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Manifest der digitalen Bohème

Tastatur, Hand, Online, Bewerbung, [Quelle: sxchu, Autor: arinas74]

Man nennt sie 'Generation Praktikum' oder 'Prekariat' - Freischaffende, die sich zwischen Latte und Laptop in den großen Städten der Republik mit unterbezahlten Jobs durchschlagen. Doch aus dem 'urbanen Pennertum' wurde in den letzten Jahren ein Lebensstil, der stilprägend ist und auch wirtschaftlich an Bedeutung gewinnt. Zwei Anhänger der 'digitalen Bohème' analysieren das Phänomen in einer Art Manifest und sagen: Lieber frei und kreativ als angestellt und verblödet.


Jahrzehnte verbindet man gerne mit etwas. Die 70er stehen für Flower-Power, die 80er für ausladenden Plastikschmuck und die 90er für die Love Parade. Und das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends? Vielleicht wird es später einmal das Jahrzehnt des "Prekariats" genannt werden. Im Jahr 2001 erschien in Paris ein Buch mit dem etwas merkwürdigen Titel: "Les intellos précaires" (Die prekären Intellektuellen). Die beiden Soziologinnen Anne und Marine Rambach fassten darin ein widersprüchliches Phänomen der westlichen Arbeitswelt zusammen. Immer besser ausgebildete Leute befinden sich in immer prekäreren Arbeitsverhältnissen. Befristete Beschäftigungen, unterbezahlte Minijobs, Dauerpraktika – eine Art modernes Tagelöhnerwesen machte sich unter vielen Uni-Absolventen breit. Wohl dem, der da über eine Festanstellung verfügt.

Das Prekäre als Lebensgefühl
Unter dem poststudentischen Prekariat befinden sich viele Studierende und Absolventen aus Medien, Kommunikation und kreativen Berufen. Ihre einzige Waffe sind ihre Ideen. Immer wieder machen sie mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam. So erfanden "Prekäre" in Italien sogar ihren eigenen Schutzpatron - San Precario. Das Leben und Arbeiten in prekären Verhältnissen hat sich zu einem Lebensgefühl entwickelt. Zwar fehlt dem Prekariat des 21. Jahrhunderts (noch?) der revolutionäre Impetus des Proletariats im 19. Jahrhundert. Außerdem sind die Prekären eine sehr heterogene Gruppe. Jedoch bedienen sich ihre theoretischen Fürsprecher gerne der linksrevolutionären Sprache und zitieren eifrig die intellektuelle Linke, von Marx über Brecht bis hin zu Foucault, um ihre Arbeitsbedingungen zu beschreiben.

Ich bin online, also existiere ich
Das Buch von Holm Friebe und Sascha Lobo "Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" beschreibt das Lebensgefühl des Prekariats. Die beiden Autoren, selbstständige Anfang-Dreißiger aus der kreativen Internetszene in Berlin, proklamieren eine neue gesellschaftliche Avantgarde der Arbeitsgesellschaft – den Freischaffenden, der sich, immer am Existenzminimum lebend, mit Auftragsarbeiten durchschlägt, dafür aber frei und kreativ ist. Sein Lebensinhalt ist auf seinem Laptop abgespeichert. Ein günstiges Café um die Ecke ist sein Arbeitsplatz, sofern ein W-LAN-Netz vorhanden ist. Das Internet ist sein Lebenselixier, ohne das er gar nicht sein könnte, weil er nur mit und in ihm kommuniziert und arbeitet. Ein Leben zwischen Laptop und Latte nach dem Motto: Ich bin online, also existiere ich. Oft bedauert man ihn als "urbanen Penner". Doch hat er viele Ideen, die sich vielleicht doch manchmal zu Geld machen lassen.

Ausbruch aus der Unmündigkeit
"Wir nennen es Arbeit" liest sich wie eine Art "digitales Manifest" für die Klasse der Internet-Arbeiter. Friebe und Lobo sträuben sich gegen die noch immer herrschende Ansicht, eine Festanstellung in einem renommierten Unternehmen sei das allein selig machende Heilsversprechen für den arbeitenden Menschen. Im Gegenteil, so behaupten sie, sei die Vogelfreiheit eines Prekären oftmals besser als das "Hamsterrad" eines Angestellten. Letzterer lebe zwar mit mehr Annehmlichkeiten und in sicheren sozialen Verhältnissen, zahle dafür aber den hohen Preis einer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Angestellte, die, wie die Autoren es nennen, im "Reich des Bullshit" leben, machten sich mit der Zeit abhängig von ihrem Arbeitgeber. Dagegen seien die Freiberufler täglich aufs Neue gefordert und blieben auf diese Weise geistig fit und kreativ. Ihr Dilemma sei aber ihre unsichere soziale Lage. Ein kreativer Freier müsse daher früh lernen, Netzwerke zu knüpfen und seine zahlreichen Projekte und Aufträge effektiv zu koordinieren und zu managen. Dies verlange viel Mut und eine gehörige Portion Selbstdisziplin.

Urbanes Pennertum wird zum Kult
Dass man als digitaler Bohemien nicht nur überleben, sondern auch sehr erfolgreich sein kann, wollen Friebe und Lobo an zahlreichen Beispielen für erfolgreiche Internet-Start-Ups wie myspace, youtube oder ebay belegt wissen. Unternehmen sind sich der steigenden Bedeutung der Internet-Bohème zunehmend bewusst und erkennen die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der freien Bohemiens, die mit ihren Ideen und mit Hilfe des Internets international vernetzt sind und ganze neue Stilrichtungen prägen.

Wachsende Macht
Doch haben die Blogger und Networker rund um den Globus nicht nur an Bedeutung gewonnen, sondern zunehmend auch an Macht. Pikante Geheimnisse aus internen Zirkeln großer Unternehmen machen, einmal in einem Blog veröffentlicht, innerhalb von Stunden die globale Runde. Die Möglichkeiten der Communities und des Web 2.0., in der sich Netzwerke und der Austausch von Informationen intensivieren, verstärken diese Macht noch. Unternehmen können sich dem nicht mehr entziehen und versuchen nun, von den Stilformen und Ideen zu profitieren. Die Autoren warnen daher vor der Gefahr einer kommerziellen Verflachung.

Die Zukunft der Arbeit
Wie sollen wir in Zukunft arbeiten? Das fragen die Autoren am Ende des Buchs. Sie wissen, dass die Arbeit der digitalen Bohème in absehbarer Zukunft nicht das Arbeitsmodell der Masse werden wird. Dazu fehle es ihr noch an Attraktivität und Sicherheit. Doch zitieren sie die Vision einer "Neuen Arbeit" des Philosophen Frithjof Bergmann. An die Stelle des Ideals der Vollzeitbeschäftigung treten, auch aufgrund des technischen Fortschritts und eines weiter schreitenden Rückgangs des Arbeitsvolumens und des Bedarfs an festen Mitarbeitern, lockere Arbeitsverhältnisse, die dem Einzelnen eine freiere Einteilung seiner Zeit ermöglichen. Genau dieses Modell, so schlussfolgern Friebe und Logo, lebe die digitale Bohème bereits vor: "Die digitale Bohème ist auf diesem Weg schon mal ein Stück vorausgegangen, testet aus, was geht und was nicht. Ihre Subversion der Arbeitswelt ist keine destruktive, sondern eine konstruktive, indem sie die Attraktivität ihres Lebensstils täglich neu unter Beweis stellt." Doch im Moment, so schließen die Autoren, fehle es der digitalen Bohème noch an einem attraktiven und überzeugenden Konzept von Arbeit und Leben. Dies gelte es zu erstellen, anstatt sich selbst zu beweinen. So stellen sie die Aufforderung ans Ende: "Don't cry – work."

Die Zukunft der digitalen Bohème
Dem Buch ist eine ausführliche Beschreibung der "digitalen Bohème" gelungen, sicherlich deshalb, weil die Autoren sich selbst dieser Gattung zugehörig fühlen. Sie treten überzeugt und selbstbewusst auf, haben aber auch einen klaren Blick für die Brüche und Probleme eines freien, aber eben prekären Lebensstils. Sie wollen Mut machen und weisen auf die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der digitalen Bohème hin, die eine bessere Zukunft verheißen könnte.

Einseitiges Festanstellungs-Bashing
Friebe und Lobo überbetonen die Nachteile der Festanstellung und rücken sie in ein fast ausschließlich negatives Licht. Ein bisschen mehr Abwägung statt Propaganda hätte hier sicher nicht geschadet. Ein fest Angestellter kann, wenn er in seinem Unternehmen Aufstiegs- und Entfaltungsmöglichkeiten findet, durchaus glücklich sein. Die Linie zwischen Erfüllung und Frust bei der Arbeit verläuft also nicht zwischen Festanstellung und freiem Arbeiten. Letztlich entscheiden darüber weitaus mehr Faktoren.

Ein bisschen von allem
In weiten Teilen ist das Buch auch eine unterhaltsame, bisweilen aber langatmige Aneinanderreihung von Anekdötchen aus der Internet-Branche. "Wir nennen es Arbeit" kommt mal theoretisierend, mal erzählend, mal analysierend, mal ironisierend daher. Mitunter hat man den Eindruck, dass weite Teile des Buchs, ganz authentisch nach Art des Prekariats, in einem Berliner Hinterhofcafé heruntergetippt wurden – experimentell und mit ein bisschen von allem.

Kultwerk, aber kein Manifest
Friebe und Lobo schreiben locker und humorvoll, mit Witz und Ironie, sparen aber nicht mit Kritik und Seitenhieben. Über ihr bisweilen aufflackerndes Szene- und Lifestyle-Getue kann man deshalb locker hinwegsehen. Bisweilen lassen die Autoren so etwas wie die Ironie der Verzweiflung an der schwierigen Situation vieler Internet-Kreativer durchscheinen. Sie fordern aber kein Mitleid von der Gesellschaft, sondern vielmehr Selbstbewusstsein von ihrer eigenen Klientel. Letztlich taugt das Buch zwar zu einem Kult- und Identifizierungswerk des Prekariats, weniger aber zu einem Manifest einer digitalen Bohème – auf das müssen wir noch warten.

 

 

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