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"Niemand kann ein Mammut allein essen"

Hände halten, Unterstüzung, Zusammen [Quelle: pixabay.com, Autor: Gerd Altmann]

Quelle: pixabay.com, Gerd Altmann

Der Philosoph Richard David Precht über Fairness und die Frage, warum auch die Marktwirtschaft ohne sie nicht funktioniert.

Wenn Sie an Wirtschaft denken, dann werden Sie denken: Wirtschaftliches Handeln kann man ganz einfach erklären: Das ist der Glaube an die Zukunft, das ist Fortschrittsdenken, und das ist die Verpflichtung zur Effizienz. Wir sollten allerdings nicht so tun, als ob das in der Menschheit schon immer so gewesen wäre. Wenn Sie in der Geschichte des Abendlandes zurückgehen, dann werden Sie sehen: Diese Definition von Wirtschaft ist gerade einmal zweihundert Jahre alt.

Es gab im Abendland über mehr als zwei Jahrtausende auch keine Ökonomen. In der Kulturgeschichte dominierte die Ansicht, das Entscheidende an der Wirtschaft wäre, dass sie sich nicht verändert. Das ökonomische Bemühen von Philosophen wie Platon und Aristoteles drehte sich darum, Wirtschaftssysteme auszutüfteln, die möglichst nicht von Veränderungen und nicht von Fortschritt abhängig sind. Auch im Mittelalter war das nicht anders. So meinte Thomas von Aquin, der Preis entstehe nicht am Markt, sondern werde von Gott festgelegt.

Über zweitausend Jahre war dies das vorherrschende Verständnis von Ökonomie. Ein Bauer in der Berliner Umgebung vor zweihundert Jahren und ein Bauer im alten Rom lebten ungefähr das gleiche Leben. Beide wurden nicht älter als 40 Jahre, hatten keine Altersvorsorge und eine schlechte medizinische Versorgung.

Dass Bauern und sehr viele andere Menschen bei uns heute anders leben, verdanken wir einer Veränderung des Denkens, das zwar schon aus der Renaissance stammt, aber erst vor etwa 200 Jahren überall in Europa seinen Siegeszug antrat: das Paradigma des Kosten-Nutzen-Kalküls, also das Effizienzdenken. Es bedeutet, vom Ende her zu denken und zu überlegen: Was springt dabei raus?

Wir leben heute in einer Welt, in der sich dieses Effizienzdenken immer weiter radikalisiert. Tatsächlich sind die letzten 200 Jahre – trotz sozialer Unruhen und schlimmster Kriege – eine beispiellose Erfolgsgeschichte, zumindest für den Westen. Die spannende Frage ist allerdings: Werden die nächsten 200 Jahre genauso segensreich sein? Fakt ist, dass immer mehr Menschen das Effizienzdenken internalisieren, dass sie bis ins Innerste ihres Bewusstseins hinein Kapitalisten ihrer selbst werden.

Selbst in solch zarten Bereichen wie der Liebe sind wir heute fast alle Kapitalisten. Wir investieren in unsere Partnerschaft. Wir wollen ein optisches und ökonomisches Äquivalent für unseren Marktwert. Wir halten 50 Prozent des genetischen Aktienbesitzes an unseren Kindern. Und wir ziehen schnell unser Risikokapital wieder ab, wenn es sich nicht mehr lohnt.

Natürlich kann man sagen: Wenn das Spiel gutgeht, spricht nichts dagegen, dass wir es so weiterspielen. Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass wir viel opfern. Denn richtig tiefe Befriedigung erwächst uns aus vielen Dingen, bei denen es eben nicht auf Markt-, sondern auf Sozialnormen ankommt.

Eine wichtige Sozialnorm ist die Fairness. Es hat Philosophen gegeben, die glaubten, der Mensch besäße einen angeborenen Sinn für Fairness. Das ist falsch! Der Mensch besitzt keinen angeborenen Sinn für Fairness. Aber er besitzt einen angeborenen Sinn für Unfairness, die ihm widerfährt.

Die spannendsten Forschungen zum Thema Fairness stammen nicht aus der Philosophie oder Ökonomie, sondern der Primatologie. Im Jahr 2002 machte der Primatenforscher Frans de Waal bahnbrechende Versuche mit Kapuzineraffen. Er hielt zwei Kapuzineraffen in einem Käfig, und dann wurden die Affen trainiert.

Die Forscher warfen Spielmarken in den Käfig, Jetons. Wenn die Affen die Spielmarken aufhoben und wieder herausreichten, bekamen sie eine Belohnung – entweder eine Gurke oder eine Weintraube. Aus der Sicht von Kapuzineraffen schmecken Gurken so "lala". Weintrauben schmecken großartig. In der Hoffnung, Trauben zu bekommen, machten sie sich eifrig an die Arbeit.

Dann aber trennten die Forscher die Affen, sie konnten einander sehen, aber zwischen ihnen war jetzt ein Gitter. Wenn der Affe in dem ersten Käfig seine Spielmarken herausreichte, bekam er nur noch Gurken. Und der im zweiten bekam ausschließlich Trauben. Was passierte?

Innerhalb kürzester Zeit stellte der Affe im ersten Käfig die Arbeit ein! Natürlich war er bereit gewesen, für Gurkenlohn zu arbeiten, aber doch nur unter der Voraussetzung, dass nicht jemand anderes für die genau gleiche Tätigkeit Weintrauben bekommt.

Dann wurden die Forscher noch fieser. Während der Affe in dem zweiten Käfig "gratis" mit Weintrauben gefüttert wurde, musste der Affe im ersten Käfig immer noch für Gurken arbeiten. Da fing der Affe im ersten Käfig an, mit den Jetons nach den Forschern zu werfen.

Das heißt: Es gibt einen angeborenen Sinn für Unfairness, die einem widerfährt, aber keinen Sinn für Fairness. Ein Sinn für Fairness wäre gewesen, wenn der Affe in dem zweiten Käfig die Hälfte der Weintrauben, die er umsonst bekommen hatte, an den Affen im ersten Käfig abgegeben hätte. So etwas nennt man soziale Marktwirtschaft.

Ich sehe da viele skeptische Gesichter. Viele mögen denken: "Sozialismus" – aber das stimmt nicht. Sozialismus ist, wenn es erst gar keine Weintrauben gibt.

Wenn wir als Kinder älter werden, lernen wir, dass Situationen, die andere als unfair empfinden, von uns an deren Stelle auch als unfair empfunden würden. Das heißt, Fairness-Empfindungen sind Empfindungen über den zweiten Bildungsweg. Zwar sind wir zur Fairness fähig, aber nur in Form einer Ableitung, weshalb unser Fairness-Empfinden auch nicht besonders stabil ist.

Jede Gesellschaft muss zu jeder Zeit die Balance zwischen Marktnormen und Sozialnormen neu austarieren. Und das ist eine große Herausforderung. So werden technische Veränderungen wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft im Hinblick auf alle erdenklichen Versorgungs- und Sicherheitssysteme karnevalisieren. Wenn wir darauf nicht schnellstens reagieren, kommen wir in gefährliche Zeiten.

Doch wenn Sie nun fragen, wie viele Leute arbeiten in der Regierung daran und entwickeln Konzepte zu all dem, was das digitale Zeitalter an Herausforderungen stellt – dann lautet die Antwort: zweieinhalb.

Sie können natürlich sagen, das ist auch gut, Wirtschaft soll nicht dirigistisch sein und wir brauchen keine Zehnjahrespläne. Aber bedenken Sie, dass es um einen Umbruch geht, der am ehesten mit der ersten industriellen Revolution vergleichbar ist. Wenn wir die Soziale Marktwirtschaft erhalten wollen, müssen wir uns fragen, inwieweit das Effizienzdenken die sozialen Normen verdrängen darf.

Fest steht: Viele Dinge sind uns wichtig, bei denen der Effizienzgedanke keine Rolle spielt, und die müssen wir verteidigen. "Das Digitalzeitalter ist wunderbar. Wir werden keine Küchen mehr brauchen, weil es billiger ist, sich mit einer Drohne das Essen einfliegen zu lassen", sagte mir kürzlich ein Topmanager. Dahinter steht die Vorstellung, dass es besser sei, von der lästigen Beschäftigung des Kochens befreit zu werden.

Als ich dann fragte, was wir dadurch gewinnen, sagte er: "Man gewinnt Zeit!" Aber Zeit wofür? Gibt es etwas Schöneres, als seine Zeit dafür zu nutzen, um mit anderen zusammen zu kochen? Um es allgemeiner auszudrücken: Die Soziobiologen, eine Zunft, die weit davon entfernt ist, irgendwelche Sentimentalitäten zu verbreiten, sagen: Kooperation und Gemeinsinn gibt es nicht deshalb, weil der Mensch gut ist. Sondern diese sozialen Normen sind entstanden, weil niemand alleine ein Mammut jagen kann.

Das mag sein. Aber ich sehe darin noch eine zweite Pointe, und die ist viel wichtiger. Man konnte vielleicht nicht alleine ein Mammut jagen, aber man kann ein Mammut auch nicht alleine aufessen. Und genau das ist der Grund, warum das Essen in Geselligkeit bis heute mehr Spaß macht als allein. Die Normen des Marktes sind nicht eigentlicher und schon gar nicht menschlicher als die des Sozialen – wir sollten dies nie vergessen!

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