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Wie entscheide ich mich richtig?

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Sebastian Pioch hat im Career-Service einer Hochschule gearbeitet und ein Entscheidungs-Tool entwickelt. Im Interview erklärt er, wie du dich für den richtigen Beruf entscheidest.

ZEIT CAMPUS: Herr Pioch, Sie haben im Career-Service einer Hochschule Studenten beraten, eine Online-Entscheidungshilfe entwickelt und ein Buch darüber geschrieben, wie man einen Job findet, der zu einem passt. Darin sprechen Sie von einer "Orientierungsdepression" bei Studenten. Was heißt das?

Sebastian Pioch: Die meisten Studenten haben zwar eine ungefähre Vorstellung davon, in welche berufliche Richtung es gehen soll. Aber wenn der Abschluss naht, merken sie, dass da ein riesiges Feld wartet. Mit jedem Klick im Netz bieten sich drei neue Möglichkeiten. Das macht einen verrückt! Manche fallen dann in eine Art Schockstarre.

Haben es die Absolventen bestimmter Fächer besonders schwer?

Ja. Wer Brauwesen studiert, weiß, dass nur ein paar Firmen infrage kommen. Schwierig wird es, wenn das Studium breite Möglichkeiten bietet wie bei BWL, Psychologie oder Medienwissenschaften.

Wie orientiert man sich da?

Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass Entscheiden ein Prozess ist, der strukturiert ablaufen sollte – und auch dauert. Ein gutes Jahr sollte man sich schon Zeit nehmen.

Das ist aber lange!

Die Entscheidung für einen Beruf lässt sich eben nicht nebenbei treffen. Hier ein bisschen googeln und da mal auf eine Messe gehen – das funktioniert so nicht.

Was raten Sie stattdessen?

Die entscheidende Frage lautet: Wie stelle ich mir meinen Arbeitstag vor? Ob man sich wohlfühlt, hängt dabei nicht nur von den Arbeitsinhalten ab, sondern auch von Faktoren wie der Büro- und Unternehmensgröße, der Branche und vielem mehr. Natürlich muss man auch überlegen, was man gern macht. Märkte analysieren, Produkte verkaufen, sich mit Menschen austauschen? Das wissen die meisten aus Praktika und Projekten während des Studiums.

Und wenn nicht?

Dann hilft folgende Übung: Man liest über mehrere Wochen intensiv Zeitung und schneidet alle Themen aus, die man interessant findet. Daraus ergeben sich Themenfelder, zum Beispiel "Frankreich" und "Wissensvermittlung". Darüber lassen sich dann wieder mögliche Bereiche finden, etwa Bildungsträger, Stiftungen und Verlage.

Selbst wenn man den Bereich weiß, gibt es oft viele Möglichkeiten.

Genau. Deswegen empfehle ich, einmal einen fiktiven Arbeitstag für den Wunschberuf aufzuschreiben, ganz bewusst ohne Details wie Firmennamen.

Das sind doch nur Gedankenspiele. Was soll das bringen?

Erstens erarbeiten Sie sich so einen Entscheidungsmaßstab. Sie merken, welche Kriterien Ihnen wichtig sind. Zweitens haben Sie eine Grundlage, um wegzukommen von Mutmaßungen, Halbwissen und dem Hörensagen über die Inhalte von Jobs. Denn die nächste Frage lautet: Wer erlebt so einen Tag, wie ich ihn mir vorstelle, in den Feldern, die mich interessieren? Und: Kann ich ihn treffen?

Wahrscheinlich nicht, denn ich kenne diese Person ja gar nicht.

Aber Sie können sie finden. Bei der Suche können Dozenten helfen oder Freunde der Eltern oder der Chef aus dem letzten Praktikum. Hat man jemanden gefunden, kontaktiert man ihn per E-Mail oder bei Karrierenetzwerken wie Xing und bittet um einen Realitätscheck für seinen fiktiven Arbeitstag.

Das macht doch keiner!

Sie würden sich wundern. 40 bis 50 meiner Studenten haben diese Übung schon durchgespielt, und in 80 Prozent der Fälle kamen positive, hilfreiche Antworten.

Wie geht es dann weiter?

Sie stehen im Dialog, das ist schon mal gut. Und Sie erfahren, wenn Sie mit Ihren Annahmen über einen Beruf danebenliegen, und erhalten den einen oder anderen wertvollen Tipp und Anknüpfungspunkte, mit deren Hilfe Sie weiterrecherchieren können. Vielleicht ergibt sich sogar ein Kaffee in der Firmenkantine, ein Thema für die Abschlussarbeit oder die Möglichkeit zum "Job Shadowing". Dabei begleitet man die Person einen Tag lang. Leider ist das in Deutschland nicht sehr verbreitet, und gerade große Unternehmen sperren sich dagegen.

Was sollte am Ende dieses Prozesses stehen?

Letztlich geht es darum, ein Thema zu finden, das Sie interessiert und dessen Bearbeitung gleichzeitig nützlich für ein Unternehmen ist. Außerdem hilft es dabei, herauszufinden, was einem wichtig ist und Freude bereitet. So finden Sie ein Unternehmen, das zu Ihnen passt, anstatt sich anzupassen.

Sie haben ein Online-Entscheidungstool entwickelt. Kann man den Prozess damit abkürzen?

Das Tool nimmt niemandem die Entscheidung ab. Es strukturiert den Prozess, gibt Anregungen, verschafft Durchblick. Es ist aber der Nutzer, der seine unterschiedlichen Optionen nach verschiedenen Kriterien bewertet. Dann fragt die Software nach dem Bauchgefühl, und erst dann wird eine Bewertung erstellt.

Das Bauchgefühl fließt ein?

Ja, das ist ganz wichtig. Ob mit oder ohne Technik: Die beste Entscheidung entsteht, wenn man sich relevante Informationen beschafft, sich mit diesen auseinandersetzt – und dann auf den Bauch hört.

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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