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Von Chucks und Sambas

Uni-Roman [Bildquelle: sxc.hu, Autor: drella]

Uni-Roman [Bildquelle: sxc.hu, Autor: drella]

Markus ist neu. Neu an der Universität Bonn. Das merken alle sofort. Denn Markus kommt pünktlich zur Seminaranmeldung. Ein Fehler, der ihn als Ersti outet. Denn wer einen Platz im Seminar haben möchte, übernachtet auf dem Campus – oder kommt in zwei Semestern wieder. Vom Mikrokosmos Universität erzählt Manuel J. Hartung in seinem 'Uni-Roman'. Vom ersten Tag an einer deutschen Massenuniversität, der ersten Klausur, der ersten Uni-Party, dem Kater danach und den Zweifeln an der Studienwahl. Denn Protagonist Markus ist ein Kind seiner Zeit und leidet an dem Dilemma seiner Generation: Er kann sich nicht entscheiden.

"Ich kann mich nicht entscheiden, was ich später werden will, ich kann mich nicht entscheiden, was ich genau studieren will, und ich kann mich nicht entscheiden, was ich politisch denken soll. Ich will jede Entscheidung vor mir herschieben, mir alle Optionen offen halten." Deswegen hat sich Markus für ein Politik-Studium in Bonn entscheiden. Um die "Spätpubertät zu verlängern" und die Berufswahl ein paar Jahre nach hinten zu verschieben. Vielleicht auch nur, um sich vom verbreiteten "Darwipportunismus" (eine Mischung aus Darwinismus und Opportunismus) abzugrenzen, bei dem es nicht darum geht, wer, sondern was man ist. Manuel J. Hartung, Jahrgang 1981, zeichnet in seinem Uni-Roman ein pointiertes Bild einer Generation, die auf der Suche nach sich selbst ist. Die Freiheit als Problem empfindet, weil "jede Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen vieles" ist.
 

Einführung in die Typologie
 Über Probleme wie diese diskutiert Markus viel mit Daniel, seinem Kommilitonen. Davon lernt Markus im Laufe des Semesters so einige kennen: Hannes den Streber, der mit zu langen Vorträgen nervt, sich mit neun selbst Latein beigebracht hat und Markus erst mal siezt. Ganz im Gegensatz zum Soziologie-Professor, der alle im brechend vollen Seminar erst mal duzt. Hartung greift tief in die Typologie-Kiste: Da gibt es den Nazi, der einer Studentenverbindung angehört, das Campus-Flittchen mit den hautengen Tops, die intelligente und verschlossene Anna, die Lenz und Schnitzler ließt. Und die fuchsige und frustrierte Dozentin, die willkürlich Noten verteilt und nur von Dienstag bis Donnerstag an der Uni ist.
 

"Das Erstaunliche ist, dass alle Klischees stimmen."
 Natürlich fehlt auch der Langzeitstudenten nicht, der im 21. Semester noch die Wörter "Pseudonym" und "Synonym" verwechseln. Das ganze Kabinett studentischer und professoraler Existenzen eben. Auf den ersten Blick erscheinen die Charaktere des Uni-Romans sehr am Stereotyp verhaftet. Doch dann kann man sich ein Lachen nicht verkneifen und vergibt den Stereotypen ihre Schemenhaftigkeit. Denn immerhin speisen sie sich durchaus aus der Realität – und die scheint Hartung aufmerksam beobachtet zu haben.
 

Generation Wiki
 Und so stößt man auf Süffisantes: "Er schrieb [erfolglos] Anträge für Drittmittelprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, lange, elaborierte, phrasenreiche Traktate, in denen viel von Interdisziplinarität die Rede war, oft auch von Transdisziplinarität, von Clustern und Kompetenzbündelung". Neben diesen akademischen "Insidern", nimmt der Roman oft Bezug auf Aktuelles und wird somit zum Zeitdokument. Es ist die Rede von "Google-Stalking" und Gammelfleisch; vom iPod und vom Rauchen, das mittlerweile ein mit "Scham belegtes Laster" geworden sei: "Früher hatte James Dean ständig eine Kippe zwischen den Zähnen, heute rauchen in den Filmen bloß noch Mafiosi, Serienkiller und Mitglieder des abhängigen Prekariats."
 

Kluge, leichte Kost
 Die genaue Beobachtungsgabe verwundert bei Manuel J. Hartung nicht. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und stellvertretenderer Chefredakteur von ZEIT Campus – dem Studentenmagazin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit journalistisch geschultem Blick hat er einen Roman über das deutsche Studentenleben geschrieben, dem es an kulturellen Querverweisen nicht mangelt: Literatur, Musik und Malerei. Und auch ein bisschen Schleichwerbung. In der Bonner Mensa liegt ZEIT Campus aus - "im besten Fall". Der Stallgeruch mieft ein wenig, nimmt jedoch nicht die Freude daran, dass der Autor "Konservation" von "Konversation" unterscheiden kann und dennoch einen Uni-Roman geschrieben hat, der leicht und humorvoll daherkommt. Lesen, schmunzeln und in den Schrank stellen – für den Fall, dass der Nachwuchs mal fragt: "Wie war's denn damals an der Uni."

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