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Der frühe Vogel fängt den Wurm

1:30 Uhr – Bei Tim Holt klingelt der Wecker

Zu sagen, Corona hätte Tim Holts Arbeitswoche durcheinandergewirbelt, wäre arg untertrieben. Vor allem die Nachttermine werfen den Vorstand regelmäßig aus dem Rhythmus. Kürzlich gab es sogar drei solcher Sitzungen binnen einer Woche, bei denen Siemens-Energy-Vorstand Holt in Orlando bereits kurz nach Ende der Geisterstunde aus den Federn kriecht, um pünktlich zum Bürostart in Deutschland am Schreibtisch zu sitzen. Wie gesund kann so etwas auf Dauer sein? Nicht besonders, sagt der Schlafpsychologe und Gesundheitsexperte Günther W. Amann-Jennson.

Vier Stunden Schlaf am Tag seien das absolute Minimum, "um zu leben und nicht nur zu gedeihen". Empfehlenswert seien aber eher sieben bis neun Stunden. Verhaltenstests und Hirnuntersuchungen zeigten, dass Schlafentzug zu erhöhter Risikobereitschaft führt. "Eine schlechte Nacht fühlt sich in etwa so an, wie etwa 0,5 Promille Alkohol im Blut – bei einigen sogar nach mehr", fasst Amann-Jennson die Forschungslage zusammen. Trage sich das Schlafdefizit immer weiter, könne damit auf Dauer eine Kernfähigkeit erfolgreicher Manager beeinträchtigt werden, sagt der Experte: das eigene Entscheidungsvermögen.

Dazu kommen erhöhte Wahrscheinlichkeiten für Demenz und Herz-Kreislauf-Probleme. Keine günstige Mischung – schon gar nicht für jemanden in verantwortungsvoller Position. Dagegen kann Holt aktuell wenig tun, außer früh ins Bett zu gehen. Gegen 20 Uhr ist für ihn abends Schicht, wenn der Wecker mitten in der Nacht klingelt. Was ihm hilft, seien ruhige Tätigkeiten zum Tagesende, wie ein Abendessen mit seiner Frau oder ein entspanntes gemeinsames Glas Wein. Smartphones sind dann tabu. Gut so, denn: "Abends auf einen Bildschirm zu starren stimuliert das Gehirn, und man merkt nicht, wie müde man eigentlich ist", sagt die bekannte US-Publizistin Ariane Huffington, die den gesunden Schlaf zu ihrem Lebensthema gemacht hat.

"Lesen hilft dagegen dabei, das Gehirn langsam herunterzufahren" Holt sagt, er sei "gerade in der Pandemie routinierter und noch strukturierter" geworden. Das lässt sich vor allem an seinen Routinen an "normalen" Tagen ablesen. Diese folgen einer fast orchestrierten Ordnung: in den ersten zehn Minuten schwarzer Kaffee und frisch gepresster Saft. Was banal klingen mag, ist durchaus nützlich, sagt der Leipziger Psychologe Zacher. "Solche kleinen Dinge sind ein Zeichen, dass wir die Kontrolle über den Tag gewonnen haben. Das steigert die Planbarkeit und die Motivation."

Erst nach den morgendlichen Getränken beantwortet Holt erste Mails, bevor er mit einem Selbstmanagement-Podcast im Ohr mit dem Auto ins Büro fährt. Dort angekommen, wartet nicht gleich der erste Termin auf Holt, sondern eine kleine Schreibübung – unter Kennern des Selbstmanagements bekannt als "Journaling". Bei dieser modernen Art des Tagebuchführens beantwortet Holt stets die gleichen drei Fragen. Erstens: Wofür bin ich heute dankbar? Zweitens: Was würde aus dem heutigen Tag einen großartigen Tag machen? Drittens: Mit welchem Glaubenssatz will ich in den Tag starten?

Was etwas nach Esoterik klingt, ist laut psychologischen Studien hocheffektiv. Denn: Wer seine Gedanken durch solche Bekräftigungen dauerhaft positiv verändert, der ändert mit der Zeit auch sein Verhalten und seine Emotionen. Ein Wandel im Denken findet statt. Gerade in der Lockdown-Situation sei das "Mindset der Chefs absolut erfolgsentscheidend", bestätigt auch die Coaching-Unternehmerin Insa Klasing. "Die Umstände", sagt sie, "kann niemand verändern, aber den Blick darauf schon."

4:05 Uhr – Janina Mützes Kind ist wach

Während sich für die meisten Menschen das Leben durch die Pandemie schlagartig verändert hat, kam bei Janina Mütze vergangenes Jahr noch ein weiterer Faktor hinzu, der ihren Tagesablauf durcheinanderbrachte. Allerdings ein sehr erfreulicher: Mütze ist im Oktober Mutter geworden.

Außerdem hat ihr Partner noch zwei weitere Kinder in die Beziehung mitgebracht, beide im Homeschooling-Alter. Manchmal, sagt die Mitgründerin des Meinungsforschungs-Start-ups Civey, wisse sie nicht, was "krasser" für ihre Morgenroutine sei – die Kinder oder die Pandemie.

Im Winter, als ihr Baby erst ein paar Wochen alt war, war sie oft um vier Uhr in der Nacht wach und schlief dann mehr schlecht als recht wieder ein. Was dann folgte, waren Fragmente eines Rituals: Nachrichten im Bad hören, Kaffee trinken und Frühstücken, ab und zu ein Work-out vor den ersten Business-Terminen – solange das Kind es zulässt. Mützes Mantra: arbeiten, wenn das Kind schläft.

"Ich weiß zu schätzen, dass ich als Unternehmerin deutlich flexibler sein kann als die meisten Angestellten", sagt die 30-Jährige. Seit ihr Baby einen etwas geregelteren Rhythmus hat, teilt sich die Gründerin die Woche auf.

Montag und Dienstag – das sind Mützes "Powertage", sagt sie. "Da stehe ich gegen fünf Uhr auf, um noch zwei, drei Stunden etwas wegzuschaffen." Das können Vorlagen für Gesellschafterbeschlüsse oder Investor-Reportings sein, aber auch kreative und strategische Denkaufgaben, die viel Konzentration erfordern.

An den anderen Tagen gibt sie weniger Gas. Nach dem Frühstück sind bei Mütze jeden Tag zwei Stunden fürs Kind geblockt. Spätestens ab zehn Uhr hat sie den Kopf frei. "Als Gründerin muss ich funktionieren und ausgeschlafen sein", sagt sie. Deshalb gibt es auch Tage, an denen sie bis um neun ausschläft. Routine sieht anders aus, oder?

Cordula Nussbaum ist eine der renommiertesten Zeitmanagement-Experten im deutschsprachigen Raum und hat sich Mützes Tagesablauf angeschaut. Sie sagt: "Als berufstätige Mutter zählt Janina Mütze zu den Hauptbelasteten der Pandemie.

Nicht nur weil berufstätige Eltern im Job das Chaos klären und viele Abläufe ändern mussten, sondern weil privat auch noch eine Menge zu stemmen ist." Tatsächlich sind in der Krise viele Familien in traditionelle Rollenmuster zurückgefallen. Das hat vor allem den Druck auf Mütter erhöht, wie Studien zeigen.

Bei einer repräsentativen Befragung der Bertelsmann Stiftung vom Dezember gaben 69 Prozent der Frauen an, dass sie den Großteil der Hausarbeit erledigen. Bei den Männern waren es gerade einmal elf Prozent. Ähnlich verhielt es sich bei Kinderbetreuung und Homeschooling. Mütze schaffe es, die "ihr aufgezwungene Flexibilität anzunehmen", und versuche gar nicht erst, "zu starre Routinen zu schaffen", sagt Nussbaum. Ein gezieltes Routinebrechen sozusagen. "Gleichzeitig plant sie bewusst Zeit für das Baby ein", ergänzt Businesscoach Fischedick – was für klare Prioritäten spreche.

Von denen kann auch so manch anderer Manager in verantwortungsvoller Position lernen. So hat Mütze vor Kurzem für sich die Regel eingeführt, vor zehn Uhr prinzipiell keine Meetings mehr anzusetzen. "Im ersten Lockdown hat unsere Besprechungsdichte stark zugenommen", erinnert sich die Unternehmerin. Das wollte sie ändern. "Ich möchte nicht eine Kultur in unser Unternehmen bringen, in der es kaum noch Freiräume gibt", sagt die Gründerin. Mit ihrem Zeitmanagement habe sie auch eine Verantwortung und Vorbildfunktion gegenüber ihren Mitarbeitern, sagt die Gründerin– mit vorzeigbaren Ergebnissen: Civeys Umsatz wuchs im abgelaufenen Geschäftsjahr um 100 Prozent. In der Krise sind die Demoskopie-Daten des Jungunternehmens gefragt, etwa in Ministerien oder bei großen Konzernen wie Volkswagen.

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