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Tüchtig und süchtig

Schreibtisch Laptop düster Büro Gesundheit [© StockSnap via pixabay]

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E-Mails verschicken um halb fünf morgens, keine Zeit mehr für Freunde und die Familie. Arbeit kann zur Droge werden – die Dosis macht das Gift.

Sachen gibt's, die sollte es gar nicht geben. "Wie kann man Arbeitssüchtige erkennen? Können Sie uns dabei helfen? Solche Leute brauchen wir!" Die Anfrage, die Stefan Poppelreuter in Bonn erreichte, war ernst gemeint. Selbstverständlich lehnte der promovierte Psychologe aus guten Gründen ab. Denn Arbeitssüchtige mit 60-Stunden-Wochen mögen auf den ersten, oberflächlichen Blick Ausbeutungsphantasien skrupelloser Chefs bedienen, auf den zweiten Blick zeigen sie eine Tragik: Wer viel zu viel arbeitet, wessen Denken und Handeln fast ausschließlich um seine Arbeit kreist, der tut weder sich noch dem Unternehmen einen Gefallen.

Auch wenn kurzsichtige Chefs das zunächst anders wahrnehmen. Poppelreuter ist einer der wenigen Experten, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Arbeitssucht auseinandergesetzt haben. "Arbeitssüchtige betreiben Raubbau an ihrer Gesundheit", sagt er. "Sie fallen aus, verursachen soziale Schäden, stellen viel zu hohe Anforderungen. Sie sind nicht in der Lage, mobiles Arbeiten anzuerkennen, und keine Teamarbeiter." Die Bremer Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Emma Meißner beschreibt Arbeitssucht gar als "Unternehmensrisiko". Denn Arbeitszeit und Arbeitsleistung stehen in keinem linearen Verhältnis zueinander. Präsentismus sollte sich eigentlich überholt haben. Dagegen spricht Poppelreuters Schätzung, dass etwa jeder Siebte von Arbeitssucht gefährdet ist.

Ab wann ist jemand nicht tüchtig, sondern arbeitssüchtig? Das lässt sich testen. Zum Beispiel durch die 36 Online-Fragen eines "Arbeitssucht-Tests", den die Mannheimer Psychotherapeutin Doris Wolf auf ihre Website gestellt hat: Mache ich länger als ein halbes Jahr ständig Überstunden? Bin ich selten mit mir und meiner Arbeit zufrieden? Übernehme ich immer mehr Aufgaben, habe aber den Eindruck, immer weniger leisten zu können? Ist mein Arbeitsplatz der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle? Was sich zeigt: Es geht nicht darum, für ein Sonderprojekt zwei Wochenenden hintereinander durchzuackern, sondern das als Normal- und nicht als Ausnahmezustand vorzuleben. Arbeitssüchtige delegieren nicht, kontrollieren viel, sprechen fast ausschließlich über ihre Arbeit und haben mit ihrer "Ich arbeite, also bin ich"-Haltung jedes Maß verloren.

Begriff für "Tod durch Überarbeitung" in Japan

Die Dosis macht das Gift, aber komplette Abstinenz funktioniert bei dieser Sucht natürlich nicht. "Es geht um das Phänomen, dass Menschen keine Grenzen ziehen können", erklärt Cornelia van den Hout. Die Psychologin aus Bad Nauheim bietet Resilienztrainings an, die dringend vonnöten seien, wenn sich Arbeitszeiten ins Unendliche auflösen. "Ich erlebe Klienten, die gehen abends mit Handy ins Bett und schreiben mir Mails um 4.30 Uhr. Flexible Arbeitszeiten – das hört sich prickelnd an, aber Sie haben keinen Rahmen mehr." In der Praxis der Therapeutin klagen die Klienten aber nicht über zu viel Arbeit, sondern über Beziehungsstress und sexuelle Probleme.

"Wenn sie für nichts anderes als Arbeit mehr Interesse haben, sie ihren Körper auslaugen, woher soll dann die Lust kommen? Über das Thema, das sie nach vorne schieben, kommen wir dann zu dem, was dahinterliegt". Eine Zeit lang kämpften diese verbissenen Vielarbeiter mit Aufputschmitteln dagegen an, um das zu schaffen, was beruflich gefordert sei. Das gehe schon im Studium los bei Menschen, die einen hohen Anspruch an sich haben, getrieben von Auslandspraktika, Abgabeterminen und Nebenjobs. "Ihr Körper ist müde, aber sie lassen ihn nicht schlafen", beobachtet die Supervisorin. In Japan sei das Phänomen noch extremer. Karoshi lautet dort der Begriff für "Tod durch Überarbeitung", 350 Behandlungszentren gibt es dort für von Herz- und Hirninfarkten bedrohte Menschen, die schuften, bis sie umfallen.

Gefeit ist auch hierzulande keine Branche. Betroffen sind alle Berufe, Männer und Frauen. "Ganz besonders Menschen in sozialen Berufen, wenn zur Arbeitsverdichtung emotionales Engagement hinzukommt", sagt die Therapeutin. Poppelreuter stimmt zu: "Ärzte und Pfleger haben oft eine große Hingabe und identifizieren sich zu sehr mit ihren Aufgaben."

Auch Angst vor Arbeitslosigkeit und Minderwertigkeitskomplexe erhöhen die Suchtgefährdung. Erhellend bei der Ursachenforschung ist der Person-Job-Fit-Ansatz, ein seit den siebziger Jahren etabliertes Konzept der Organisationspsychologie: Welche Erfordernisse hat die Stelle, welche Bedürfnisse der Mensch? Ideal ist eine hohe Passung. "Ist das nicht der Fall, besteht die Gefahr, dass Arbeit entgleisen kann", sagt Poppelreuter. Viele Menschen bewerben sich auf Stellen, weil sie ein hohes Renommee, einen hohen Verdienst bieten oder in Wohnortnähe liegen, so dass der Familie weder eine Wochenendbeziehung oder ein Umzug zugemutet wird. Dabei passt die Stellenausschreibung weder zum Berufsprofil noch zum Bewerber. "Daraus ergeben sich oft Komplikationen", erlebt der Personalmanagementberater. Eine davon führe in die Arbeitssucht: Der Mensch ist überfordert und arbeitet emsig dagegen an.

Einsicht ist der erste Schritt

Poppelreuter berichtet von einem Manager, der international arbeitete, aber nie verhandlungssicheres Englisch gelernt hatte, obwohl das seine Stelle forderte. Sich das anzueignen, schaffte der Mann nicht und "performte" schlecht. Um das auszugleichen und seine Versagensängste niederzuringen, erhöhte er massiv sein Arbeitspensum in der mehr oder weniger bewussten Hoffnung, durch Mehrarbeit seine Unabkömmlichkeit zu beweisen. Ein Trugschluss – so konnte er sein Sprachdefizit nicht kompensieren.

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