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Die blaue Stunde

4:55 Uhr – Christa Stienens blaue Stunde beginnt

Kaffee trinken, in die Welt gucken, meditieren, Sport treiben und dann langsam anfangen, die ersten Mails zu bearbeiten. Der Morgen von Christa Stienen startet früh, aber entspannt. "Meine besten Ideen kommen mir am Anfang des Tages", sagt die Managerin. Meist ist sie zwischen vier und fünf Uhr wach, an manchen Tagen aber auch erst um sechs. Die Zeit nach dem Aufstehen nennt Stienen "meine blaue Stunde".

Über die positiven Effekte einer morgendlichen Meditation berichten viele Manager – und Experten: Schon eine kurze, ruhige Besinnung helfe, die eigene Kreativität und Problemlösungsfähigkeit zu steigern, zeigt ein Artikel in der US-Fachzeitschrift "Scientific American". Als Deutschland-Personalchefin beim Logistiker DB Schenker war die 54-jährige Stienen viele Jahre Langstrecken-Pendlerin. Sie lebte in Duisburg, arbeitete in Frankfurt und hatte mit ihrem Mann eine weitere Wohnung in Berlin.

"Seit diesem Jahr gibt es nur noch Frankfurt" – und, das ist für Stienen die wohl größte Lehre aus der Pandemiezeit: "Es funktioniert." Was die Managerin dennoch aus ihrem Pendlerleben beibehalten hat, ist das frühe Aufstehen. "Seit das Pendeln weggefallen ist, brauche ich eigentlich keinen Wecker mehr. Mein Arbeitsweg sind jetzt noch fünfzehn Minuten – zu Fuß", sagt Stienen. Gewonnene Zeit, die sie manchmal für erste Telefonate nutze. Spätestens um kurz vor neun ist sie im Büro, auch in Lockdown-Zeiten. Unterschriften, Absprachen: "Es gibt Dinge, für die muss man vor Ort sein", sagt Stienen.

"Gerade in einer großen Personalabteilung." Die Stunden davor geht Stienen bewusst gelassen an. Das Schönste: "Es ist niemand da, der etwas von mir will." Die Zeit nutzt sie verstärkt für sich, etwa, indem sie eine Runde auf dem Crosstrainer läuft – aber auch, um die kurzfristigen Ziele für den Tag noch einmal durchzugehen und zu priorisieren. Ein Klassiker, wie Zeitexpertin Nussbaum sagt. Vielen leistungsorientierten Menschen gebe es innere Ruhe, brennende Mails sofort zu beantworten und die Agenda neu zu sortieren. "Als Personalchefin ist es mein Job, dass die Leute wissen, was sie wann zu tun haben", sagt Stienen. Dafür sei gute Organisation essenziell.

Und die beginnt eben manchmal schon um kurz vor fünf, wenn sonst alles ruhig ist. "Gerade sehr beschäftigten Menschen hilft es, ihre Morgenroutine eher als eine Art Checkliste anzusehen – von Dingen, die man sich Gutes tut, bevor der Morgen so richtig startet", sagt Business-Autorin Vanderkam. In Pandemiezeiten sei es deshalb umso wichtiger, zu "überprüfen, ob die eigene Morgenroutine noch stimmig ist und mir Kraft gibt oder ob sie mich stresst". Eine Studie der Florida State University bestätigt: Wer sich am Morgen eine To-do-Liste macht, lindert seinen Stress, selbst wenn sie lang ist.

Die Forscher erklären das damit, dass unklare Aufgaben die Leistungsfähigkeit senken, während das Abarbeiten einer klaren Liste zufriedener mache. Stienen jedenfalls scheint ihren Frieden mit dem Lockdown geschlossen zu haben. Weniger pendeln, weniger netzwerken, mehr Zeit für Privates: "Ich sehe für mich persönlich eher die positiven Seiten in der Coronazeit."

5:20 Uhr – Kasper Rorsted steigt aufs Rennrad

In Zeiten, in denen vieles nicht möglich ist, "ist Sport für mich ein Stück Lebensfreude und ein guter Ausgleich", sagt der Adidas-Chef. Und so zieht sich sein persönliches Fitnesstraining auch wie ein roter Faden durch Kasper Rorsteds Morgenprogramm. Nach der Rennradrunde und dem Krafttraining im Parkhaus stehen gegen halb acht die ersten geschäftlichen Termine auf Rorsteds Agenda. Dazu zählt die Lektüre von Pressespiegel oder ersten E-Mails, also eher ruhige Tätigkeiten mit viel Zeitpuffer.

Das lässt dem CEO genügend Raum zum Reflektieren über die großen Linien. Für Besprechungen mit seinen Vorstandskollegen trifft sich Rorsted ab und zu an der frischen Luft für einen Spaziergang um den Adidas-Campus. Der persönliche Austausch sei wichtig auf oberster Führungsebene. Aus dem Unternehmen heißt es: "Es kam auch schon vor, dass mal ein Fußball durch die leeren Flure geschossen wurde." "Covid kann als Entschuldigung für vieles herhalten", sagt Vanderkam.

"Aber: Wir können noch immer Zeit freiräumen für die Dinge, die uns wichtig sind im Leben." Dafür seien Rorsted und sein unbedingter Wille zum Sporttreiben ein super Beispiel. Und es muss nicht unbedingt so sportlich zugehen wie bei Rorsted. Eine britische Studie zeigt, dass schon ein halbstündiger Spaziergang am Morgen das Gedächtnis und die Wahrnehmung verbessere. Noch besser sei es, schreiben die Forscher, wenn man sich auch am Arbeitsplatz alle 30 Minuten einmal strecke. Zumindest für den Adidas-Chef sollte das kein Problem sein.

6:30 Uhr – Damian Polok wird wach

Damian Polok sagt es gleich geradeheraus: 2Ich huldige nicht dem Frühaufstehen wie viele Manager." Meistens ist er gegen 6.30 Uhr wach, manchmal auch später. Unter den ernsthaften Jüngern des Morgenkults rangiert er damit schon fast in der Kategorie Bonvivant. Bei der Silicon Valley Bank ist Polok von Frankfurt aus als "Deal Lead" und Vizepräsident an allen entscheidenden Investitionsschritten der Portfoliounternehmen der Bank beteiligt. "Einige Ideen, wie wir weiter vorankommen, kamen mir beim Sport. Zum Beispiel: Wann und wo hat eine geografische Expansion innerhalb Deutschlands Sinn?"

Auch das Konzept für eine Akademie für Risikokapitalgeber ist während seiner Morgenroutine geboren worden. Und die sieht etwa 30 Minuten Joggen, Krafttraining oder Crossfit vor – "je nachdem, wozu ich gerade Lust habe", sagt Polok. Poloks Geschäft ist "People-Business", lebt von persönlichen Kontakten und Beziehungsmanagement – in Pandemiezeiten eine Herausforderung. Polok erweitert deshalb seine Routine in Coronazeiten gelegentlich: "Wenn ich sehe, dass die Kalender von meinen Geschäftspartnern oder Kollegen und mir gleichermaßen voll sind, frage ich, wenn es passt: Wie wär‘s mit Joggen morgens?"

Etwa ein Dutzend Mal sei das in den letzten Lockdown-Monaten passiert. Ein "Invest in die Beziehung" zum Kunden und zum Team sei das, so Polok. Der 32 -jährige Manager sagt: "Wenn wir die Finanzierung zur Verfügung stellen, will ich immer auch verstehen: Was treibt die Gründer? Wo wollen sie hin?" Dafür seien gemeinsame Sporteinheiten gut, weil sie den Geschäftspartner noch mal in einer anderen Situation zeigten. Auch Nussbaums Coaching-Klienten nutzen bisweilen bewusst "Geh-ungen" statt "Sitz-ungen", um den Organismus auf Trab zu halten und zusätzlich auf neue Ideen zu kommen. "Gehen er und seine Partner lediglich freizeitmäßig laufen, dann ist das tatsächlich ein schönes gemeinsames Erleben, das gute Beziehungen fördert", urteilt die Zeitmanagement-Expertin.

Ich gehe früh ins Bett und stehe früh auf.

Jeff Bezos, Amazon-Gründer

Geht es dann noch um etwas konkret Geschäftliches, "dann ist das ziemlich effektiv", so die Expertin. Sport, Priorisieren, die ersten Mails abarbeiten: Die Übersicht zeigt, welche unterschiedlichen persönlichen Motivationshäppchen erfolgreiche Menschen nutzen, um ihren Morgen zu strukturieren. Auch und gerade in Ausnahmezeiten wie diesen kann eine Morgenroutine also Halt und Orientierung für den Tag geben. Dabei scheinen vier Dinge wichtig:

Erstens: früh ins Bett gehen. "Es ist unmöglich, eine Morgenroutine durchzuziehen, wenn man nicht ausgeschlafen ist", sagt Erfolgsbuch-Autorin Vanderkam. Das Minimum, das Experten empfehlen, sind sieben Stunden Schlaf. Alkohol und lange Bildschirmzeiten sollten abends vermieden werden. Weil sich die meisten Erwachsenen nicht aussuchen können, wann sie aufstehen, "ist frühes Zu-Bett-Gehen der einzige Weg, um sicherzustellen, dass man genug Schlaf bekommt", sagt Vanderkam. Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos folgt dieser Praxis, wie er bereits 2018 dem Nachrichtenportal "Businessinsider" verriet: "Ich gehe früh ins Bett und stehe früh auf."

Zweitens: einen Motivationstreiber finden. Niemand steht für etwas auf, das er hasst. Und wenn die beschriebenen Fälle eines zeigen, dann dass die Menschen sich morgens von höchst unterschiedlichen Dingen aus dem Bett locken lassen. "Nur weil andere Leute morgens erst einmal eine Stunde um den See rennen oder Poesie lesen, bedeutet das nicht, dass das einem selbst auch gefällt", sagt Business-Autorin Vanderkam. Deshalb: Etwas wählen, das einen abends schon in Vorfreude auf den Morgen versetzt.

Drittens: Machen Sie sich einen Zeitplan – aber keinen zu ambitionierten. Ist die Morgenmotivation gefunden, geht es an die Logistik. Damit aus einer Einmal-Maßnahme eine Routine wird, ist die Planung wichtig: Wie lang dauern die Motivationshäppchen, die Sie sich vorgenommen haben? Was muss man dafür umorganisieren? Der Tipp von Mentalcoach Fischedick: klein starten. "Das Ergebnis kann sein, den Wecker nur zehn oder fünfzehn Minuten früher zu stellen, um Zeit für ein entspanntes Frühstück zu haben, weil es einen besseren Start in den Tag ermöglicht und man so länger durchhält." Ein Tipp, um die eigene Morgenroutine für schlechte Zeiten zu testen: Man sollte sich immer vor Augen führen, dass man gerade auch an unmotivierten Tagen Platz finden muss für die Routine. Deshalb darf sie nicht zu ambitioniert sein.

Viertens: Bleiben Sie flexibel. Wenn die Pandemie Manager eines gelehrt hat, dann dass es manchmal erforderlich ist, von seinen Ursprungsplänen abzurücken. Aber: "Wir dürfen uns nicht als Opfer der Umstände begreifen", sagt Fischedick, "sondern müssen uns unseres Einflusses bewusst sein, den wir auf unser Leben und Wohlergehen haben."

Civey-Gründerin Mütze etwa ist in Pandemiezeiten mit Säugling aktuell gezwungen, ihre Routine möglichst flexibel zu gestalten. Und nicht zu hart mit sich ins Gericht zu gehen. "Wenn ich ganz müde bin, hole ich mir die Energiepausen tagsüber und lege mich kurz hin." Schließlich hat der Tag ja 24 Stunden und nicht nur einen Morgen, an dem man sich etwas Gutes tun kann. Manchmal muss man die Gegebenheiten eben einer neuen Lage anpassen. Und von neuen Lagen gab es in letzter Zeit mehr als genug. 

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