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Früher oder später ist es Zeit, sich zu wehren

Mann Grübeln Nacht Büro Laptop [Quelle: Pexels.com, Autor: cottonbro]

Quelle: Pexels.com, cottonbro

Nachts im Büro: Wenn Arbeitszeiten ignoriert werden, kann falscher Ehrgeiz im Spiel sein – oder ein zu fordernder Chef. Was man bei einer zu hohen Arbeitsbelastung tun sollte.

"Und arbeitet jetzt eure Zahlen ein, dann stelle ich den Bericht gleich zusammen" – so endete die E-Mail zwischen den leitenden Angestellten. Zeit: 02:13 Uhr. Solche E-Mails waren im Unternehmen eher die Regel als die Ausnahme. Na ja, immerhin war das Gehalt in Ordnung. Aber die Gruppendynamik war trotzdem bedenklich: Denn die Arbeitsergebnisse, die Gesundheit der Beteiligten und deren Privatleben fingen an zu leiden. Leitende Angestellte hat der Gesetzgeber, so wie selbständige Unternehmer, aus dem Arbeitszeitgesetz herausgenommen. Für sie gibt es keine rechtliche Begrenzung der maximalen Arbeitszeit, deren Einhaltung Unfallhäufigkeiten und körperliche sowie geistige Belastungen beschränken soll.

Dabei ist nicht jeder Vorgesetzte ein leitender Angestellter; entscheidend ist, ob die Person frei von Weisungen unternehmerische Entscheidungen treffen, Personal einstellen und entlassen kann oder sonstige Aufgaben wahrnimmt, die für den Bestand und die Entwicklung des Unternehmens von Bedeutung sind. In größeren Unternehmen sind leitende Angestellte meist nur auf der ersten Berichtsebene, also unterhalb der Geschäftsführung oder des Vorstands, zu finden. Wer häufig überdurchschnittlich viel arbeitet und die Nacht zum Tag macht, fragt sich irgendwann, wie sehr man dabei mitmachen muss oder wie man aus dieser Situation rauskommt, ohne die Karriere zu gefährden.

"Durch die Globalisierung haben sich die Arbeitszeiten rund um den Globus verschoben", sagt der Managementberater und Autor Matthias Kolbusa aus Hamburg. "Das führt auch in Deutschland zu komischen Arbeitszeiten – zum Beispiel wenn jemand an einer Sitzung teilnimmt, die an der amerikanischen Westküste am späten Nachmittag stattfindet." Die Tätigkeit für ein global agierendes Unternehmen muss aber nicht zwangsläufig zu dauernder Nachtarbeit führen; auch die persönliche Einstellung ist maßgeblich. "Es stellt sich oft die Frage, ob lange Arbeitszeiten nicht auch Ergebnis der eigenen Karriereentscheidung sind", gibt Burkhard Göpfert, Fachanwalt für Arbeitsrecht in München, zu bedenken. "Nur weil sich jemand selbst ausbeutet, muss das Unternehmen dies nicht verlangt haben."

Grenzen aufzeigen

Jeder stelle selbst fest, wann es ungesund wird, sagt Kolbusa. Allerdings: "Die Verführung, gerade für junge Führungskräfte, ist groß, sich über das gesunde Maß hinaus zu engagieren." Dies sei heute sogar ausgeprägter als früher. Neben der Zeitverschiebung führen auch Sachzwänge, wie der Verkauf von Unternehmensteilen oder eilige Systemeinführungen, zu vermehrter Arbeitsbelastung. Kolbusa sagt, dass dies zugenommen habe, zumal die Kundenansprüche und die Komplexität der Aufgaben anspruchsvoller geworden seien. "Diesen kurzzeitigen Spitzen kann man sich schwer entziehen", sagt er. "Gleichzeitig hat aber die Reflexionsfähigkeit im Management zugenommen, um zu erkennen, dass ihre Mitarbeiter nur begrenzt lange im roten Drehzahlbereich arbeiten können." Anwalt Göpfert verweist auf den "tone from the top", also was die Chefetage vorlebe. "Ob darauf geachtet wird, dass die Sonn- und Feiertage freigemacht werden."

Gleichzeitig beobachte er oft vorauseilenden Gehorsam von Mitarbeitern, die immer etwas schneller als der Chef sein wollten. "Neben der gängigen Omnipräsenz messen sich einige eine fehlerhafte Bedeutung zu", so Göpfert. "Wer ehrgeizig bis unter die Fingernägel ist und sich dauernd Gehör verschafft, genießt nicht zwangsläufig Respekt vom Vorgesetzten." Vielmehr solle der Mitarbeiter mit einem Coach analysieren, was daran seine eigene Schuld sei. Hat der leitende Angestellte es aber mit einem Vorgesetzten zu tun, der ständige Erreichbarkeit erwartet und nur an Ergebnissen interessiert ist, dann rät Kolbusa, Grenzen aufzuzeigen. "Aber gerade Jüngere schrecken davor zurück, weil sie sich profilieren und keine Blöße zeigen wollen."

Compliance-Beschwerde kann funktionieren

Göpfert weist darauf hin, dass Vorgesetzte gehalten sind, nachzufragen, wenn sie von nächtlichem Mailverkehr erfahren und Zeitverschiebung dafür nicht der Grund sein kann. Auch Feedback-Gespräche oder Workshops seien eine Gelegenheit, routinemäßige Nachtarbeitszeiten mit Vorgesetzten zu erörtern. "Der Sprecherausschuss für leitende Angestellte hingegen ist häufig nicht das stärkste Organ und bietet kein Schutzmonopol." Dieser kann laut Betriebsverfassungsgesetz in Unternehmen mit zehn leitenden Angestellten gebildet werden.

Kolbusa kennt aus seiner Beratung keinen Fall, in dem eine solche ungesunde Dynamik von innen aufgebrochen wurde. "Wenn die Vorgesetzten keine Synapsen dafür haben, ihre Mitarbeiter verheizen und mit einer Ich-ich-ich-Mentalität ihre eigenen Ziele über die des Unternehmens stellen, dann kann man nur das Weite suchen", sagt er. Man erkenne es häufig schon an der Sprache, wenn Chefs vom Vollzeitäquivalent oder Referenten sprechen, statt Mitarbeiter bei ihren Namen zu nennen. Sobald sie Menschen nur als Mittel zum eigenen Zweck sehen, müsse man sich diesen Vorgesetzten durch Weggang entziehen.

Als andere Möglichkeit nennt Göpfert das Compliance Management, das in Unternehmen das Einhalten von Regeln sicherstellen soll. Ein Betroffener könne dort die Vorkommnisse meist anonym melden. Dies sei vermutlich die effizienteste Vorgehensweise: "Gerade für Vorgesetzte eines leitenden Angestellten, die Vorstandsambitionen haben, kann eine begründete Compliance-Beschwerde einen heftigen Karriereknick bedeuten."

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