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Eingesperrt mit den Kollegen

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Quelle: unsplash.com, rawpixel

Rudern, klettern, kochen – Teambuilding wird immer verrückter. Der neueste Schrei: mit den Kollegen in den Escape-Room gehen. Bringt das etwas? Wir haben es probiert.

Der Vormittag, der unser Team richtig zusammenschweißen soll, beginnt mit einer Fahrstuhlfahrt in den vierten Stock eines Geschäftshauses gegenüber dem Frankfurter Hauptbahnhof. Drinnen führt ein kurzer Flur in einen stylisch eingerichteten Besprechungsraum: Mehrere mit bunten Polstern gefüllte Reisekoffer dienen als Sitzmöbel. Es gibt Kaffee und Kekse; vorn stehen zwei Flipcharts. Unser Coach heißt Farid, wir dürfen ihn duzen.

Was wir hier vorhaben, ist einigermaßen verrückt. Aber Team-Events sind ja verrückt heutzutage: Die einen gehen zum Rafting, die anderen in den Kletterwald, die Nächsten treffen sich zum Kochkurs oder Trommelworkshop. Wir folgen einem angesagten Freizeittrend, der sich gerade den Weg in die Personalentwicklungswelt bahnt: Wir gehen in einen Escape-Room beim Frankfurter Anbieter "Team-Escape". Das heißt: Wir werden uns gleich für eine Stunde in ein Zimmer einschließen lassen und gemeinsam eine Reihe von Rätseln lösen, die am Ende dazu führen, dass wir aus dem Raum wieder herausfinden - wenn wir uns nicht allzu unbeholfen anstellen (dann, oder auch in Notfällen, geht die Tür von selbst auf). Die ganze Zeit über wird uns Management-Trainer Farid El Nomany über eine Kamera beobachten.

Lassen sich Arbeitsteams so einfach und spielerisch analysieren, und lässt sich so die gemeinsame Arbeit besser machen? Die Arbeits- und Organisationspsychologin Nale Lehmann-Willenbrock erforscht an der Uni Hamburg, wie sich dynamische Teamprozesse und Führungskräfte-Mitarbeiter-Interaktionen entwickeln. Sie steht exotischen Teambuilding-Maßnahmen wie dem Escape-Room skeptisch gegenüber. "Es ist schwer, ein solches Konzept, das mehr oder weniger aus der Schublade kommt, jedem Team gleichermaßen überzustülpen", sagt sie. Eigentlich bedürfe es vorab einer längeren Diagnose, was das Team wirklich braucht. Hinzu komme: "Der Transfer heraus aus dem kreativen Kontext rein in den normalen Alltag gelingt selten." In der Tat: Die Aufgaben im Escape-Room haben herzlich wenig mit unserem journalistischen Alltag zu tun. Da sind sogar manche Management-Coaches skeptisch. "Es gilt eben nicht: Je spektakulärer, desto besser", sagt Dagmar Hlebic, die als selbständige Führungskräftetrainerin in Wien arbeitet. Ein anderer Kontext als der Konferenzraum könne zwar schon hilfreich sein, aber: "Je reißerischer eine Maßnahme angepriesen wird, desto mehr würde ich sie mit Vorsicht genießen."

Die Praktikantin übernimmt die Führung der Gruppe

Unsere Konstellation im Escape-Room ist einigermaßen divers: Unsere jüngste Kollegin ist die 18 Jahre alte Praktikantin, die Rätsel und Mathe liebt; die Älteste eine erfahrene Redakteurin Anfang 50, die Knobelspiele nicht mag, sich nicht filmen lassen will und nur mitgekommen ist, nachdem ihr versprochen wurde, hinterher gegebenenfalls einen Verriss schreiben zu dürfen. Auf wenigen Quadratmetern Raum müssen wir in Requisiten und Möbelstücken Hinweise und Schlüssel suchen, Zahlenkombinationen erschließen und Symbole miteinander verbinden. Die Aufgaben lassen nach kurzer Zeit die Kamera vergessen - und die Tatsache, dass hier unser Verhalten beobachtet werden soll. Egal, gerade zählt nur, warum die Zahl 5555 in den Hinweisen so oft auftaucht und wie das dazu passt, dass wir eigentlich einen sechsstelligen Code suchen. Da liegt es auch völlig auf der Hand, dass die clevere Praktikantin am Ende die Führung der Gruppe übernimmt - immerhin haben wir es ihr zu verdanken, dass wir manch entscheidende Aufgabe knacken.

Als die Tür am Ende offen ist, lässt Managementtrainer Farid uns rasch unsere Verhaltensweisen am Flipchart festhalten. Wie war unsere Kommunikation, wie haben wir auf Stress reagiert? Konnten wir einander zuhören? Er erzählt uns viel, das wir schon wussten. Kleine Kritikpunkte formuliert er nur vorsichtig.

Die Psychologin Lehmann-Willenbrock kritisiert viele Team-Events als "wenig nachhaltig" - besonders wenn es kein Konzept gibt, die Lehren später noch einmal strukturiert aufzugreifen. "So ein Tag verpufft schnell", sagt sie. "Nach ein paar Wochen fragt meist keiner mehr, was vom Erlebnis im Kletterwald oder im Escape-Room übrig ist." Guter Punkt: An viele von Farids Ausführungen kann ich mich, während ich diesen Text schreibe - also rund drei Wochen später -, ohne Notizen nur noch schwer erinnern. Und wie fandet ihr es so, Kollegen?

Nadine Bös

Trüffelschwein statt Stromschnellen

In meiner bisherigen Vorstellung waren Team-Events mit Ansage (also von Vorgesetzten verordnet) der verzweifelte Versuch, irgendeine Art von Wir-Gefühl zu produzieren - und zwar in einer Truppe, in der es bis dato um genau dieses eher schlecht bestellt ist. Wer setzt sich schon gerne mit dem ungeliebten Kollegen in ein Boot und paddelt Hintern an Hintern durch gefährliche Stromschnellen? Oder hängt sein Leben im Klettergarten an das Sicherungsseil der als unzuverlässig eingestuften Kollegin? Da bietet sich höchstens ein Paintball-Match an, in dem man auf Mitbewohner des Großraumbüros mit Farbkugeln schießen kann. So weit, so vorurteilsbeladen. Auf unsere Stunde im "Escape-Room" freute ich mich dennoch aus drei Gründen. Erstens: Aus einer privaten Befreiungsaktion mit Freunden wusste ich, dass mir gemeinsames Knobeln unter Zeitdruck Spaß macht. Zweitens: Es ist das angenehmste Team, in dem ich je gearbeitet habe. Keine versteckten Aggressionen, die sich auf wenigen Quadratmetern Bahn brechen könnten, keine schwelenden Konflikte. Drittens: Wer glaubt, aus einem einstündigen Ausbruchsversuch aus einem Hobbyraum gruppendynamische Prozesse herauslesen und bei Bedarf ändern zu können, ist in meinen Augen ein Küchenpsychologe - ich war also gespannt.

Vor Ort kommt es etwas anders: Während unserer gemeinsamen Bemühungen, einen Plastik-Tresor zu knacken, beschleicht mich das leise Gefühl, dass hier durchaus die üblichen Verhaltensmuster zutage kommen. Während wir am Anfang gemeinsam erste Ideen sammeln, nimmt nach einem Drittel der Zeit die Ressortleitung das Heft in die Hand. Die blitzgescheite Praktikantin wird rasch als geeignet identifiziert, die kniffligen Logik-Aufgaben am schnellsten zu lösen. Die mütterliche Kollegin hält die Taschenlampe, reicht Utensilien und feuert mit Lob an. Ich suche derweil trüffelschweinartig weitere Hinweise, spiele Schriftführerin und notiere Codes.

Der besonnene Kollege behält den Überblick und reicht wertvolle Ratschläge von der Seite rein. In der Nachbesprechung attestiert uns Coach Farid ähnliche Beobachtungen. Einem gut funktionierenden und achtsamen Team mag es wenig nützen, wenn bestätigt wird, was unterbewusst sowieso jeder weiß. Allerdings nehmen selbst wir so manche Anregung mit, unser Potential noch besser auszuschöpfen. Und in einer Gruppe, in der sich manche in ihrer Rolle vielleicht weniger wohl fühlen oder deren Kommunikation nicht funktioniert, kann es womöglich helfen, wenn ein Außenstehender Tacheles redet. Das kann schmerzhaft und mitunter gefährlich sein: Wird das, was zutage gefördert wird, nicht aufgearbeitet, steht es wie der berühmte Elefant im Raum. Eine solche Analyse kann aber bestimmt auch befreiend sein: Wenn jeder sich darauf einlässt.

Eva Heidenfelder

Wenig erwartet und nicht enttäuscht

Der Krimi-Dinner-Geschenkgutschein rottet vor sich hin, die Einladung zum Spieleabend wird abgesagt wegen akuter Unlust, der Escape-Raum hat mir gerade noch gefehlt. Wenn ich das schon höre: Teamgeist, beflügelt von Geheimfächern - so ein Blödsinn für Menschen, die alles haben und mit ihrer Zeit nichts Anständiges anzufangen wissen! Die Infantilisierung der Berufswelt lässt grüßen. Aber in unserem Team bin ich die Einzige, die die Entscheidung kritisiert, heftig dagegen polemisiert und den Part der Spielverderberin einnimmt. Die anderen sind darüber einigermaßen erstaunt und fangen mich mit dem Argument: "Du kannst das ja kritisch schildern." Wenig überzeugt komme ich mit und tröste mich mit einem Abwärtsvergleich - allemal besser, als sich im Kletterwald zum Affen zu machen.

Um es vorwegzunehmen: Es war dann doch ganz nett, ein kurzweiliger Vormittag, der aber keiner Wiederholung bedarf: Große Erkenntnisse beschert das kollektive Eingesperrtsein nämlich nicht. Wir teilen uns ohne Absprache auf, zwei Kolleginnen brillieren bei den Zahlen-Knobel-Kombinationsaufgaben und konzentrieren sich so intensiv, dass wir anderen die Denkprozesse des Duos nur stören würden. Die zwei Top-Frauen waren übrigens zuvor schon einmal in solchen Räumen und haben mental einen klitzekleinen Vorsprung. Wir anderen suchen uns Ersatzaufgaben, lösen die und rutschen mehr oder weniger ins Assistenten-Dasein.

Wahrscheinlich sieht das unambitioniert und passiv aus, in der Rolle der Taschenlampenhalter und Raumabsucher zu landen. Aber zu viele Köche verderben halt den Brei, und wir funktionieren als Team. Das bestätigt uns später auch der Coach, aber das wissen wir doch sowieso schon lange - ganz ohne Flipchart-Stichworte. Originell sind die Miss-Marple-Aufgaben durchaus, unangenehm ist aber die Tatsache, dass permanent die Kamera läuft. Mich stört das gewaltig, auch wenn ich mich vorher rückversichert habe, dass die Aufnahmen nicht gespeichert werden. Zu viel Rattenkäfigexperiment!

Rätsel gelöst, das Spiel ist aus, ich will hier raus! Hinterher gibt es eine Rückmeldung durch den Coach, der nichts Neues sagt und als Geschäftsmann tunlichst fast jeden Anflug von Seelenstriptease vermeidet. Fazit: Ich habe wenig erwartet und wurde nicht enttäuscht. Das Konzept kupfere ich für den nächsten Kindergeburtstag des Sohnes ab. In dem Alter finden sie das sicher puppenlustig.

Ursula Kals

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