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Eliten und Demokratie

Elite und Demokratie [Bildquelle: sxc.hu, Autor: lusi]

Elite und Demokratie [Bildquelle: sxc.hu, Autor: lusi]

Exzellenzinitiative, Eliteunis und Elitestudiengänge – die gezielte Förderung von Eliten und deren gesellschaftliche Rolle sind immer noch heiß diskutierte Themen. Oft ist aber noch nicht einmal der Begriff 'Elite' klar. Was oder wer gehört zur 'Elite'? Und wieso braucht man Eliten? In der Festschrift 'Eliten und Demokratie' zu Ehren von Eberhard v. Kuenheim erörtern namhafte Autoren aus den unterschiedlichsten Perspektiven Grundsatzfragen zu Eliten und ihrer Rolle in einer demokratischen Gesellschaft.

Das Autorenverzeichnis liest sich wie ein "Who-is-Who?" der Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Als Herausgeber fungieren beispielsweise die mittlerweile verstorbene Marion Gräfin Dönhoff, die frühere Mitherausgeberin von "Die Zeit", der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Hubert Markl, einst Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Sie widmen diese Festschrift Eberhard von Kuenheim, der lange Jahre als Vorstands- und später Aufsichtsratsvorsitzender an der Spitze der Bayerischen Motoren Werke stand.
 

Große inhaltliche Bandbreite
 Eines vorweg: Das Themenspektrum des Buches beschränkt sich bei Weitem nicht auf die Rolle von Eliten in Demokratien. Ähnlich verhält es sich mit den äußerst dehnbar formulierten inhaltlichen Leitlinien der drei Kapitel: Oft lässt sich die Kapitelzuordnung der 21 Beiträge nur mit viel Toleranz nachvollziehen. Zum Beispiel heißt das erste Kapitel "Gemeinsinn und Verantwortung". Es soll laut den Herausgebern "die Regeln wertegeleiteten Handelns und deren Grundlagen, also Erziehung und Bildung" behandeln. Was allerdings beispielsweise der Essay von Johann Georg Prinz von Hohenzollern zu "Kunst in München" dort zu suchen hat, bleibt fraglich. Für das dritte und letzte Kapitel wiederum hat man sich mit "Realien und Realitäten" einen besonders dunklen Titel ausgesucht. Dort finden sich dann solch unterschiedliche Beiträge wie Dönhoffs Aufsatz über preußische Tugenden nach Friedrich II. und deren heutige Relevanz oder die Rede von Edmund Stoiber zur Zukunft Bayerns. Stoibers Schrift gehört außerdem zu den Beiträgen des Bandes, die nicht mehr ganz taufrisch sind, da sie sich zu sehr am damaligen Tagesgeschehen (1999) der Politik orientieren. Nichtsdestotrotz sind sie auch heute noch lesenswert.
 

Von Bildung zu Karriere
 In indirekter Anlehnung an den Begriff der "Bildungselite" kontrastiert der Pädagoge Hartmut von Hentig in einem der ersten Beiträge "Bildung" mit "Erziehung": "Gebildet" ist nicht nur, wer für seine Kultur "tauglich" ist, sondern auch fähig, selbst Kultur hervorzubringen. Hentig erklärt, dass "Bildung" sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Begriff "Erziehung" abgelöst hat. "Bildung" wird daher meist in Verbindung mit dem Humboldtschen Bildungsideal gebracht: Sie soll von jeglichem Gedanken an die Verwertbarkeit des Gelernten freigehalten werden. Humboldts Ideal konnte sich aber nicht durchsetzen, da "Pädagogen der Verführung erlagen, die Bedürfnisse der Gesellschaft" - also die Verwertbarkeit der Bildung - "immer gleich mitzubedienen." So wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der "Bildung" die "Karriere": Wer sich Bildung mühevoll erworben hatte, konnte es sich nicht leisten, sie nicht zu verwerten. Aus den neuen "Gebildeten" entwickelte sich ein Stand – eine einflussreiche und erfolgreiche Klasse, die man heute "Bildungselite" nennt.
 

Nur im Gemeinwesen gedeiht Privatinteresse langfristig
 Richard von Weizsäcker wiederum veranschaulicht an historischen politischen Beispielen, wieso der Unternehmer in eigener Sache klug handelt, wenn er sich für die Fragen des Gemeinwohls engagiert. Denn funktionieren könne die freie Wirtschaft "nur im Rahmen eines Gemeinwesens, welches alle die Aufgaben wahrnimmt, die die Menschen zum Leben brauchen," auch wenn sie keinen materiellen Gewinn abwerfen. Dazu zählt nach Weizsäcker der Schutz nach außen und innen, Erziehung, Infrastruktur und nicht zuletzt auch soziale Gerechtigkeit.
 

Die Rolle des Unternehmers als Wirtschaftselite
 Hans-Werner Sinn, Direktor des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, befasst sich in plastischer Sprache mit der Wirtschaftselite: dem Unternehmer, seiner Rolle in der Marktwirtschaft, und mit den Rahmenbedingungen, die er benötigt, um seiner Rolle gerecht werden zu können. So ist die Rolle des Unternehmers einerseits die des "Kompensationstesters". Der Kompensationstest stellt sicher, dass eine Ware nur dann produziert wird, wenn der Nutzen der Verbraucher größer ist als die Summe der Nachteile, die im Zuge der Produktion entstehen. Der Unternehmer ist aber auch "Gewinnbezieher": Wird Gewinn erzielt, bedeutet dies, dass der Kompensationstest bestanden wurde.
 

Die Folgen der Gleichheitsfiktion im Hochschulwesen
 Wer sich schon immer gefragt hat, wieso die Bundesregierung Exzellenzinitiative und Eliteuniversitäten auf den Weg gebracht hat, findet im Beitrag von Wolfgang A. Hermann, Präsident der TU München, eine anschauliche Erklärung. Hermann macht hierfür vor allem die übertriebene Vereinheitlichung des Hochschulwesens verantwortlich. Die "Gleichheitsfiktion in der 'higher education'" habe Deutschland international ins Hintertreffen gebracht. Man müsse sich von ihr verabschieden und sollte sich "Eliten leisten". Eliten sind für Hermann solche, die den Wandel in allen Bereichen der Gesellschaft maßgeblich gestalten. Damit meint Hermann nicht nur die Top-Akademiker: "Zur Elite gehört auch der Handwerksmeister, der seine Werte überzeugend seinem Wirkungsumfeld vermittelt."
 

Eliten frei entfalten lassen und nicht ständig fordern
 In Hubert Markls Beitrag geht es um die "Herausforderung durch das Unbekannte". Damit bezieht er sich auf die Zukunft – das Unbekannte – und die nur scheinbar irrationale menschliche Angewohnheit, zu glauben, dass man "diese Zukunft durch kluges, verantwortungsvolles Handeln" zum eigenen und allgemeinen Vorteil beeinflussen könne. Markl zu Folge zeichnen sich Eliten dadurch aus, dass sie in stärkerem Maße als andere dazu in der Lage sind, die "Herausforderung durch das Unbekannte" auf sich zu nehmen und zu bewältigen. Besonders fördern würde man diese am besten, wenn man sie nicht immerzu fordere und auf ein späteres Elitendasein hinerziehe, sondern "indem man den jungen Menschen den Freiraum zur Selbstentfaltung sichert".
 

Kuenheim: Elite beginnt beim Stücklistenschreiber
 Das Buch schließt mit einer Sammlung von Reden Eberhard von Kuenheims. Dort stellt Kuenheim auch sein Verständnis von Elite vor: "Elite beginnt bereits beim Stücklistenschreiber, der sein Geschäft versteht und sein System verbessert."
 

Lesenswerter Dialog, aber ohne Synthese
 Fazit: Die einzelnen Beiträge gehen auf sprachlich und inhaltlich hohem Niveau hinter die Kulissen gesellschaftspolitischer Grundsatzdebatten. Viele sind auch als ethische Ratgeber für Eliten an vielen Orten der Gesellschaft brauchbar. Was die Festschrift besonders interessant macht, ist die Vielzahl der Perspektiven durch Autoren aus den unterschiedlichsten Wirkungskreisen. Störend ist, dass die Beiträge das eigentliche Thema "Eliten und Demokratie" oft nur streifen. Das macht auch eine Synthese der Beiträge unmöglich und erklärt wohl, weshalb eine abschließende Zusammenfassung von den Herausgebern ausbleibt. So bleibt ein lesenswerter Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur - allerdings ohne Schlussfolgerungen.

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