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Erfolgsfaktor Morgenritual

[Quelle: unsplash.com, Autor: Warren Wong]

Quelle: unsplash.com, Warren Wong

Die Pandemie hat den Tagesablauf vieler Führungskräfte auf den Kopf gestellt – und damit auch ihre Routinen. Was sich aus den neuen Frühaufstehgewohnheiten der Manager lernen lässt.

Wo man Adidas-Chef Kasper Rorsted morgens um sechs Uhr trifft? Im Parkhaus. Pandemiebedingt ist bei Adidas das firmeneigene Fitnessstudio dicht. Und so rennt der Topmanager morgens die Treppen des Firmen-Parkhauses in Herzogenaurach rauf und runter, macht Kraftübungen an den Stufen oder sprintet auf den leer gefegten Parkdecks hin und her. Zuvor hat er sich bereits gegen 5:30 Uhr auf sein Rennrad geschwungen, um durch den fränkischen Morgennebel zu strampeln. Wer jetzt denkt: Härter geht es nicht, der kennt Tim Holts morgendlichen Ablauf nicht.

Holt ist 51 und lebt als Vorstand von Siemens Energy in Orlando, Florida. Seit der Pandemie steht der Manager mindestens einmal pro Woche um halb zwei in der Nacht auf, um Telefon- oder Videokonferenzen mit Geschäftspartnern in Europa oder Asien wahrzunehmen. "Vor Corona", sagt der Manager, "hätte ich die Flüge zu diesen Terminen genutzt, um etwas mehr Schlaf zu bekommen."

Nun startet Holt an einigen Tagen mit einem Jetlag-Gefühl, ohne je einen Flieger betreten zu haben. Die Pandemie macht‘s möglich. Corona hat den Tagesablauf von Milliarden Beschäftigten weltweit auf den Kopf gestellt und damit auch ein Statussymbol erfolgreicher Menschen: den Kult ums frühe Aufstehen.Galt es einst als Sinnbild für Leistungswillen, abends möglichst lange im Büro zu bleiben, geht es seit einigen Jahren verstärkt darum, fit, gut informiert und noch besser gelaunt in den Tag zu starten. Schlafen, so schien es schon vor Corona, ist ein Hobby für Müßiggänger. Frühes Aufstehen hingegen gilt als ultimativer Erfolgsfaktor.

Wobei nicht allein die Uhrzeit entscheidend ist – es geht auch darum, nach dem Aufstehen das Richtige zu tun. Und damit ist in Managerkreisen normalerweise nicht gemeint, sich gemütlich mit drei Honigsemmeln hinter dem Sportteil der "Bild" zu verschanzen.

"Morgenroutinen sind wichtig, weil sie uns ermöglichen, den Tag mit einer klaren Absicht zu starten", erklärt Benjamin Spall, Gründer der Seite MyMorningRoutine.com. Er hat mehr als 300 erfolgreiche Menschen zu ihren morgendlichen Abläufen interviewt. Ergebnis: Jeder Mensch braucht etwas anderes, um gut in den Tag zu starten. Die meisten treiben Sport, so wie Rorsted. Andere üben sich in Managertrends wie Achtsamkeit oder Meditieren. Egal, welche Abläufe Manager haben: "Morgenroutinen sind grundsätzlich etwas sehr Gutes, um in den Arbeitsmodus zu kommen", sagt der Arbeitspsychologe Hannes Zacher.

Gerade sehr beschäftigten Menschen hilft es, ihre Morgenroutine eher als eine Art Checkliste anzusehen.

Laura Vanderkam, Zeitmanagement-Expertin

"Für viele Top-Leister ist der Morgen die Zeit, in der sie Zeit für sich und ihre Interessen finden – noch bevor die Arbeit oder die Familie ruft", erklärt Vanderkam dem Handelsblatt. Und es ist die Zeit, in der Ausreden nicht zählen: Schließlich gibt es zu späterer Stunde immer einen guten Grund, warum man eben nicht nach der Arbeit noch eine Runde um den See joggt oder seine Kalligrafie-Fertigkeiten perfektioniert. Und sei es nur, weil Netflix gerade zufällig die neueste Staffel von "The Crown" zeigt.

So nimmt es einen nicht wunder, dass schon Ludwig van Beethoven jeden Tag mit einem Kaffee aus exakt 60 gerösteten Böhnchen gestartet haben soll, die der Maestro nach dem Aufstehen fein säuberlich abzählte. Großbritanniens legendäre Premierministerin Margaret Thatcher schaltete jeden Morgen um fünf das Radio an, um dabei das Frühstück für ihre Familie vorzubereiten. Und Frankreichs bekannter Schriftsteller Victor Hugo ließ sich angeblich regelmäßig durch einen Gewehrschuss wecken, um dann zwei rohe Eier zu essen und anschließend auf dem Dach seines Hauses in Wasser zu baden, das er über Nacht draußen hatte stehen lassen.

Man muss vermutlich zur Zeit Napoleons gelebt haben, um das irgendwie erstrebenswert zu finden. Doch auch im Hier und Jetzt überlassen die Reichen und Erfolgreichen die ersten Stunden des Tages selten dem Zufall: Apple-Chef Tim Cook soll schon um kurz vor vier aufstehen, um durch die ersten User-Kommentare seiner Kunden zu scrollen. Babynahrungsunternehmer Claus Hipp fährt jeden Morgen für ein Gebet als Erstes zur Wallfahrtskapelle seines Heimatorts. Twitter Chef Jack Dorsey beginnt seinen Tag morgens um halb sechs mit Meditation. Und Business-Punk Richard Branson steht gegen kurz vor sechs auf, um erst mal eine Runde zu kiten.

Was freilich nur dann praktikabel ist, wenn man wie Branson eine eigene Insel besitzt. Sport, Meditation, Kaffee, erste Mails: Die Welt zum Sonnenaufgang könnte so schön sein, wenn nicht gerade Pandemie wäre. Aus Sicht von Arbeitspsychologe Zacher sind Routinen gerade in Krisenzeiten "das Wichtigste, was man tun kann". Viele Manager hätten während Corona neue Rituale gefunden, die ihnen helfen würden, die Krise durch einen inneren Gleichgewichtszustand besser zu überwinden. Expertin Vanderkam ergänzt: "Die größte Veränderung für die meisten ist, dass sie das Pendeln als Zeitpuffer verloren haben", sagt Zeitmanagement-Expertin Vanderkam.

Und dieses Mehr an Zeit dank Corona hätten viele einfach damit gefüllt, früher mit der Arbeit zu beginnen als sonst – und später damit aufzuhören. Durch die Arbeit zu Hause sei "die Gefahr noch einmal größer, dass der Morgen nach einem kurzen Zwischenstopp in Bad und Küche direkt an den Schreibtisch führt", mahnt Matthias Fischedick, Mentalcoach aus Köln und Autor des Buchs "Mehr schaffen, ohne geschafft zu sein."

Er sagt: "Jeder Mensch hat eine Morgenroutine" – ob wir wollen oder nicht. Die einen knuffen morgens erst vier Mal die Schlummertaste ihres Weckers, bevor sie sich endlich zum Aufstehen aufraffen. Für andere ist schon die Frage Kaffee oder Tee eine Grundsatzentscheidung, die den weiteren Verlauf des Tages bestimmt. Die spannende Frage ist nur: Tut einem der bisherige Start in den Tag gut? Können auch Normalbürger etwas lernen von der Planmäßigkeit, mit der Erfolgsmenschen den Tag beginnen?

Eine schlechte Nacht fühlt sich in etwa so an, wie etwa 0,5 Promille Alkohol im Blut – bei einigen sogar nach mehr.

Günther W. Amann-Jennson, Sozialpsychologe

Das Handelsblatt hat auf die Morgenroutinen von fünf Managerinnen und Managern während der Pandemie geblickt. Alle haben sich in den ersten Stunden ihres Alltages Inseln der Selbstbestimmtheit geschaffen, die sie zum Kraftauftanken nutzen. Und – auch das zeigen die Fälle – die Pandemie hat bestehende Morgenrituale nicht nur verändert, sondern teilweise komplett über den Haufen geworfen.

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