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Der Chef ist im Auslandsstudium

Geschäftsfrau Unternehmensberaterin [Quelle: Pexels.com, Autor: bruce mars]

Quelle: Pexels.com, bruce mars

Nicht viele wissen, dass das Erasmus-Programm der europäischen Universitäten ein Kind hat: "Erasmus für Jungunternehmer" ist in den Nachwehen der globalen Wirtschaftskrise zur Welt gekommen und hilft Gründern, über den Tellerrand zu blicken.

Ein noch junges Unternehmen alleinzulassen, gleich für ein paar Monate wegzugehen, das hätten ihm wohl die wenigsten geraten. Andreas Wilke hat es trotzdem getan, der Einunddreißigjährige ging zwei Jahre nach der Gründung seines Beratungsunternehmens Market Expansion Services (MES) nach Wien. Der Unternehmer aus Hanau musste mal raus, weit entfernt vom eigenen Büro lernen, welche nächsten Schritte er mit seiner Firma gehen muss. Dafür kam ihm das EU-Programm "Erasmus für Jungunternehmer" (EYE) gerade recht. Seit zehn Jahren fördert die Europäische Union auch den Austausch junger Gründer, aber anders als das gleichnamige Programm für Studenten ist das Angebot für Unternehmer noch weithin unbekannt.

Dabei kann der Blick über den Tellerrand guttun. Als Andreas Wilke nach Wien zog, arbeiteten drei Menschen für ihn, jetzt sind es zehn. Wilke hat in Wien gelernt, wie man es als Gründer schafft, Aufgaben abzugeben und gleichzeitig eine Struktur ins Unternehmen zu bringen. Jetzt halten nicht nur Wilke, sondern auch seine Mitarbeiter Anteile an der Firma, das Team nutzt schnelle Kommunikationswege, alle zwei Wochen wird für einen festgelegten Zeitraum gemeinsam an neuen Ideen gearbeitet.

Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm

"Ich habe in einer Art Gedankengefängnis gesteckt. Ich musste mal raus, um die Sache von außen zu sehen", sagt Wilke heute über die Zeit vor seinem Erasmus-Aufenthalt. Vier Monate, den gesamten Sommer 2016, verbrachte er bei Arnim Wahls in dessen Firma "First Bird" in Österreich. Diese ist Anbieter eines digitalen Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programms. Wilke hat sich mit seiner Firma zwar auf die Expansion ausländischer Unternehmen nach Deutschland spezialisiert, auf einen ganz anderen Bereich also als "First Bird", aber die Gründerprobleme von Arnim Wahls kamen ihm sehr bekannt vor.

Wilke traf sich jeden Montagmorgen auf einen Kaffee mit Wahls und stellte seine Fragen. Er lernte, wie "First Bird" die Hürden gemeistert hatte, vor denen er selbst noch stand. Wie der Österreicher seine Firma wachsen ließ, ohne im Chaos zu versinken. Und dass man sich auch über einfache Zusatzleistungen von Mitbewerbern abgrenzen und seine Kunden davon abhalten kann, den Berater zu wechseln. Seitdem bekommt jeder neue Kunde von MES ein "Welcome Kit" mit einem Apfelwein-Bembel zugesandt. "Nach meiner Zeit in Wien haben wir mit MES einen sehr großen Sprung gemacht", sagt Wilke stolz. "Die Zeit bei 'First Bird' hat mir die Angst vor dem Unternehmersein genommen."

Gegen die Krise

So weit wäre Rafael Moreno Guerrero gern, er weiß dagegen noch nicht, wie es mit seinem Architekturbüro weitergehen wird, wenn er nach vier Monaten in Deutschland in seine spanische Heimat zurückkehrt. Der Dreißigjährige hat sich vor anderthalb Jahren selbständig gemacht, auch weil die Jugendarbeitslosigkeit in seinem Land immer noch bei weit über 30 Prozent liegt, die Chancen, als Jungarchitekt an einen Job zu kommen, also gering sind. Das ist ein Hauptgrund, warum die meisten Teilnehmer von EYE aus Südeuropa kommen: Zwanzig Prozent der Jungunternehmer kommen aus Spanien, nur aus Italien gehen mit 22,3 Prozent noch mehr Gründer ins europäische Ausland.

Guerrero hat in dem Frankfurter Architekten Hans Drexler seinen Mentor gefunden. Drexler, Spezialist für Wohnungsbau, ist ein Fan des EYE-Programms. Guerrero ist schon der vierte Gründer, mit dem er zusammenarbeitet. Drexlers Team ist mit sechs Mitarbeitern relativ klein, alle sitzen zusammen in einem Raum. Wenn jemand das Bedürfnis hat, etwas zu besprechen, legt er einfach los. Guerrero findet das super, so bekommt er die langen Planungsprozesse deutscher Architekturprojekte hautnah mit. Drexler helfen die Jungunternehmer wiederum dabei, seine Arbeitsweise immer wieder in Frage zu stellen.

Diese Außenperspektive hat auch Arnim Wahls bei "First Bird" geholfen. In Kontakt stehen Wahls und Wilke weiterhin, Wilkes Unternehmen ist mittlerweile selbst Kunde bei "First Bird". Trotzdem ist Wahls nach Wilkes Besuch aus dem EYE-Programm ausgestiegen. "Das ist die größte Schwierigkeit, eine Balance zu finden, dass es beiden Seiten etwas bringt", sagt der "First Bird"-Chef. Die Teilnehmer von EYE müssen regelmäßig Berichte abgeben, Wahls wurde das zu aufwendig. Drexler stört die Schreibarbeit nicht, aber er gibt zu, dass die Arbeit mit Jungunternehmern nicht immer effizient ist. Er wünscht sich Sprachkurse für die Gründer. Guerrero kann sich nur auf Englisch mit den deutschen Kollegen verständigen. "Immerhin können wir als Architekten auch gut über Zeichnungen kommunizieren", sagt Drexler.

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