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Das neue Milliardengeschäft der Berater

Meeting, Treffen, Büro, Gespräch, Beratung [Quelle: unsplash.com, Autor: Cherrydeck]

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McKinsey, Boston Consulting, Bain: Das Topthema Nachhaltigkeit lässt die Geschäfte der Strategieberatungen florieren. Und es verändert die Branche.

Viele Jahre lang haben die Unternehmensberater vor allem am Trend zur Digitalisierung gut verdient. Jetzt positionieren sie sich für ein neues Milliardengeschäft: die Dekarbonisierung der Wirtschaft.

"Nachhaltigkeit hat Digitalisierung als Topthema in vielen Führungsetagen der deutschen Wirtschaft bereits abgelöst", berichtet Walter Sinn, Deutschlandchef der weltweit drittgrößten Strategieberatung Bain & Company. Fast jedes zweite Projekt, das seine Beratung angehe, habe einen Bezug zu den ESG-Kriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Spätestens in drei Jahren gäbe es kaum noch ein Beratungsprojekt mehr ohne ESG-Bezug.

Um dieser Nachfrage nachkommen zu können, geht die Beratungsgesellschaft nun einen ungewöhnlichen Schritt: Sie startet eine weltweite Qualifizierungsinitiative für all ihre 14.000 Berater. In der "Bain Sustainability Academy", an der unter anderem auch die Hochschule ESMT Berlin und Circle Economy Foundation mitwirken, soll gelernt werden, wie sich Unternehmen ökologisch und sozial transformieren können und wie dieser tiefgreifende Umbau zu finanzieren und organisieren ist.

Nachhaltigkeitsgeschäft der Berater boomt

Weiterbildung für die selbstbewusste Beraterzunft? Und noch dazu selbst verordnet, mithilfe von Partnern und offen kommuniziert? Es ist nicht das erste Mal, und es wird wohl auch nicht das letzte Mal sein, dass das Thema Nachhaltigkeit dazu führt, dass die stolze Branche neue Wege geht. So wie sie ihren Kunden die Transformation erst in Hinblick auf Digitalisierung und jetzt in Bezug auf Nachhaltigkeit verordnet hat, so wandelt sich die Branche nun auch selbst.

Das hat seinen guten Grund: Das Nachhaltigkeitsgeschäft der Berater brummt – überall in der westlichen Welt, und über alle Branchen hinweg. Es wird getrieben von normativen Überzeugungen und gesetzlicher Regulatorik. So hat sich die Europäische Union zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Die Bundesregierung hat 2021 eine noch ambitioniertere Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Die deutsche Wirtschaft soll bis 2045 Klimaneutralität erreichen.
Und damit nicht genug: Ab Januar nächsten Jahres gilt etwa das Lieferkettengesetz, das deutsche Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitern dazu verpflichtet, ihre globale Verantwortung in puncto Umwelt, Soziales und Führung auf die gesamte Lieferkette zu erweitern. Bereits seit 2017 ist der Nachhaltigkeitsbericht für börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden Pflicht. 2023 soll diese Berichtspflicht ausgedehnt werden.

Ein Klima-Fahrplan für elf Milliarden Euro von McKinsey

Es locken Großprojekte wie die Dekarbonisierung ganzer Industrien oder Städte. So hat McKinsey etwa für Stuttgart einen "Fahrplan" erstellt, wie die Landeshauptstadt bis 2035 klimaneutral werden kann. Dafür seien Investitionen von rund elf Milliarden Euro nötig. Diese könnten aber bis Mitte der 2040er-Jahre durch Einsparungen mehr als ausgeglichen werden.
Konkurrent Bain ist gerade bei einem Kunden unter dem Schlagwort "grüner Stahl" aktiv, wie es aus der Beratung verlautet. Zudem will die "rote Beratung", wie sie aufgrund ihres Logos auch genannt wird, in den kommenden zehn Jahren mehr als eine Milliarde US-Dollar in Pro-Bono-Projekte investieren.
Es werden dabei Organisationen unterstützt, die sich den Herausforderungen in den Bereichen Bildung, Umwelt sowie wirtschaftliche Entwicklung stellen und sich für Gleichberechtigung engagieren.
Stark im Geschäft ist traditionell auch BCG. Die "grüne Beratung" hat im vergangenen Jahr eine ESG-Strategie für den Baustoffkonzern Xella erstellt. Zudem ist BCG erneut der exklusive Partner der UN-Klimaschutzkonferenz im November in Ägypten (COP27).

Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung und Geschäftsführer der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB) prognostiziert sogar: "ESG könnte das immense Geschäft, das Berater in den vergangenen Jahren mit der Digitalisierung gemacht haben, sogar noch toppen."
Entsprechend groß sind die Bestrebungen der führenden Strategieberatungen an diesem Geschäft mitzuverdienen. Bain-Chef Sinn lässt alle seine Berater fortbilden, und die Nummern eins und zwei der Branche, McKinsey und Boston Consulting, die 2021 einen Umsatz von 15 beziehungsweise elf Milliarden Dollar erzielten, haben zuletzt kräftig akquiriert. Erst vor wenigen Wochen kaufte BCG den Schweizer Spezialisten Quantis mit rund 270 Beratern. McKinsey verleibte sich im Dezember 2021 Material Economics ein, und im März 2021 Vivid Economics, beide aus Großbritannien.

Studie: Beratungsqualität ist noch nicht herausragend

Besonders aktiv im Übernahmegeschäft ist die weltweit führende IT-Beratung Accenture. Sie kaufte im September dieses Jahres Carbon Intelligence aus Großbritannien, im Mai die auf Nachhaltigkeit spezialisierte Gesellschaft Akzente aus München und im April Avieco aus Großbritannien. Aus den eigenen Reihen wachsen schlicht nicht genug neue, spezialisierte Berater für das boomende Nachhaltigkeitsgeschäft nach.
"Die internationalen Beratungsgesellschaften sind aktiv auf der Suche nach Investments im Bereich Nachhaltigkeit", berichtet Manuel Wildhaber, Geschäftsführer der M & A-Boutique Stockalper Partners aus Lausanne. "Sie wollen diese Expertise zukaufen, weil sie diese so schnell – wie sie der Markt erfordert – nicht aufbauen können."
Übernahmekandidaten wie der jüngst von BCG übernommene Nachhaltigkeitsspezialist Quantis, die sich zwar einige Jahre fantastisch entwickelt hätten, aber zwecks Wachstum nun noch vermehrt den Austausch mit internationalen Konzernen suchten, gäbe es einige. Und das Interesse an ihnen sei groß, berichtet Wildhaber, dessen Firma den Deal zwischen Quantis und BCG einfädelte.

Das Engagement der Berater – Zukäufe, Kooperationen oder Fortbildung – hat seinen Grund. Wie eine Studie von Finks WGMB zeigt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, ist die Beratungsqualität noch nicht spitze. Befragt wurden 1.393 Führungskräfte in Deutschland und der Schweiz, wie sie die Kompetenz der betrachteten Berater im Bereich Nachhaltigkeit einschätzen. Ihr Urteil konnten sie auf einer Skala von 100 bis 500 Punkten abgeben. 500 Punkte entsprechen einer hohen Kompetenz, 100 Punkte einer geringen.
Das Ergebnis: Gewinner des Rankings mit jeweils rund 370 Punkten sind BCG und McKinsey. Bain schnitt mit 350 Punkten auch noch gut ab. Sehr gut ist die Bewertung damit insgesamt nicht. "Das sind ordentliche, aber keine herausragenden Werte. Das heißt, die gesamte Beraterzunft wird passabel bewertet, hat beim Thema Nachhaltigkeit aber – verglichen mit anderen Beratungsthemen – noch Luft nach oben", sagt Fink.

Bis 2025 kein Projekt mehr ohne ESG-Bezug

Die neue Offenheit – für Akquisitionen und Qualifizierungsoffensiven – zeigt auch, wie sehr sich die Branche selbst transformiert. Viele Jahre wuchsen die Berater stolz fast ausschließlich aus sich heraus. Nur die Jahrgangsbesten unter den Hochschulabsolventen wurden eingestellt und entwickelt. Es galt das Auf- oder Ausstieg-Prinzip. Auch dieses Jahr wollen allein die großen drei in Deutschland wieder jeweils rund 1.000 neue Berater einstellen und in bewährter Manier heranziehen. Doch das allein reicht nicht mehr.
Die Strategieberatungen treiben den Boom nicht nur mit an, sie sind auch Getriebene. Die Ratings von Nachhaltigkeitsbewertern wie Ecovadis oder CDP sind für die Berater selbst sehr wichtig. Zum einen, da die Einkaufsabteilungen von Konzernen inzwischen sehr genau darauf schauen, wie Dienstleister sich selbst verhalten, also wie deren ökologischer Fußabdruck ist und wie es etwa um deren Diversität und Inklusion steht. Zum anderen ist ein solches Gold-Rating für das Recruiting unerlässlich.

Für Walter Sinn ist klar: "Das ist nur der Anfang." Nachhaltigkeit folge wie Digitalisierung derselben Logik. Erst gäbe es einzelne Projekte, dann sei es Topthema, und schließlich sei es aus keinem Projekt mehr wegzudenken.
Dies ist seine Prognose, und deshalb lässt er alle seine Berater sich fortbilden: Bis 2025 werde bei Bain jedes neue Beratungsprojekt um die ESG-Kriterien kreisen. Entsprechend umfassend fit müsse man auf diesem Gebiet sein.

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