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Die Kraft neuer Ideen

Menschen, Weltkarte, 12th World Business Dialogue (Quelle: www.sxc.hu, Autor: woodsy)

Menschen, Weltkarte, 12th World Business Dialogue (Quelle: www.sxc.hu, Autor: woodsy)

Der Titel klingt prätentiös: 'Die Welt verändern'. Der erste Gedanke: Wer so etwas verspricht, ist entweder ein radikaler Ideologe oder ein verblendeter Optimist. Oder beides. Der Untertitel 'Die Kraft neuer Ideen' mutet hingegen schon fast esoterisch an. Kein guter Ausgangspunkt für ein Buch, das in einer Reihe eindrucksvoller Geschichten zeigt, wie besondere Menschen mit innovativen Ideen und unbändigem Einsatz schwerwiegende gesellschaftliche Probleme lösen – und dabei wirtschaftlich handeln: die 'Social Entrepreneurs'.

Mit großzügigen Spenden aufgebaute Schulen, doch das Bildungssystem ändert sich nicht. Gigantische Brunnenprojekte, die ganze Gegenden austrocknen und ökologische Katastrophen nach sich ziehen: Oft genug liest man von Entwicklungshilfeprojekten, die zwar gut gemeint sind, die Probleme aber bisweilen noch vergrößern.
 

Gesellschaftliche Probleme nicht lindern, sondern lösen
 Hier will Bornsteins Buch "Die Welt verändern - Social Entrepreneurs und die Kraft neuer Ideen" ansetzen. Für sein mittlerweile in zehn Sprachen übersetztes Buch recherchierte der Autor fünf Jahre lang in der ganzen Welt. Sein Ziel: Menschen zu finden, die die Vision haben, ein gesellschaftliches Problem nicht nur zu lindern, sondern zu lösen. Bornstein findet diese Menschen in zehn "Social Entrepreneurs". Besessen von ihrer Idee lassen sie sich nicht aufhalten und setzen ihre Projekte in die Tat um. Das geschieht nicht nur auf lokaler, sondern auf nationaler und oft auch ziemlich schnell sogar auf internationaler Ebene. Die Projekte tragen sich nach einer gewissen Zeit von selbst und beheben ein wichtiges gesellschaftliches oder ökologisches Problem.
 

Individuen, die den Wandel vorantreiben
 Bornstein plädiert mit seinem Buch für einen individualistischen Ansatz zur Erklärung von sozialem Wandel. Beschäftigen sich viele Soziologen und Ökonomen vorwiegend mit den strukturellen "Makro"-Ursachen für gesellschaftliche Veränderungen, so betont Bornstein, dass "hinter den Kulissen häufig ein obsessives Individuum" steht: "ein Mensch mit Visionen, Motiven, lauteren Zielsetzungen, großer Überzeugungskraft und bemerkenswerter Ausdauer". Im Klartext: Nicht die Zeit und die Gesellschaft sind reif für eine Idee geworden, sondern die Idee hat einen äußerst hartnäckigen und überzeugenden Fürsprecher bekommen, der ihr zum Erfolg verhilft.
 

Fábio Rosa elektrifiziert das rurale Brasilien
 Ein Beispiel für so einen hartnäckigen Fürsprecher ist der 22-jährige Agraringenieur Fábio Rosa. Ihn beschäftigt das wohl größte Problem Lateinamerikas: die Landflucht. Die Bauern können von ihren Feldern nicht mehr leben und ziehen in die Großstädte. Dort wachsen die Elendsviertel, und mit ihnen die Kriminalitätsraten. So auch in Palmares do Sul, einem Reisanbaugebiet in der brasilianischen Pampa. Die Bauern von Palmares haben ein Problem: die Wasserpreise. Die Bewässerungskanäle sind im Besitz von wohlhabenden Großgrundbesitzern. Und die lassen sich ihr Wasser teuer bezahlen. Rosa kommt daher auf die Idee, die Felder mit artesischen Brunnen, die Grundwasser an die Erdoberfläche pumpen, zu bewässern.
 

Ein Do-it-yourself-Elektrizitätsnetz
 Den Strom für die Pumpen und die Bohrer beschafft er über ein selbstentwickeltes günstiges Stromnetz, das er von den Bauern selbst installieren lässt. Damit versorgt er die Region nebenbei auch noch mit Strom. Die brasilianische Staatsbank für wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist begeistert von Rosas Konzept und gibt ihm einen hohen Kredit für die nötigen Investitionen. Den kann Rosa in nur vier Jahren wieder zurückzahlen. Widerstand überwindet er schließlich auch noch auf politischer Ebene, als das staatliche Stromversorgungsunternehmen sich weigert, seine teuren Elektrifizierungsstandards zu ändern. So bleibt Rosas Stromnetz lange Zeit illegal. Als dann aber im Bundesstaat Rio Grande do Sul, wo auch Palmares liegt, ein neuer Gouverneur gewählt wird, der versprochen hat, die ländliche Elektrifizierung voranzutreiben, muss der staatliche Strommonopolist nachgeben.
 

Strom für den Preis einer Kuh
 Rosas Projekt ist ein voller Erfolg: "Für den Preis einer Kuh" ist fortan jeder Haushalt in Palmares mit Strom versorgt. Das neue Bewässerungssystem ist zudem effizienter, da man mittels jährlicher Überflutung das Unkraut abtöten kann und so viermal so viel Fläche dauerhaft nutzbar macht. Zuvor mussten jeweils drei von vier Feldern brachliegen. Die Bauern steigern ihren Monatslohn von 50 bis 80 auf 200 bis 300 Dollar. 130 Familien kehren sogar aus der Stadt zurück. Andere Bundesstaaten führen sein Elektrifizierungskonzept später in Eigenregie weiter.
 

Ein Konzept, das immer mehr Business Schools lehren
 Fábio ist ein "Social Entrepreneur". Der Begriff sperrt sich gegen eine Übersetzung ins Deutsche, da man hierzulande beim "sozialen Unternehmer" eher an einen Unternehmer denkt, der seine Arbeiter nicht entlässt, obwohl dies wirtschaftlich gesehen vielleicht die bessere Lösung wäre. Ein Wohltäter in bester "noblesse oblige"-Tradition eben. Doch Social Entrepreneurs wollen gerade das nicht sein. Sie stemmen sich gegen die Gleichung gemeinnützig = unwirtschaftlich. Was daher Unternehmer für die Wirtschaft sind, sind Social Entrepreneurs für die Zivilgesellschaft. In Amerika und England wird Social Entrepreneurship bereits an den großen Business Schools in Harvard, Stanford und Oxford gelehrt. Auch die renommierte Business School INSEAD in Fontainebleau hat es in ihren Standardlehrplan mit aufgenommen.
 

Ein Ex-McKinsey-Berater als Pionier
 Neben Rosa trifft Bornstein auf seiner Reise um den Globus auch auf Veronica Khosa, die ein neues Modell häuslicher Pflege für Aids-Patienten in Südafrika aufgebaut und damit Politik gemacht hat. Er beschreibt Jeroo Billimoria, die Millionen von Straßenkindern in Indien hilft, sich selbst zu helfen. Und er lernt Bill Drayton kennen, einen ehemaligen McKinsey-Berater, der vor 25 Jahren Ashoka gründete. Ashoka war Pionier: Als erstes Social-Venture-Capital-Unternehmen suchte es gezielt nach Social Entrepreneurs, um sie dann bei ihren Vorhaben zu unterstützen. Bis heute erhalten die Ashoka-"Fellows" neben einem jährlichen Stipendium unter anderem Zugang zu Business- und Marketing-Expertise von Unternehmen wie McKinsey oder Hill & Knowlton (Public Relations).
 

Projekte von globaler Spannweite
 Bis heute hat Drayton knapp 1.700 Visionären in über 50 Ländern ermöglicht, ihre Ideen zu verwirklichen. Die Resultate können sich sehen lassen: So haben 93 Prozent der Ashoka-Fellows ihr Konzept nach fünf Jahren national oder global verbreitet, 71 Prozent haben die Politik in ihrem Land nach zehn Jahren nachhaltig verändert, und 66 Prozent sind nach zehn Jahren weltweit führend auf ihrem Feld. Drayton selbst verdient an Ashoka angeblich nichts: Er lebt von seinen Ersparnissen.
 

Das Wachstum des "Bürgersektors"
 Faszinierend ist, dass Bornstein die Einzelbeispiele der Social Entrepreneurs in einen allgemeinen soziologischen Kontext einbettet: Es entstehen immer mehr NGOs, und auch immer mehr Absolventen von amerikanischen Eliteuniversitäten entscheiden sich für eine Karriere bei Nichtregierungsorganisationen. In anderen Worten: Der "Bürgersektor", wie Bornstein ihn nennt, sei in den letzten 20 Jahren gewaltig am Expandieren. Auch in weniger entwickelten Ländern wachse er bis zu zweieinhalbmal so schnell wie die Gesamtwirtschaft. Als Gründe hierfür sieht Bornstein steigende Pro-Kopf-Einkommen, sinkende Analphabetenquoten, die Verbreitung des Internets sowie im historischen Vergleich wachsende demokratische Freiheiten. All dies trage dazu bei, dass rund um den Globus immer mehr Bürger aktiv dazu beitragen können, gesellschaftliche Missstände zu beseitigen. Und sie tun dies meist flexibler, schneller, innovativer und nachhaltiger als staatlich gesteuerte Programme, so Bornstein. Der Autor lässt allerdings offen, inwieweit der zivile Sektor wirklich in der Lage ist, den staatlichen vollends zu ersetzen. Man hat den Eindruck, dass Bornstein dies generell für sinnvoll hielte, auch wenn er sich nicht explizit dazu äußert.
 

Ein Buch, das brisanten Fragen nicht ausweicht
 Aber auch so ist das Buch empfehlenswert. Zumal der Inhalt auch für Deutschland angesichts der andauernden Diskussion um die Zukunft des Sozialstaats relevanter ist denn je. Und vor allem, weil es auch vor brisanten Fragen nicht ausweicht: Braucht die Zivilgesellschaft mehr Wettbewerb? Sollten wir auch hier Spitzenleistungen stärker fördern? David Bornstein schreibt auf der Meta-, Makro- und Mikroebene und bereitet globale Trends, brisante Thesen und faszinierende Geschichten leicht lesbar auf, wenn die deutsche Übersetzung bisweilen auch etwas hölzern klingen mag.
 

Verbindung von Wirtschaftlichkeit und Sozialem
 Ein Buch für alle, die sich schon immer gefragt haben, wie sich Wirtschaftlichkeit und soziales Engagement verbinden lassen. Und wie Nelson Mandela im Vorwort anmerkt: Inspiration und Motivation für alle jungen Menschen mit Visionen, diese nicht aus den Augen zu verlieren.

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