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Manieren studieren

Manieren studieren, Entdeckungsreise zu den Verhaltensweisen der Europäer [Bildquelle: sxc.hu, Autor: nosheep]

Manieren studieren, Entdeckungsreise zu den Verhaltensweisen der Europäer [Bildquelle: sxc.hu, Autor: nosheep]

Eine Entdeckungsreise zu den Verhaltensweisen der Europäer. Dabei entdeckt der Autor Asfa Wossen-Asserate, ein Diplomat von äthiopischem Adelsgeblüt, was künstlich wirkt und worauf es beim edlen Charakter eines Menschen wirklich ankommt.

Wenn Adlige heiraten, freuen sich Fersehsender über Rekorde bei den Einschaltquoten. Jedes Schleifchen am Brautkleid einer Prinzession von und zu xy, jede Geste eines Thronfolgers avancieren dann zum Top-Thema der Boulevardpresse. Europäer lieben Etikette. Manch genervter Zuschauer mag sich da die Französische Revolution zurückwünschen. Aber symbolisch beladene Gesten haben eine lange Tradition auf dem alten Kontinent.
 

Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte
 Asfa-Wossen Asserate untersucht in seinem Buch, wie diese Verhaltensweisen entstanden sind. Hohles High-Society-Gehabe interessiert den "Prinz aus dem äthiopischen Kaiserhaus" dabei weniger. Die Bezeichnung stammt aus dem Klappentext. Tatsächlich ist Asserate ein Großneffe des äthiopischen Ex-Kaisers Haile Selassie. Am Hofe zu Addis Abeba erzogen, studierte Asserate Jura und Geschichte in Cambridge im Vereinigten Königreich. Beim Militärputsch in seiner Heimat 1974 musste der Kaiser sein Leben lassen und Asserates Familie für lange Zeit in Haft. Diese außergewöhnliche Lebensgeschichte lädt dazu ein, sich einmal genauer mit der alten Kultur Äthiopiens zu beschäftigen. Die Einleitung ist ein Anstoß dazu.
 

Blick von außen auf die Europäer
 Durch freundschaftliche Beziehungen seiner Eltern und Studienaufenthalte kannte Asserate das klassenlos-profane Deutschland von Kindesbeinen an recht gut. Seit über drei Jahrzehnten lebt er hier und ist heute Unternehmensberater in Frankfurt am Main. Ein äthiopischer Deutscher mit afrikanischem Blick auf die Gepflogenheiten des modernen Europa, die oft noch mittelalterlich sind. Sein Werk ist nicht ganz unumstritten: Eine Journalistin warf Asserate gar vor, das Buch nicht selbst geschrieben zu haben. Sie vermutet den Herausgeber des Buchs, Hans Magnus Enzensberger, als den wahren Schöpfer. Die Vorwürfe haben sich nicht bestätigt.
 

Aufmerksamkeit und Nachlässigkeit
 Anders als es der Titel des Buches vermuten lässt, hat Asserate kein Regelwerk des Verhaltens verfasst. Also nichts für Neureiche, die einen Schnellkurs in gesellschaftlichem Verhalten brauchen. Dafür ist das Buch geistig viel zu fordernd. Dem Autor geht es vor allem um eines: um das "Herausbilden eines bestimmten Menschentypus", um den "menschlichen Charakter".
 Von den 39 Kapiteln des Buches gibt das dritte eigentlich schon die Essenz seiner Gesamtaussage wieder. Es kreist um die Begriffe Aufmerksamkeit und Nachlässigkeit. "Der Aufmerksame ist darauf konzentriert, die Lage, in der er sich befindet, zu erkennen. Er blickt die Menschen, die ihm begegnen, an." Eine Grundtugend, die sich viele als Erstes aneignen sollten. Mit "Nachlässigkeit" meint er, entgegen der üblichen Definition, so etwas wie Nonchalance. Die Fähigkeit, souverän und ungezwungen auf schwierige Situationen zu reagieren. Und sich vor allem keinen Unmut anmerken zu lassen.
 

Reise durch Europa mit vielen Anekdoten
 Erst wer sich diese beiden Grundkomponenten manierlichen Verhaltens angeeignet hat, kann in den späteren Kapiteln mehr darüber erfahren, wie Kenner der Gesellschaft sich wann kleiden, anreden, bei Tisch verhalten oder Handküsschen verteilen. Asserates Manierenstudie ist eine Reise durch die Geschichte Europas, die er mit vielen Anekdoten von selbst erlebten Situationen würzt. Er macht sich darüber auch lustig. So wie Oscar Wilde, dessen Sprachwitz Asserate aber nicht erreicht. Viele Verhaltensweisen von heute leitet er aus Mythologien der Antike und des Mittelalters her. Seine Interpretationen sind interessant, wenn auch nicht wissenschaftlich fundiert. Die Lektüre von 370 Seiten gestaltet sich leicht und lehrreich zugleich. Ein Buch, das nicht nur in Bewerberseminaren, sondern auch in Personalabteilungen gelesen werden sollte. In einem Kapitel beschreibt Asserate genüsslich die Verklemmungen und Künsteleien in vielen Gesprächen. Sein Tipp zur Auflockerung: Widerspruch. "Das Lebenselixier jeder gelungenen Konversation."
 

Ein Buch für Persönlichkeiten
 Asserates Demut mag es ihm verbieten, es zu gestehen, aber er hat eine Hilfe zur Persönlichkeitsbildung geschrieben. Wo andere mit modernen Personality-Floskeln um sich werfen, setzt er den verstaubten Begriff der "Ehre" dagegen – und füllt ihn mit neuem Leben. So elegant, dass man dem Autor seine Konservatismen nachsieht. Außerdem ist es angenehm, dass er sich bemüht, niemals oberlehrerhaft oder moralisierend zu wirken.
 

Trinkgeld für den Henker
 Am Ende zeigt sich, dass es über Manieren noch viel mehr zu erzählen gäbe. Asserate: "Denn das Gebiet der Manieren ist genauso groß wie das Leben selbst und genauso wenig vollständig erfassbar." Eine geeignete Fortsetzung für das Buch wäre das Verhalten in Extremsituationen. Asserate gibt darauf einen Vorgeschmack: Ein Edelmann, der während der Französischen Revolution darauf wartet, dass der Henker ihm den Kopf auf die Guillotine schnallt, fragt: "Was gibt man so einem Mann?" Wer solche Manieren hat, muss sich vor nichts mehr fürchten.

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