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Ich habe abgeschrieben

Spicken Spickzettel Schummeln [Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Hariadhi - CC BY 2.5]

Quelle: Wikimedia Commons, Hariadhi - CC BY 2.5

Fast jeder macht es und fast keiner wird dabei erwischt: Eine neue Studie zeigt, wie an der Uni geschummelt, gespickt und kopiert wird – und warum es so schwer ist, das zu ändern.

Die letzte Hausarbeit, die Lisa*, 29, in ihrem Politikstudium abgab, hatte sie nicht mal gelesen – geschweige denn selbst geschrieben. Statt tagelang Literatur zu wälzen und an ihren Thesen zu feilen, hat Lisa ihren Laptop aufgeklappt, eine Internetseite aufgerufen und dort eine fertige Hausarbeit heruntergeladen. In der ging es zwar nicht, wie vorher mit ihrer Dozentin besprochen, um die deutsch-irischen, sondern stattdessen um die deutsch-britischen Beziehungen, aber egal: dicht genug.

"Ich war spät dran", sagt Lisa, "und es war klar, dass meine Dozentin die Arbeit nicht lesen würde. Jeder, der etwas bei ihr abgab, bekam am nächsten Tag eine 1,0. Ich dachte: easy!" In der Straßenbahn blätterte Lisa im Ausdruck. Und entdeckte, dass die Arbeit schon vor der Einführung des Euro geschrieben und damit hoffnungslos veraltet war. Abgegeben hat Lisa sie trotzdem. "Aber ich habe mich nicht getraut, am nächsten Tag nach dem Ergebnis zu fragen", sagt sie. "Es wäre zu peinlich gewesen, wenn ich erwischt worden wäre."

Heute studiert Lisa ein anderes Fach. Gerade wurde sie in einer Klausur beim Abschreiben erwischt, weil der Seminarordner auf ihrem Schoß etwas zu laut raschelte. "Ich wurde verwarnt und stehe jetzt auf einer schwarzen Liste", sagt Lisa. Bei der nächsten Klausur muss sie in der ersten Reihe sitzen, das ist ihre Strafe.

Gehört das Schummeln zum Studium dazu? Diese Frage lässt sich jetzt zum ersten Mal beantworten. Drei Jahre lang haben Bielefelder Soziologen im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erforscht, wie ehrlich an Unis in Deutschland studiert wird. Für die Fairuse-Studie haben sie mehrere Tausend Studenten anonym befragt: Haben Sie im letzten halben Jahr bewusst fremde Gedanken oder Textstellen als die eigenen ausgegeben? Wurden Sie erwischt? Die Wissenschaftler fragten nicht nur nach Plagiaten, sondern auch nach spicken, abschreiben und danach, wie oft bei Experimenten die Messergebnisse gefälscht wurden.

ZEIT CAMPUS hat die wichtigsten Zahlen vorab bekommen. Sie zeigen: Das Schummeln gehört an der Uni zum Alltag. Wer ganz brav studiert, ist in der Minderheit. Vier von fünf Befragten haben sich im Laufe eines Semesters zumindest eine Kleinigkeit zuschulden kommen lassen. Nicht gleich wie Lisa eine ganze Hausarbeit übernommen, aber doch gegen die Prüfungsordnung verstoßen. Die Hausarbeit aus dem Internet ist jedoch auch kein Einzelfall: Fast jeder fünfte der Befragten hat innerhalb eines Semesters mindestens einmal bewusst eine Arbeit abgegeben, die teilweise oder vollständig von anderen geschrieben worden war. Entdeckt wird fast niemand: Die Bielefelder Studie zeigt, dass 94 Prozent derjenigen, die ein Plagiat abgeben, nicht erwischt werden. Und rechtliche Konsequenzen gibt es ohnehin fast nie.

Etwas zu erschaffen, das noch nie da war, ist nahezu unmöglich. Deshalb ist es in meinem Studium ganz normal, dass man Vorbilder sucht und sich an einem bestimmten Stil orientiert. Ich schaue bei jeder neuen Aufgabe, was es zu dem Thema schon gab und was ich aufgreifen kann. Bestehendes nachzuarbeiten ist Teil des Lernprozesses.

Annika*, 24, Grafikdesign

Darf man das? Ist ein bisschen Schummeln in Ordnung? Oder ist jeder Spickzettel knallharter Betrug? Darüber wird angesichts dieser Studie wohl wieder gestritten werden. Aber anders als während der Guttenberg-Debatte und der Aufregung um weitere Promiplagiate gibt es diesmal detaillierte Zahlen darüber, wie es wirklich an den Unis aussieht. Zahlen, die Anlass geben, nach den Ursachen für das Schummeln zu fragen – Zahlen, mit denen sich einige gängige Behauptungen überprüfen lassen: Copy and Paste ist der neue Zeitgeist! In Karrierefächern wird am meisten geschummelt! Ein Plagiat kann jedem passieren! – Stimmt das wirklich?

1. Behauptung: In Karrierefächern wird am meisten geschummelt

Stimmt nicht. Die klassischen Karrierefächer Jura und BWL stehen sogar vergleichsweise gut da. Immerhin jeder vierte Student der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat sich laut der Studie gar nichts zuschulden kommen lassen; im Durchschnitt aller Fächer ist es nur jeder fünfte. Plagiiert wird nicht etwa besonders oft unter Juristen, wie die Promotionsskandale vermuten lassen, sondern unter Ingenieuren – fast jeder dritte gab in der Studie zu, die Texte anderer Autoren als seine eigenen ausgegeben zu haben. Bei den Sportwissenschaftlern war es jeder vierte, bei den Juristen jeder fünfte, unter Wirtschaftsstudenten sogar nur jeder zehnte.

Ich schreibe mir vor Klausuren immer einen Spickzettel. Meistens brauche ich den nicht. Aber wenn mir mal gar nichts einfällt, kan ich auf die Toilette gehen und einen Blick darauf werfen. Diese Sicherheit ist mir das schlechte Gewissen wert.

Sara*, 23, Lehramt

Ob und auf welche Weise geschummelt wird, hat viel mit der Art der Prüfungen zu tun. Wo vor allem Multiple-Choice-Tests eingesetzt werden, fällt das Abschauen leichter als in Klausuren mit komplexen Essayfragen. Und Messergebnisse fälschen können Natur- und Sozialwissenschaftler, aber nicht Philosophen oder Kunsthistoriker.

Deshalb sticht nicht ein einzelnes Schummelfach hervor. Anders als bei Plagiaten liegen die Ingenieure beim Abschreiben in Klausuren mit rund 30 Prozent etwas unter dem Durchschnitt. Aber fast 70 Prozent der Mediziner schauen zum Nachbarn. Kunststudenten wiederum lassen sich oft falsche Atteste ausstellen, um damit ihre Prüfungstermine zu verschieben.

Der Mythos vom karrieregeilen Schummler ist jedenfalls genau das – ein Mythos. Das gilt ganz unabhängig von allen Fächerklischees, zeigt die Studie: Wer nicht in erster Linie durch seine Liebe zum Fach motiviert wird, sondern durch gute Noten oder verbesserte Berufsaussichten, schummelt deswegen nicht häufiger. Wem aber die Motivation fehlt, wer oft aufschiebt oder Konzentrationsschwierigkeiten hat, der schummelt auch eher. Frauen schummeln übrigens ähnlich häufig wie Männer, aber etwas anders: Männer haben beim Plagiieren die Nase knapp vorn, Frauen schreiben dafür eher Spickzettel und mogeln in Klausuren.

2. Behauptung: Wer in Klausuren spickt, wird später zum Plagiator

Stimmt nicht. Denn längst nicht jeder Schummler ist zu allem bereit. So hat mehr als jeder dritte Befragte zugegeben, in einer Klausur abgeschaut zu haben, plagiiert hat aber nicht mal jeder fünfte. Viele nehmen manchmal Spickzettel mit (31 Prozent), aber nur manche benutzen sie dann auch (17 Prozent).

Zudem wird das Spicken, Plagiieren und Fälschen in höheren Semestern weniger: Im Schnitt wird im dritten Jahr an der Uni weniger geschummelt als im ersten und zweiten – und im vierten Jahr noch weniger. Nur falsche Atteste werden mit jedem Jahr etwas öfter benutzt.

Ich hatte in meinen beiden letzten Klausuren einen kleinen Computer dabei. Darauf war seitenweise Text gespeichert. Andere mussten unter dem Tisch heimlich in Aktenordnern blättern, ich hatte die digitale Volltextsuche. Das Ergebnis? Note: Sehr gut.

Sven*, 26, Film

Aber: Wer keine Angst davor hat, erwischt und bestraft zu werden, schummelt häufiger. "Viele Schummler bekommen keine Credit Points, wenn sie erwischt werden, aber auch keine Strafe" sagt Sebastian Sattler, der Leiter der Fairuse-Studie. "Das ist so, als würde man einem Bankräuber das Geld wegnehmen, das er geklaut hat, aber keine Gefängnisstrafe verhängen." Ginge es nach Sattler, müsste man Schummlern auch Credit Points früherer Seminare aberkennen, um sie auf diese Weise abzuschrecken.

Durch Bestrafung allein wird sich aber nicht viel verändern. Das Lernklima muss besser werden. Einer von fünf Studenten leidet stark unter Prüfungsangst, nur jeder hundertste ist angstfrei. Das könnte sich noch verschärfen, wenn permanent mit harten Strafen gedroht wird. Wer Angst vor Prüfungen hat, greift wiederum öfter zu unerlaubten Mitteln, zeigt die Fairuse-Studie.

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