen Talenten. Frauen, denen ihr Beruf viel Spaß bereitet und leichtfällt, empfinden ihre Tätigkeit häufig als eine Art Hobby, welches "ja wohl nicht so schwer sein kann", weshalb sie eine Gehaltsverhandlung als wenig angemessen sehen. Dabei übersehen viele, dass nicht jeder ihre Talente besitzt und sich die gute Leistung, die sie erbringen, im Gehalt widerspiegeln sollte.

Wer eine Gehaltserhöhung möchte, muss selbst aktiv werden, denn Vorgesetzte haben selbst häufig die Vorgabe, Kosten zu sparen.

Ljubow Chaikevitch

ZEIT ONLINE: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Iris Bohnen sagte einmal in einem Interview, dass Frauen, die ein besseres Gehalt aushandeln wollen, auf viele Vorgesetzte so abstoßend wirkten wie ein Mann, der beim Lügen erwischt wird.

Chaikevitch: Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. Im Gegenteil, ich höre immer wieder, dass Vorgesetzte sich wundern, dass nur männliche Mitarbeiter ihr Gehalt verhandeln und weibliche Mitarbeiterinnen viel seltener auf sie zukommen. In meiner Facebook-Gruppe Frau verhandelt schrieb kürzlich eine Firmenchefin, dass sie immer wieder irritiert sei, dass kaum eine weibliche Mitarbeiterin für Verhandlungen mit ihr in Kontakt tritt.

ZEIT ONLINE: Sie könnte auch auf die Mitarbeiterinnen zugehen?

Chaikevitch: Genauso denken auch 80 Prozent meiner Kundinnen: Meine Chefin wird mir schon mehr Gehalt anbieten, wenn sie merkt, dass ich gute Arbeit leiste. Das wird meiner Erfahrung nach in den allermeisten Fällen leider nicht passieren, auch wenn es wünschenswert wäre. Wer eine Gehaltserhöhung möchte, muss selbst aktiv werden, denn Vorgesetzte haben häufig die Vorgabe, Kosten zu sparen.

ZEIT ONLINE: Wenn eine Frau denkt, dass sie zu wenig verdient, warum verhandelt sie dennoch häufig ihr Gehalt nicht neu?

Chaikevitch: Vor zwei Wochen habe ich mehr als 1.000 Teilnehmerinnen in einem Onlinetraining genau diese Frage gestellt. Die häufigste Antwort war, dass sie nicht unverschämt wirken möchten. Meiner Erfahrung nach stellen sich Männer diese Frage deutlich seltener. Es liegt aus meiner Sicht nahe, dass Frauen auch heute noch zu mehr Bescheidenheit erzogen werden. Ihnen ist es oft wichtiger, gemocht zu werden. Und sie haben mehr Angst davor, von ihrem Chef abgelehnt zu werden und ihren Job zu verlieren. 

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