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"Der Chef darf keine Freunde haben"

Mann Anzug Schreibtisch Gestikulierend [Quelle: Pexels.com, Autor: energepic.com]

Quelle: Pexels.com, energepic.com 

Ex-Minister Thomas de Maizière und Karl-Ludwig Kley, mächtigster Aufsichtsrat der Republik, diskutieren über kluge Führung und die Einsamkeit der Macht. 

Um sich nicht selbst zu gefährden, so Ihr Rat, muss man auf sich achten, darf sich nicht opfern für die Führungsrolle. Wie kriegt man das am besten hin?

DE MAIZIÈRE Distanz zu sich selbst ist wichtig, sich nicht zu wichtig zu nehmen. Man sollte sich immer im Klaren sein, dass man ein Amt auf Zeit hat, die damit verbundenen Privilegien sind deshalb auch auf Zeit. Das Zweite ist: Sie müssen immer wissen, dass alle Menschen, die ganz besonders freundlich zu Ihnen sind, die Sie ganz besonders loben, das oft nur tun, weil Sie dieses bestimmte Amt haben, nicht weil Sie so ein toller Mensch sind. Je länger Sie im Amt sind, desto größer ist die Versuchung, das zu vergessen. Deswegen sind Freunde außerhalb des Betriebs so wichtig. Ich habe ganz wenige echte Freunde in der Politik, die fünf, sechs wichtigsten stammen alle aus anderen Bereichen. Schließlich müssen Sie andere Interessen verfolgen, abseits vom Amt. Nicht nur Sport als körperlicher Ausgleich, echte Interessen für ein anderes Sachgebiet sind unverzichtbar, sonst werden Sie aufgefressen vom Amt, werden ein totaler Fachidiot.

KLEY Manchmal kriege ich einen richtigen Hals, wenn ich Lebensläufe lese. Unter Hobbys steht dann Skifahren, Triathlon, Marathon, was weiß ich noch alles an Sport. Aber keine geistigen Interessen, nichts. Dabei bereichern Lesen, Literatur, Musik so ungemein, das eröffnet neue Perspektiven. Man muss nicht nur die Beine, sondern auch den Kopf bewegen.

DE MAIZIÈRE Und das Herz.

KLEY Das sowieso. Dann ist Humor wichtig. Als Manager müssen Sie ständig konzentriert arbeiten, unter unheimlicher Anspannung. Es war daher immer schön, wenn Kollegen mit ähnlichem Humor dabei waren. Humor kann einen Moment der Entspannung bringen. Man blödelt ein bisschen, danach geht es wieder zur Sache. Was außerdem jeder für sich erkennen muss: Wir sind nicht alle 24 Stunden am Tag leistungsfähig. Die Energie steigt und lässt nach, wie in Sinuskurven.

DE MAIZIÈRE Außer bei Frau Merkel, da hat man den Eindruck, deren Energie ist unerschöpflich. 

KLEY Alle anderen müssen einen Rhythmus für das tägliche Leben finden; Phasen, in denen man produktiv ist, und Pausen dazwischen. Es ist ganz essentiell, mit seiner Energie hauszuhalten, damit man die Langstrecke durchsteht.

Sie halten nichts von Kraftprotzen, die tönen, sie brauchten keinen Schlaf?

KLEY Ich brauche im Regelfall acht Stunden Schlaf. Ich kam mal für einen Vortrag an die Uni Mannheim, übermüdet, gerädert, graues Gesicht. Da habe ich mich für fünf Minuten zurückgezogen, innerlich alles abfallen lassen, dann das Adrenalin hochgefahren und voller Energie vor den Studenten geredet. So was geht mal, das können Sie aber nicht dauernd machen. Sie müssen Ihre Kräfte einteilen, sonst verbrennen Sie.

DE MAIZIÈRE Dazu braucht es gute Mitarbeiter, die diesen Rhythmus eisern durchsetzen, auch mal sagen: Herr Minister, den Termin machen Sie jetzt nicht. Punkt.

KLEY Am Ende muss jeder selbst ein Gefühl dafür entwickeln.

Wie groß ist die Versuchung, mit aufputschenden Mitteln und Drogen gegenzuhalten?

KLEY Die habe ich nie verspürt, ich habe nie etwas genommen – außer den kleinen Schokoriegeln, die meine Sekretärin bei Merck in einer Schüssel auf dem Tisch stehen hatte. Da konnte ich nicht vorbeigehen, ohne eins zu nehmen.

DE MAIZIÈRE Ich hatte auch nie diese Versuchung nach Mittelchen. Mit einer Ausnahme: In politisch anspruchsvollen Zeiten habe ich versucht, beginnende Krankheiten mit irgendwelchen sinnlosen Medikamenten zu unterdrücken. Das hat manchmal geklappt, manchmal war es hinterher schlimmer. Politiker durften ja lange nicht krank sein, das ändert sich erst allmählich, zumindest bei schweren Erkrankungen wie bei Frau Schwesig, die offen über ihre Krebserkrankung spricht. Wegen einer Erkältung wegzubleiben wird bisweilen schwerer akzeptiert, auch wenn das besser wäre, als hinterher lange zu kränkeln. Das habe ich in der Flüchtlingskrise zum Beispiel falsch gemacht. Topmanager dürfen auch nicht krank sein. Selten, dass sie so offen darüber reden wie Ex-Conti-Chef Degenhart über einen schweren Hörsturz als Grund für seinen Rücktritt.

KLEY Da wurde ich anders geprägt. Einer meiner ganz frühen Chefs in Japan schickte mich nach Hause, weil ich kränkelte. Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen, bin tatsächlich zu Hause geblieben, wenn ich krank war oder ich gebraucht wurde, weil in der Familie jemand schwer krank war. Das wurde mir nie zu meinem Nachteil ausgelegt.

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