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Erfolgsfaktor Morgenritual

[Quelle: unsplash.com, Autor: Warren Wong]

Quelle: unsplash.com, Warren Wong

Die Pandemie hat den Tagesablauf vieler Führungskräfte auf den Kopf gestellt – und damit auch ihre Routinen. Was sich aus den neuen Frühaufstehgewohnheiten der Manager lernen lässt.

Wo man Adidas-Chef Kasper Rorsted morgens um sechs Uhr trifft? Im Parkhaus. Pandemiebedingt ist bei Adidas das firmeneigene Fitnessstudio dicht. Und so rennt der Topmanager morgens die Treppen des Firmen-Parkhauses in Herzogenaurach rauf und runter, macht Kraftübungen an den Stufen oder sprintet auf den leer gefegten Parkdecks hin und her. Zuvor hat er sich bereits gegen 5:30 Uhr auf sein Rennrad geschwungen, um durch den fränkischen Morgennebel zu strampeln. Wer jetzt denkt: Härter geht es nicht, der kennt Tim Holts morgendlichen Ablauf nicht.

Holt ist 51 und lebt als Vorstand von Siemens Energy in Orlando, Florida. Seit der Pandemie steht der Manager mindestens einmal pro Woche um halb zwei in der Nacht auf, um Telefon- oder Videokonferenzen mit Geschäftspartnern in Europa oder Asien wahrzunehmen. "Vor Corona", sagt der Manager, "hätte ich die Flüge zu diesen Terminen genutzt, um etwas mehr Schlaf zu bekommen."

Nun startet Holt an einigen Tagen mit einem Jetlag-Gefühl, ohne je einen Flieger betreten zu haben. Die Pandemie macht‘s möglich. Corona hat den Tagesablauf von Milliarden Beschäftigten weltweit auf den Kopf gestellt und damit auch ein Statussymbol erfolgreicher Menschen: den Kult ums frühe Aufstehen.Galt es einst als Sinnbild für Leistungswillen, abends möglichst lange im Büro zu bleiben, geht es seit einigen Jahren verstärkt darum, fit, gut informiert und noch besser gelaunt in den Tag zu starten. Schlafen, so schien es schon vor Corona, ist ein Hobby für Müßiggänger. Frühes Aufstehen hingegen gilt als ultimativer Erfolgsfaktor.

Wobei nicht allein die Uhrzeit entscheidend ist – es geht auch darum, nach dem Aufstehen das Richtige zu tun. Und damit ist in Managerkreisen normalerweise nicht gemeint, sich gemütlich mit drei Honigsemmeln hinter dem Sportteil der "Bild" zu verschanzen.

"Morgenroutinen sind wichtig, weil sie uns ermöglichen, den Tag mit einer klaren Absicht zu starten", erklärt Benjamin Spall, Gründer der Seite MyMorningRoutine.com. Er hat mehr als 300 erfolgreiche Menschen zu ihren morgendlichen Abläufen interviewt. Ergebnis: Jeder Mensch braucht etwas anderes, um gut in den Tag zu starten. Die meisten treiben Sport, so wie Rorsted. Andere üben sich in Managertrends wie Achtsamkeit oder Meditieren. Egal, welche Abläufe Manager haben: "Morgenroutinen sind grundsätzlich etwas sehr Gutes, um in den Arbeitsmodus zu kommen", sagt der Arbeitspsychologe Hannes Zacher.

Gerade sehr beschäftigten Menschen hilft es, ihre Morgenroutine eher als eine Art Checkliste anzusehen.

Laura Vanderkam, Zeitmanagement-Expertin

"Für viele Top-Leister ist der Morgen die Zeit, in der sie Zeit für sich und ihre Interessen finden – noch bevor die Arbeit oder die Familie ruft", erklärt Vanderkam dem Handelsblatt. Und es ist die Zeit, in der Ausreden nicht zählen: Schließlich gibt es zu späterer Stunde immer einen guten Grund, warum man eben nicht nach der Arbeit noch eine Runde um den See joggt oder seine Kalligrafie-Fertigkeiten perfektioniert. Und sei es nur, weil Netflix gerade zufällig die neueste Staffel von "The Crown" zeigt.

So nimmt es einen nicht wunder, dass schon Ludwig van Beethoven jeden Tag mit einem Kaffee aus exakt 60 gerösteten Böhnchen gestartet haben soll, die der Maestro nach dem Aufstehen fein säuberlich abzählte. Großbritanniens legendäre Premierministerin Margaret Thatcher schaltete jeden Morgen um fünf das Radio an, um dabei das Frühstück für ihre Familie vorzubereiten. Und Frankreichs bekannter Schriftsteller Victor Hugo ließ sich angeblich regelmäßig durch einen Gewehrschuss wecken, um dann zwei rohe Eier zu essen und anschließend auf dem Dach seines Hauses in Wasser zu baden, das er über Nacht draußen hatte stehen lassen.

Man muss vermutlich zur Zeit Napoleons gelebt haben, um das irgendwie erstrebenswert zu finden. Doch auch im Hier und Jetzt überlassen die Reichen und Erfolgreichen die ersten Stunden des Tages selten dem Zufall: Apple-Chef Tim Cook soll schon um kurz vor vier aufstehen, um durch die ersten User-Kommentare seiner Kunden zu scrollen. Babynahrungsunternehmer Claus Hipp fährt jeden Morgen für ein Gebet als Erstes zur Wallfahrtskapelle seines Heimatorts. Twitter Chef Jack Dorsey beginnt seinen Tag morgens um halb sechs mit Meditation. Und Business-Punk Richard Branson steht gegen kurz vor sechs auf, um erst mal eine Runde zu kiten.

Was freilich nur dann praktikabel ist, wenn man wie Branson eine eigene Insel besitzt. Sport, Meditation, Kaffee, erste Mails: Die Welt zum Sonnenaufgang könnte so schön sein, wenn nicht gerade Pandemie wäre. Aus Sicht von Arbeitspsychologe Zacher sind Routinen gerade in Krisenzeiten "das Wichtigste, was man tun kann". Viele Manager hätten während Corona neue Rituale gefunden, die ihnen helfen würden, die Krise durch einen inneren Gleichgewichtszustand besser zu überwinden. Expertin Vanderkam ergänzt: "Die größte Veränderung für die meisten ist, dass sie das Pendeln als Zeitpuffer verloren haben", sagt Zeitmanagement-Expertin Vanderkam.

Und dieses Mehr an Zeit dank Corona hätten viele einfach damit gefüllt, früher mit der Arbeit zu beginnen als sonst – und später damit aufzuhören. Durch die Arbeit zu Hause sei "die Gefahr noch einmal größer, dass der Morgen nach einem kurzen Zwischenstopp in Bad und Küche direkt an den Schreibtisch führt", mahnt Matthias Fischedick, Mentalcoach aus Köln und Autor des Buchs "Mehr schaffen, ohne geschafft zu sein."

Er sagt: "Jeder Mensch hat eine Morgenroutine" – ob wir wollen oder nicht. Die einen knuffen morgens erst vier Mal die Schlummertaste ihres Weckers, bevor sie sich endlich zum Aufstehen aufraffen. Für andere ist schon die Frage Kaffee oder Tee eine Grundsatzentscheidung, die den weiteren Verlauf des Tages bestimmt. Die spannende Frage ist nur: Tut einem der bisherige Start in den Tag gut? Können auch Normalbürger etwas lernen von der Planmäßigkeit, mit der Erfolgsmenschen den Tag beginnen?

Eine schlechte Nacht fühlt sich in etwa so an, wie etwa 0,5 Promille Alkohol im Blut – bei einigen sogar nach mehr.

Günther W. Amann-Jennson, Sozialpsychologe

Das Handelsblatt hat auf die Morgenroutinen von fünf Managerinnen und Managern während der Pandemie geblickt. Alle haben sich in den ersten Stunden ihres Alltages Inseln der Selbstbestimmtheit geschaffen, die sie zum Kraftauftanken nutzen. Und – auch das zeigen die Fälle – die Pandemie hat bestehende Morgenrituale nicht nur verändert, sondern teilweise komplett über den Haufen geworfen.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

1:30 Uhr – Bei Tim Holt klingelt der Wecker

Zu sagen, Corona hätte Tim Holts Arbeitswoche durcheinandergewirbelt, wäre arg untertrieben. Vor allem die Nachttermine werfen den Vorstand regelmäßig aus dem Rhythmus. Kürzlich gab es sogar drei solcher Sitzungen binnen einer Woche, bei denen Siemens-Energy-Vorstand Holt in Orlando bereits kurz nach Ende der Geisterstunde aus den Federn kriecht, um pünktlich zum Bürostart in Deutschland am Schreibtisch zu sitzen. Wie gesund kann so etwas auf Dauer sein? Nicht besonders, sagt der Schlafpsychologe und Gesundheitsexperte Günther W. Amann-Jennson.

Vier Stunden Schlaf am Tag seien das absolute Minimum, "um zu leben und nicht nur zu gedeihen". Empfehlenswert seien aber eher sieben bis neun Stunden. Verhaltenstests und Hirnuntersuchungen zeigten, dass Schlafentzug zu erhöhter Risikobereitschaft führt. "Eine schlechte Nacht fühlt sich in etwa so an, wie etwa 0,5 Promille Alkohol im Blut – bei einigen sogar nach mehr", fasst Amann-Jennson die Forschungslage zusammen. Trage sich das Schlafdefizit immer weiter, könne damit auf Dauer eine Kernfähigkeit erfolgreicher Manager beeinträchtigt werden, sagt der Experte: das eigene Entscheidungsvermögen.

Dazu kommen erhöhte Wahrscheinlichkeiten für Demenz und Herz-Kreislauf-Probleme. Keine günstige Mischung – schon gar nicht für jemanden in verantwortungsvoller Position. Dagegen kann Holt aktuell wenig tun, außer früh ins Bett zu gehen. Gegen 20 Uhr ist für ihn abends Schicht, wenn der Wecker mitten in der Nacht klingelt. Was ihm hilft, seien ruhige Tätigkeiten zum Tagesende, wie ein Abendessen mit seiner Frau oder ein entspanntes gemeinsames Glas Wein. Smartphones sind dann tabu. Gut so, denn: "Abends auf einen Bildschirm zu starren stimuliert das Gehirn, und man merkt nicht, wie müde man eigentlich ist", sagt die bekannte US-Publizistin Ariane Huffington, die den gesunden Schlaf zu ihrem Lebensthema gemacht hat.

"Lesen hilft dagegen dabei, das Gehirn langsam herunterzufahren" Holt sagt, er sei "gerade in der Pandemie routinierter und noch strukturierter" geworden. Das lässt sich vor allem an seinen Routinen an "normalen" Tagen ablesen. Diese folgen einer fast orchestrierten Ordnung: in den ersten zehn Minuten schwarzer Kaffee und frisch gepresster Saft. Was banal klingen mag, ist durchaus nützlich, sagt der Leipziger Psychologe Zacher. "Solche kleinen Dinge sind ein Zeichen, dass wir die Kontrolle über den Tag gewonnen haben. Das steigert die Planbarkeit und die Motivation."

Erst nach den morgendlichen Getränken beantwortet Holt erste Mails, bevor er mit einem Selbstmanagement-Podcast im Ohr mit dem Auto ins Büro fährt. Dort angekommen, wartet nicht gleich der erste Termin auf Holt, sondern eine kleine Schreibübung – unter Kennern des Selbstmanagements bekannt als "Journaling". Bei dieser modernen Art des Tagebuchführens beantwortet Holt stets die gleichen drei Fragen. Erstens: Wofür bin ich heute dankbar? Zweitens: Was würde aus dem heutigen Tag einen großartigen Tag machen? Drittens: Mit welchem Glaubenssatz will ich in den Tag starten?

Was etwas nach Esoterik klingt, ist laut psychologischen Studien hocheffektiv. Denn: Wer seine Gedanken durch solche Bekräftigungen dauerhaft positiv verändert, der ändert mit der Zeit auch sein Verhalten und seine Emotionen. Ein Wandel im Denken findet statt. Gerade in der Lockdown-Situation sei das "Mindset der Chefs absolut erfolgsentscheidend", bestätigt auch die Coaching-Unternehmerin Insa Klasing. "Die Umstände", sagt sie, "kann niemand verändern, aber den Blick darauf schon."

4:05 Uhr – Janina Mützes Kind ist wach

Während sich für die meisten Menschen das Leben durch die Pandemie schlagartig verändert hat, kam bei Janina Mütze vergangenes Jahr noch ein weiterer Faktor hinzu, der ihren Tagesablauf durcheinanderbrachte. Allerdings ein sehr erfreulicher: Mütze ist im Oktober Mutter geworden.

Außerdem hat ihr Partner noch zwei weitere Kinder in die Beziehung mitgebracht, beide im Homeschooling-Alter. Manchmal, sagt die Mitgründerin des Meinungsforschungs-Start-ups Civey, wisse sie nicht, was "krasser" für ihre Morgenroutine sei – die Kinder oder die Pandemie.

Im Winter, als ihr Baby erst ein paar Wochen alt war, war sie oft um vier Uhr in der Nacht wach und schlief dann mehr schlecht als recht wieder ein. Was dann folgte, waren Fragmente eines Rituals: Nachrichten im Bad hören, Kaffee trinken und Frühstücken, ab und zu ein Work-out vor den ersten Business-Terminen – solange das Kind es zulässt. Mützes Mantra: arbeiten, wenn das Kind schläft.

"Ich weiß zu schätzen, dass ich als Unternehmerin deutlich flexibler sein kann als die meisten Angestellten", sagt die 30-Jährige. Seit ihr Baby einen etwas geregelteren Rhythmus hat, teilt sich die Gründerin die Woche auf.

Montag und Dienstag – das sind Mützes "Powertage", sagt sie. "Da stehe ich gegen fünf Uhr auf, um noch zwei, drei Stunden etwas wegzuschaffen." Das können Vorlagen für Gesellschafterbeschlüsse oder Investor-Reportings sein, aber auch kreative und strategische Denkaufgaben, die viel Konzentration erfordern.

An den anderen Tagen gibt sie weniger Gas. Nach dem Frühstück sind bei Mütze jeden Tag zwei Stunden fürs Kind geblockt. Spätestens ab zehn Uhr hat sie den Kopf frei. "Als Gründerin muss ich funktionieren und ausgeschlafen sein", sagt sie. Deshalb gibt es auch Tage, an denen sie bis um neun ausschläft. Routine sieht anders aus, oder?

Cordula Nussbaum ist eine der renommiertesten Zeitmanagement-Experten im deutschsprachigen Raum und hat sich Mützes Tagesablauf angeschaut. Sie sagt: "Als berufstätige Mutter zählt Janina Mütze zu den Hauptbelasteten der Pandemie.

Nicht nur weil berufstätige Eltern im Job das Chaos klären und viele Abläufe ändern mussten, sondern weil privat auch noch eine Menge zu stemmen ist." Tatsächlich sind in der Krise viele Familien in traditionelle Rollenmuster zurückgefallen. Das hat vor allem den Druck auf Mütter erhöht, wie Studien zeigen.

Bei einer repräsentativen Befragung der Bertelsmann Stiftung vom Dezember gaben 69 Prozent der Frauen an, dass sie den Großteil der Hausarbeit erledigen. Bei den Männern waren es gerade einmal elf Prozent. Ähnlich verhielt es sich bei Kinderbetreuung und Homeschooling. Mütze schaffe es, die "ihr aufgezwungene Flexibilität anzunehmen", und versuche gar nicht erst, "zu starre Routinen zu schaffen", sagt Nussbaum. Ein gezieltes Routinebrechen sozusagen. "Gleichzeitig plant sie bewusst Zeit für das Baby ein", ergänzt Businesscoach Fischedick – was für klare Prioritäten spreche.

Von denen kann auch so manch anderer Manager in verantwortungsvoller Position lernen. So hat Mütze vor Kurzem für sich die Regel eingeführt, vor zehn Uhr prinzipiell keine Meetings mehr anzusetzen. "Im ersten Lockdown hat unsere Besprechungsdichte stark zugenommen", erinnert sich die Unternehmerin. Das wollte sie ändern. "Ich möchte nicht eine Kultur in unser Unternehmen bringen, in der es kaum noch Freiräume gibt", sagt die Gründerin. Mit ihrem Zeitmanagement habe sie auch eine Verantwortung und Vorbildfunktion gegenüber ihren Mitarbeitern, sagt die Gründerin– mit vorzeigbaren Ergebnissen: Civeys Umsatz wuchs im abgelaufenen Geschäftsjahr um 100 Prozent. In der Krise sind die Demoskopie-Daten des Jungunternehmens gefragt, etwa in Ministerien oder bei großen Konzernen wie Volkswagen.

Die blaue Stunde

4:55 Uhr – Christa Stienens blaue Stunde beginnt

Kaffee trinken, in die Welt gucken, meditieren, Sport treiben und dann langsam anfangen, die ersten Mails zu bearbeiten. Der Morgen von Christa Stienen startet früh, aber entspannt. "Meine besten Ideen kommen mir am Anfang des Tages", sagt die Managerin. Meist ist sie zwischen vier und fünf Uhr wach, an manchen Tagen aber auch erst um sechs. Die Zeit nach dem Aufstehen nennt Stienen "meine blaue Stunde".

Über die positiven Effekte einer morgendlichen Meditation berichten viele Manager – und Experten: Schon eine kurze, ruhige Besinnung helfe, die eigene Kreativität und Problemlösungsfähigkeit zu steigern, zeigt ein Artikel in der US-Fachzeitschrift "Scientific American". Als Deutschland-Personalchefin beim Logistiker DB Schenker war die 54-jährige Stienen viele Jahre Langstrecken-Pendlerin. Sie lebte in Duisburg, arbeitete in Frankfurt und hatte mit ihrem Mann eine weitere Wohnung in Berlin.

"Seit diesem Jahr gibt es nur noch Frankfurt" – und, das ist für Stienen die wohl größte Lehre aus der Pandemiezeit: "Es funktioniert." Was die Managerin dennoch aus ihrem Pendlerleben beibehalten hat, ist das frühe Aufstehen. "Seit das Pendeln weggefallen ist, brauche ich eigentlich keinen Wecker mehr. Mein Arbeitsweg sind jetzt noch fünfzehn Minuten – zu Fuß", sagt Stienen. Gewonnene Zeit, die sie manchmal für erste Telefonate nutze. Spätestens um kurz vor neun ist sie im Büro, auch in Lockdown-Zeiten. Unterschriften, Absprachen: "Es gibt Dinge, für die muss man vor Ort sein", sagt Stienen.

"Gerade in einer großen Personalabteilung." Die Stunden davor geht Stienen bewusst gelassen an. Das Schönste: "Es ist niemand da, der etwas von mir will." Die Zeit nutzt sie verstärkt für sich, etwa, indem sie eine Runde auf dem Crosstrainer läuft – aber auch, um die kurzfristigen Ziele für den Tag noch einmal durchzugehen und zu priorisieren. Ein Klassiker, wie Zeitexpertin Nussbaum sagt. Vielen leistungsorientierten Menschen gebe es innere Ruhe, brennende Mails sofort zu beantworten und die Agenda neu zu sortieren. "Als Personalchefin ist es mein Job, dass die Leute wissen, was sie wann zu tun haben", sagt Stienen. Dafür sei gute Organisation essenziell.

Und die beginnt eben manchmal schon um kurz vor fünf, wenn sonst alles ruhig ist. "Gerade sehr beschäftigten Menschen hilft es, ihre Morgenroutine eher als eine Art Checkliste anzusehen – von Dingen, die man sich Gutes tut, bevor der Morgen so richtig startet", sagt Business-Autorin Vanderkam. In Pandemiezeiten sei es deshalb umso wichtiger, zu "überprüfen, ob die eigene Morgenroutine noch stimmig ist und mir Kraft gibt oder ob sie mich stresst". Eine Studie der Florida State University bestätigt: Wer sich am Morgen eine To-do-Liste macht, lindert seinen Stress, selbst wenn sie lang ist.

Die Forscher erklären das damit, dass unklare Aufgaben die Leistungsfähigkeit senken, während das Abarbeiten einer klaren Liste zufriedener mache. Stienen jedenfalls scheint ihren Frieden mit dem Lockdown geschlossen zu haben. Weniger pendeln, weniger netzwerken, mehr Zeit für Privates: "Ich sehe für mich persönlich eher die positiven Seiten in der Coronazeit."

5:20 Uhr – Kasper Rorsted steigt aufs Rennrad

In Zeiten, in denen vieles nicht möglich ist, "ist Sport für mich ein Stück Lebensfreude und ein guter Ausgleich", sagt der Adidas-Chef. Und so zieht sich sein persönliches Fitnesstraining auch wie ein roter Faden durch Kasper Rorsteds Morgenprogramm. Nach der Rennradrunde und dem Krafttraining im Parkhaus stehen gegen halb acht die ersten geschäftlichen Termine auf Rorsteds Agenda. Dazu zählt die Lektüre von Pressespiegel oder ersten E-Mails, also eher ruhige Tätigkeiten mit viel Zeitpuffer.

Das lässt dem CEO genügend Raum zum Reflektieren über die großen Linien. Für Besprechungen mit seinen Vorstandskollegen trifft sich Rorsted ab und zu an der frischen Luft für einen Spaziergang um den Adidas-Campus. Der persönliche Austausch sei wichtig auf oberster Führungsebene. Aus dem Unternehmen heißt es: "Es kam auch schon vor, dass mal ein Fußball durch die leeren Flure geschossen wurde." "Covid kann als Entschuldigung für vieles herhalten", sagt Vanderkam.

"Aber: Wir können noch immer Zeit freiräumen für die Dinge, die uns wichtig sind im Leben." Dafür seien Rorsted und sein unbedingter Wille zum Sporttreiben ein super Beispiel. Und es muss nicht unbedingt so sportlich zugehen wie bei Rorsted. Eine britische Studie zeigt, dass schon ein halbstündiger Spaziergang am Morgen das Gedächtnis und die Wahrnehmung verbessere. Noch besser sei es, schreiben die Forscher, wenn man sich auch am Arbeitsplatz alle 30 Minuten einmal strecke. Zumindest für den Adidas-Chef sollte das kein Problem sein.

6:30 Uhr – Damian Polok wird wach

Damian Polok sagt es gleich geradeheraus: 2Ich huldige nicht dem Frühaufstehen wie viele Manager." Meistens ist er gegen 6.30 Uhr wach, manchmal auch später. Unter den ernsthaften Jüngern des Morgenkults rangiert er damit schon fast in der Kategorie Bonvivant. Bei der Silicon Valley Bank ist Polok von Frankfurt aus als "Deal Lead" und Vizepräsident an allen entscheidenden Investitionsschritten der Portfoliounternehmen der Bank beteiligt. "Einige Ideen, wie wir weiter vorankommen, kamen mir beim Sport. Zum Beispiel: Wann und wo hat eine geografische Expansion innerhalb Deutschlands Sinn?"

Auch das Konzept für eine Akademie für Risikokapitalgeber ist während seiner Morgenroutine geboren worden. Und die sieht etwa 30 Minuten Joggen, Krafttraining oder Crossfit vor – "je nachdem, wozu ich gerade Lust habe", sagt Polok. Poloks Geschäft ist "People-Business", lebt von persönlichen Kontakten und Beziehungsmanagement – in Pandemiezeiten eine Herausforderung. Polok erweitert deshalb seine Routine in Coronazeiten gelegentlich: "Wenn ich sehe, dass die Kalender von meinen Geschäftspartnern oder Kollegen und mir gleichermaßen voll sind, frage ich, wenn es passt: Wie wär‘s mit Joggen morgens?"

Etwa ein Dutzend Mal sei das in den letzten Lockdown-Monaten passiert. Ein "Invest in die Beziehung" zum Kunden und zum Team sei das, so Polok. Der 32 -jährige Manager sagt: "Wenn wir die Finanzierung zur Verfügung stellen, will ich immer auch verstehen: Was treibt die Gründer? Wo wollen sie hin?" Dafür seien gemeinsame Sporteinheiten gut, weil sie den Geschäftspartner noch mal in einer anderen Situation zeigten. Auch Nussbaums Coaching-Klienten nutzen bisweilen bewusst "Geh-ungen" statt "Sitz-ungen", um den Organismus auf Trab zu halten und zusätzlich auf neue Ideen zu kommen. "Gehen er und seine Partner lediglich freizeitmäßig laufen, dann ist das tatsächlich ein schönes gemeinsames Erleben, das gute Beziehungen fördert", urteilt die Zeitmanagement-Expertin.

Ich gehe früh ins Bett und stehe früh auf.

Jeff Bezos, Amazon-Gründer

Geht es dann noch um etwas konkret Geschäftliches, "dann ist das ziemlich effektiv", so die Expertin. Sport, Priorisieren, die ersten Mails abarbeiten: Die Übersicht zeigt, welche unterschiedlichen persönlichen Motivationshäppchen erfolgreiche Menschen nutzen, um ihren Morgen zu strukturieren. Auch und gerade in Ausnahmezeiten wie diesen kann eine Morgenroutine also Halt und Orientierung für den Tag geben. Dabei scheinen vier Dinge wichtig:

Erstens: früh ins Bett gehen. "Es ist unmöglich, eine Morgenroutine durchzuziehen, wenn man nicht ausgeschlafen ist", sagt Erfolgsbuch-Autorin Vanderkam. Das Minimum, das Experten empfehlen, sind sieben Stunden Schlaf. Alkohol und lange Bildschirmzeiten sollten abends vermieden werden. Weil sich die meisten Erwachsenen nicht aussuchen können, wann sie aufstehen, "ist frühes Zu-Bett-Gehen der einzige Weg, um sicherzustellen, dass man genug Schlaf bekommt", sagt Vanderkam. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos folgt dieser Praxis, wie er bereits 2018 dem Nachrichtenportal "Businessinsider" verriet: "Ich gehe früh ins Bett und stehe früh auf."

Zweitens: einen Motivationstreiber finden. Niemand steht für etwas auf, das er hasst. Und wenn die beschriebenen Fälle eines zeigen, dann dass die Menschen sich morgens von höchst unterschiedlichen Dingen aus dem Bett locken lassen. "Nur weil andere Leute morgens erst einmal eine Stunde um den See rennen oder Poesie lesen, bedeutet das nicht, dass das einem selbst auch gefällt", sagt Business-Autorin Vanderkam. Deshalb: Etwas wählen, das einen abends schon in Vorfreude auf den Morgen versetzt.

Drittens: Machen Sie sich einen Zeitplan – aber keinen zu ambitionierten. Ist die Morgenmotivation gefunden, geht es an die Logistik. Damit aus einer Einmal-Maßnahme eine Routine wird, ist die Planung wichtig: Wie lang dauern die Motivationshäppchen, die Sie sich vorgenommen haben? Was muss man dafür umorganisieren? Der Tipp von Mentalcoach Fischedick: klein starten. "Das Ergebnis kann sein, den Wecker nur zehn oder fünfzehn Minuten früher zu stellen, um Zeit für ein entspanntes Frühstück zu haben, weil es einen besseren Start in den Tag ermöglicht und man so länger durchhält." Ein Tipp, um die eigene Morgenroutine für schlechte Zeiten zu testen: Man sollte sich immer vor Augen führen, dass man gerade auch an unmotivierten Tagen Platz finden muss für die Routine. Deshalb darf sie nicht zu ambitioniert sein.

Viertens: Bleiben Sie flexibel. Wenn die Pandemie Manager eines gelehrt hat, dann dass es manchmal erforderlich ist, von seinen Ursprungsplänen abzurücken. Aber: "Wir dürfen uns nicht als Opfer der Umstände begreifen", sagt Fischedick, "sondern müssen uns unseres Einflusses bewusst sein, den wir auf unser Leben und Wohlergehen haben."

Civey-Gründerin Mütze etwa ist in Pandemiezeiten mit Säugling aktuell gezwungen, ihre Routine möglichst flexibel zu gestalten. Und nicht zu hart mit sich ins Gericht zu gehen. "Wenn ich ganz müde bin, hole ich mir die Energiepausen tagsüber und lege mich kurz hin." Schließlich hat der Tag ja 24 Stunden und nicht nur einen Morgen, an dem man sich etwas Gutes tun kann. Manchmal muss man die Gegebenheiten eben einer neuen Lage anpassen. Und von neuen Lagen gab es in letzter Zeit mehr als genug. 

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