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Vom ungelebten Leben

Erster Jobwechsel [Quelle: unsplash.com, Autor: Jakob Owens]

Quelle: unsplash.com, Jakob Owens

Trotz Unzufriedenheit und Stress scheuen die meisten Menschen berufliche Veränderungen. Wie Sie die Furcht vor einer Fehlentscheidung loswerden.

Wie oft er davon geträumt hat: Endlich raus aus Wiesbaden, dieser toten Stadt, wo einem Kreativen wie ihm die Füße einschlafen. Hinaus in die Welt, nach Berlin oder, noch besser, nach Hamburg, dem klassischen Agenturstandort, wo ihm die Ideen nur so zufliegen würden: Metropolis statt Pensionopolis!

Ein schöner Traum, der tatsächlich Wirklichkeit zu werden schien, in Gestalt eines Anrufs aus Hamburg: Ob er sich vorstellen könne, Chefstratege bei einer der führenden Werbeagenturen Deutschlands zu sein? Einer, der die Leitgedanken formuliert für die Kommunikation neuer Produkte? Man freue sich auf ein erstes Gespräch, in Hamburg, zwischen Landungsbrücken und Baumwall. An Gehaltsfragen solle es nicht scheitern.

Warum dann doch nichts draus wurde? Am Standort kann es nicht gelegen haben. Als die Agenturchefin ihn auf die Terrasse führt, sagt sie "Voilà": die Elbphilharmonie und die Werft Blohm + Voss unter einem Postkartenhimmel. Das Hamburger Wetter, gibt sie ihm mit auf den Weg, sei "viel besser als sein Ruf". Aber schon auf der Rückfahrt beschleicht ihn ein flaues Gefühl. Der Teppich in seinem künftigen Eckbüro? Eigentlich ein scheußliches Stück. Die Elbe? Überschätzt. Und, bitte, so übel ist sein ungeliebter Freelancer-Job nun auch wieder nicht. Außerdem will seine Freundin lieber in Wiesbaden bleiben."Du musst selber wissen, was du tust", hat sie gesagt: "Es ist deine Entscheidung."

Er vertagt sie erst mal, atmet tief durch. Als er nach drei Wochen bemerkt, dass der Termin für die Zusage verstrichen ist, denkt er: "Dem Himmel sei Dank!" Mit einem halben Jahr Abstand aber schüttelt er nur noch den Kopf über sich selbst: Wie dumm muss man eigentlich sein, um dieses Traumangebot auszuschlagen!

Ein kurioser Fall von Verdrängung? Von Selbstblockade? Von Willensschwäche und Unentschlossenheit? Dass sich Wechselwillige gegen den eigenen Karriere-Sehnsuchtswunsch für das Zaudern, das Versäumen, das Nichtstun entscheiden, ist die Regel – aber erklärungsbedürftig.

Jürgen Weibler, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hagen, verweist auf die "Gründe und Folgen karrierebezogener Untätigkeit": Um wirklich zu wechseln, brauchen Menschen einen ganz starken Anstoß. Nur 10 bis 15 Prozent der tatsächlichen Jobwechsel etwa passieren komplett auf eigene Initiative. Die Mehrheit richtet sich, trotz Unzufriedenheit und Stress, lieber in der vertrauten Status-quo-Misere ein – aus Trägheit, aus Gewohnheit, aus Angst vor Veränderung, aus Bammel vor der eigenen Courage?

Lähmende Überforderung

Weibler nennt, mit Blick auf neue Studien der belgischen Forscherinnen Marijke Verbruggen und Ans De Vos, ein ganzes Bündel von Ursachen für "Career Inaction".

Die lähmende "kognitive Überforderung" in komplexen Entscheidungssituationen; die Neigung, kurzfristige Kosten eines Wechsels (Umzug, Umschulung, Kredite) höher zu veranschlagen als den langfristigen Nutzen, weshalb naheliegende Ziele attraktiver erscheinen als fernliegende; die Vagheit der Wechseloptionen gegenüber der greif baren Konkretheit der gegenwärtigen Situation; die Vertrautheit der gewohnten Büro-Umgebung, die Verlässlichkeit der täglichen Rituale (Kaffeeküche, Konferenzen, Kantine).

Hinzu kommt die Anhänglichkeit der Menschen an ihren Besitz (Endowment-Effekt), also ihre Neigung, Dinge, die sie haben, zum Beispiel einen Job, höher einzuschätzen als Dinge, die sie noch nicht haben. Vor allem aber: die Furcht vor dem Risiko einer Fehlentscheidung, die Menschen verunsichert und mächtige Beharrungskräfte in ihnen weckt. "Besser nichts tun, als das Falsche tun", sagt der Hirnforscher Gerhard Roth, "die meisten Menschen gehen auf Nummer sicher."

Diese quasi natürliche Trägheit, so Roth, äußere sich in zwei Formen. Erstens als "Veränderungsaversion, die in uns allen steckt", also in der "Tendenz, weiterzumachen, wie gehabt, obwohl das Nachteile bringt": Wir bleiben bei unseren "lieben" Gewohnheiten, nicht zuletzt, weil das Gehirn uns dafür durch Ausschüttung von Belohnungsstoffen, von gehirneigenen Opioiden dankt. Es tendiert "aus Gründen der Kostenersparnis" dazu, automatisierte Verhaltensweisen zu belohnen. Die "Belohnung der Veränderung", zum Beispiel eines Jobwechsels, muss größer sein, als die garantierte Belohnung durch das "Weiter so" – sonst unternehmen wir nichts.

Zweitens kann eine berufliche Veränderung an unbewusste Motive rühren, an diffuse Ängste und Unsicherheiten, die sich in Selbstzweifeln äußern: Bin ich der neuen Position gewachsen? Sie kann auch zu Fehlleistungen führen: Der umworbene Physik-Professor, der sich glücklich schätzen müsste, einen Ruf an die Münchner Spitzenuniversität erhalten zu haben, vergisst, dem Uni-Präsidenten zu antworten. Oder er stellt plötzlich absurd hohe Forderungen, die sich nie erfüllen lassen.

Konflikt im Kopf

Warum? Weil er im tiefsten Innern gar nicht nach München will. Lauter Indizien dafür, so Roth, dass der rational begründete Wunsch nach Veränderung auf unbewusste Gegenwünsche stößt. "Nichtstun heißt dann: Diese Gegenwünsche sind stärker." Mit Kosten-Nutzen-Rationalität hat dergleichen, wie Roth betont, gar nichts zu tun, umso mehr mit dem Wunsch nach psychischer Stabilität, dem alles geopfert wird, auch der Vorteil eines Wechsels: Dann wird der Rückzug angetreten. Wer etwas wünscht, was er dann doch nicht tut, steht in einem seelischen Konflikt. Er stößt auf innere Widerstände, ist hin- und hergerissen, weiß nicht, was er will, ist gefangen im "Jein".

Konflikt im Kopf

Hirnphysiologisch, so Roth, lässt sich dieser Konflikt beschreiben als Auseinandersetzung zwischen dem Angstzentrum, der sogenannten Amygdala, die vor Veränderung warnt, und dem Belohnungszentrum, dem Nucleus accumbens, der "nach oben" meldet: "Du solltest dich verändern, auch wenn du Angst hast, das kriegen wir schon hin." Oder der ein Veto einlegt: "Eigentlich lohnt sich das nicht." Dann wird das Angebot nicht mehr weiterverfolgt, im Interesse des psychischen Gleichgewichts.

Welche Instanz jeweils den Sieg davonträgt, hängt vom Gefühlstyp ab: Der Neurotizist, der früh gelernt hat, dass das Leben ei-ne unsichere Angelegenheit ist, klammert sich an das, was er hat. Er strebt nach Dauer, meidet Überraschungen, sucht vertraute Bahnen. Alles, was sich verändert, schreckt ihn tendenziell ab. Der offene, extrovertierte Charakter hingegen sucht nach Herausforderungen, hat Freude am Sich-Ausprobieren, schätzt den Reiz des Neuen, stößt gern vor auf unbekanntes Gelände.

Allein, bei allem Selbstvertrauen, bei aller Zuversicht, kommt auch der Pionier in Situationen, in denen er zögert, abwartet und zwischen Möglichkeiten schwankt. Wo die Ungewissheit ihm zur Vorsicht rät, um zu größerer Gewissheit zu gelangen.

Echte Entscheidungssituationen, so der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs, sind "Ambivalenz-Situationen". Man ist noch unschlüssig, könnte der einen oder der anderen Option zuneigen, stellt sich vor, spürt voraus, wie es wäre, etwas zu tun oder nicht zu tun. Ein "ganz normaler Zustand", der, wenn der Entscheidungsprozess erfolgreich war, zu einem Entschluss führt, mit dem die Ambivalenz überwunden wird: "Das ist das Richtige", heißt es dann, "so soll es sein."

Im Idealfall stimmen bei einer Entscheidung, wie Fuchs sagt, "Kopf, Herz und Bauch überein": Es entsteht ein "Kongruenzempfinden", ein "warmes, stimmiges Gefühl", das dem Ich Halt und Richtung gibt. Die Wirklichkeit indes sieht oft anders aus. Einwände melden sich in Form von Zweifeln und schwächen die Entschlusskraft. Verzagtheit kommt auf, die einem noch nicht bewusst war, als man vom neuen Job nur fantasierte. Der Mut schwindet, sobald die realen Konsequenzen zutage treten, die man in der Fantasie noch wegdenken konnte.

Fuchs spricht von "Trennungsangst": Jede Entscheidung für eine Veränderung, erst recht für eine berufliche, sei schließlich auch mit einem Verzicht oder Opfer verbunden: "Ich muss mich von einer anderen, bisher vertrauten Lebensform verabschieden, muss ernst machen, wo ich vorher noch denken konnte: Wie schön wäre es, wenn ..." Dann erst stellt sich womöglich heraus: "Nun ja, man hängt eben doch mehr an dem Job, als man dachte" – und weicht vor dem Wechsel nach Hamburg oder München zurück.

Doch wer von Angst getrieben ist, verpasst Gelegenheiten. Im schlimmsten Fall verfehlt er das Leben – und trauert den nicht gelebten Möglichkeiten nach: "Hier ruht der Mann, der sich nicht getraut hat." Das könnte auf vielen Grabsteinen stehen. "Hätte ich doch ..." oder "Wäre ich doch ...", so lauten, wie Thomas Fuchs sagt, die "Sätze des Unglücks".

Reue und Selbstvorwürfe gelten in aller Regel nicht dem, was man getan, sondern dem, was man nicht getan, was man, aus Feigheit oder Bequemlichkeit, unterlassen hat. Die unerledigten Dinge machen uns zu schaffen: "Nicht getroffene Entscheidungen, versäumte Möglichkeiten werden im Lebensrückblick weit mehr bedauert als vollzogene Handlungen."

Nichttätigkeit provoziert den "kontrafaktischen" Vergleich mit dem, "was hätte sein können", wie das Forscherduo Verbruggen-De Vos sagt: "Was wäre, wenn ..." Wenn ich doch das Studium durchgezogen oder mit dem Chef über meine Ambitionen gesprochen hätte.

Im schlimmsten Fall entwertet die verpasste Gelegenheit jede verbleibende Möglichkeit, lässt sie als zweite, dritte Wahl erscheinen. "Dann wirkt sie schal", sagt der Philosoph und Managerberater Jürgen Werner. Aber, das sei häufig ein Trugschluss: Was uns im Nachhinein so klar erscheint, die "Chance unseres Lebens", hat sich in der realen Situation der Entscheidung keineswegs immer so eindeutig präsentiert, wie wir glauben.

Wandel wagen

Im Gegenteil, es hat "vielerlei Einstellungen" zugelassen, auch eine, die dann den Ausschlag gegeben hat, den Sprung nicht zu wagen. Das ist für Werner der maßgebliche Punkt: "Jede Entscheidung für einen Job ist ein Wagnis, das im Rückblick als solches gar nicht mehr erkennbar ist, sondern nur noch als verpasste Gelegenheit erscheint, von der ich gar nicht weiß, ob sie die große Chance gewesen wäre."

Erkennbar ist allenfalls, dass derjenige, der die Stelle angenommen hat, im neuen Job aufgeblüht ist. "Aber wäre ich selber aufgeblüht? Ich weiß es doch nicht." Entscheidend für die eigene Lebensgestaltung sei etwas anderes: aus den ausgelassenen Gelegenheiten, den vielen ungelebten Leben, neue Möglichkeiten zu schöpfen. Wie im Fußball gebe es auch im Leben gelegentlich eine "Nachspielzeit", die Chancen bietet, etwas "zu erledigen, was man in der regulären Spielzeit versäumt hat".

Wandel wagen

Entscheidungen, so Werner, finden immer unter "Bedingungen von Ungewissheit" statt. Sie entziehen sich dem Kalkül, sind ein "Sprung", der besondere Eigenschaften verlangt: vor allem den Mut, von der eigenen Freiheit Gebrauch zu machen, die Kraft, gegen die eigene Angst anzukämpfen. Veränderungen zu bejahen, so der Psychoanalytiker Fritz Riemann, fordert uns: Wir müssen uns von etwas Gewohntem, Vertrauten lösen, uns in Neues, Unvertrautes wagen. Letztlich, so Jürgen Werner, bedeute jede Entscheidung "symbolisch das Durchschneiden der Nabelschnur". Dieses "Sich-Verabschieden-Können" sei etwas, was "ein Leben lang zu lernen ist".

Manche schaffen es nie. Einer von Werners Klienten, Exchef eines großen Familienunternehmens, hatte sich den Erwartungen der Familie gefügt: Er übernahm die Firma gegen seine eigenen Berufswünsche, litt an dieser Entscheidung, quälte sich mit ihr – und versagte schließlich als Unternehmer: Er trat zurück. Ein anderer Klient machte Karriere bei einer Beratung und korrigierte die Entscheidung später, weil er sich zu Schönerem berufen fühlte: Er eröffnete eine Kunstgalerie. Und fühlte sich im Nachhinein durch seinen Erfolg bestätigt.

"Eine Entscheidung", sagt Jürgen Werner, "ist in dem Maße gut, wie sie eine Versöhnung mit Fehlentscheidungen zulässt." Wie im Fall des Werbers aus Wiesbaden. Er bekam eine zweite Chance. Und griff beherzt zu: Er nahm eine Stelle in Düsseldorf an, mit Blick auf den Rhein, und kehrt seither jedes Wochenende nach Pensionopolis zurück.

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