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Auf der Suche nach der Heldenformel

Held, Zivilcourage, Stärke [Quelle: pixabay.com]

Quelle: pixabay.com

Eine Studentin, die einem Hooligan entgegentritt, ein Polizist, der Misshandlungen nicht akzeptiert – warum stehen manche gegen Unrecht auf? Eine Suche nach der Heldenformel.

Als Winston Moseley erklären sollte, warum er auf Catherine Genovese, genannt Kitty, mitten auf der Straße eingestochen hatte, wo Nachbarn ihn doch hätten sehen und die Schreie des Opfers hätten hören können, antwortete er: "I knew they wouldn't do anything, people never do." ("Ich wusste, dass die Leute nicht eingreifen würden, das machen sie nie."). So nahm er sein Jagdmesser und stach auf Kitty ein. Ihre Schreie hallten durch die Nacht, Lampen in Schlafzimmern gingen an, und einige Nachbarn sahen den Täter. Aber niemand unternahm etwas. Moseley floh, kehrte später zurück, fand die blutende Frau in einem Hauseingang. Hinter den Fenstern der meisten Nachbarhäuser brannte inzwischen kein Licht mehr. Wieder stach Moseley zu, dann vergewaltigte er sie. Kitty Genovese starb am 13. März 1964 in Queens, New York City.

Ihr Name aber überlebte – in Büchern der Sozialpsychologie, die zu erklären versuchen, warum es um die Zivilcourage so schlecht steht. Man nennt dieses gesellschaftliche Defizit das Genovese-Syndrom. Als der Fall Genovese bekannt wurde, begannen Wissenschaftler mit Experimenten und fanden heraus: Je mehr Leute einen Kriminellen bei der Tat beobachten oder einen Menschen in Not sehen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass jemand eingreift. Wenn keiner der anderen etwas unternimmt, dann ist das Ganze wohl nicht so schlimm: Das denken die meisten. Sie glauben, irgendwer werde sich schon kümmern. Oder sie haben Angst davor, sich vor den Augen der anderen zu blamieren. Die Masse versetzt jeden Einzelnen in Apathie. Bystander effect, so nennt es die Wissenschaft, Zuschauer-Effekt. Dieser Effekt verhindert Helden – und gesellschaftliche Vorbilder.

Dabei sind die meisten Menschen ständig von möglichen Vorbildern umzingelt. Heldenmythen sind eine anthropologische Konstante, wie der Krieg oder der technische Fortschritt. Helden bevölkern Romane, kämpfen auf Leinwänden, werden in Liedern und Geschichten gefeiert. Ihre Abenteuer wurden in Höhlenwände gekratzt und in antike Mosaike gelegt. Sobald man den Fernseher einschaltet, laufen Helden durchs Bild, zumindest vermeintliche Helden. Nur in der Realität findet man sie kaum. Alltagshelden sind rar, obwohl Zivilcourage als vorbildlich gilt. Politiker und Kirchenleute fordern sie oft ein.

Aber die psychologischen Effekte sind stärker als die meisten Appelle. Der bystander effect hat nämlich Verbündete: den Drang des Menschen nach Konformität und sein Verlangen nach Harmonie. Die Evolution hat ihn zum Herdentier werden lassen. Der Mensch hatte es immer leichter, in einer Gruppe zu überleben als allein. Die Herde schützt ihn, verleiht ihm Stärke. Mit der Herde will man es sich nicht verderben. "Unser Default-Modus heißt Konformität", sagt der Sozialpsychologe Stefan Schulz-Hardt von der Universität Göttingen, der auch über Zivilcourage forscht. Auch außerhalb aller Gruppenzwänge, im persönlichen Miteinander, vermeiden Menschen unangenehme Auseinandersetzungen. Wer also zum Vorbild werden will, muss seine Instinkte überwinden. Das gelingt den wenigsten.

Natürlich, es gibt sie, die Anständigen und Couragierten, die Unrecht nicht akzeptieren wollen, sobald sie darauf stoßen. Die "Dagegen!" rufen, wenn alle anderen "Dafür!" schreien. Die etwas sagen, wenn alle anderen schweigen. Die als Vorbilder taugen.

So etwa der Hamburger Polizist Uwe C.; er berichtete Mitte der neunziger Jahre seinen ehemaligen Ausbildern, dass einige seiner Kollegen Schwarze misshandelten, sobald sie im Gewahrsam der Polizei waren. Die Schwarzen wurden geschlagen und gedemütigt. Uwe C. galt von nun an als Kameradenschwein. Die anderen Polizisten schlossen ihre Reihen, sie wurden ein verschworener Haufen, geprägt von einem falsch verstandenen Korpsgeist. Die meisten Akteure des sogenannten Hamburger Polizeiskandals blieben im Amt. C. gefährdete seine Karriere, weil er moralische Ansprüche ernster nahm als die Loyalität zu seinen Kollegen.

Menschen wie Uwe C., Menschen, die sich vorbildlich verhalten, wiegen nicht ihren eigenen Vorteil gegen das Gemeinwohl ab. Sie verdrängen ihre Ängste.

Studentin gegen Hooligan

Im Februar 2016 fuhr die Studentin Leonie M. mit der Bahn von Chemnitz nach Zwickau, als ein vermummter Hooligan einen Syrer am Nacken durch den Waggon schleifte, vorbei an vielen Menschen, die auf den Boden guckten oder auf ihr Handy. Nur M. stand von ihrem Sitz auf und stellte sich dem Vermummten in den Weg. Sie schrie ihn an, den Syrer in Ruhe zu lassen. Der Täter war so überrascht, dass er von seinem Opfer abließ.

Was unterscheidet Uwe C. und Leonie M. von den Nachbarn des Mordopfers Kitty Genovese?

"Falls es eine Heldenformel geben sollte, kennen wir sie noch nicht", sagt der Sozialpsychologe Stefan Schulz-Hardt. Man wisse nur, dass Menschen, die sich widersetzen, stärkere antiautoritäre Überzeugungen haben als der Durchschnitt der Menschen – und außerdem mehr Empathie. "Wir können auch nicht vorhersagen, wie viele aus einer Gruppe sich wehren, wenn sie Unrecht erkennen."

Die Klassiker der Sozialpsychologie zeigen, dass es nur wenige Menschen sind, die dazu bereit sind. Im Milgram-Experiment beispielsweise geht es darum, dass ein Versuchsleiter Menschen dazu bringt, einem Fremden (vermeintliche) Elektroschocks zu verabreichen. Es gibt auch das Asch-Experiment, bei dem Menschen sich durch Gruppenzwang zu Falschaussagen bringen lassen. Die Zahl der Anständigen hängt aber eher vom Versuchsaufbau ab – wie nah ist das Opfer, sieht man es, oder hört man es nur? Wie geschlossen tritt der Rest der Gruppe auf? Es kommt nicht darauf an, wie alt die Mitglieder der Gruppe sind, ob sie mehr aus Männern oder mehr aus Frauen besteht, ob die Beteiligten gebildet oder ungebildet sind, arm oder reich.

Und das ist eine großartige Nachricht. Denn somit kann jeder zum Vorbild werden. Man muss keine Kurse besuchen, in denen Zivilcourage gelehrt wird, um aus der Masse der Mitläufer zur Minderheit der Handelnden überzulaufen. Es reicht ein einfacher Gedankentrick: Sieht man einen Menschen in Not, überlegt man, wie man reagieren würde, wenn es sich um den besten Freund handelte.

Menschen erzählen einander Heldengeschichten, weil solche Erzählungen den farblosen Alltag für einen Moment vergessen lassen. Deswegen sind diese Geschichten viel größer als die Wirklichkeit. Dabei kann ein Vorbild ganz durchschnittlich sein, nicht anders als die Aufgabe, die ihm zukommt. Nur selten ist es nötig, einen Ring in der Mitte eines Berges einzuschmelzen. Oft reicht es, im richtigen Moment etwas Richtiges zu sagen. Oder von seinem Sitz aufzustehen.

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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