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Noch immer schwarz auf weiß

Interdisziplinär lernen [© zagandesign - Fotolia.com]

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Online studieren heißt hierzulande oft: Texte herunterladen. Dabei ist viel mehr möglich.

Die aufsteigenden Reihen eines typischen Hörsaals, Studenten, die in einem Seminarraum diskutieren, gemeinsam in Werkstätten tüfteln oder in der Bibliothek Literatur suchen: Der Werbefilm der Jade Hochschule ganz im Norden der Republik zeigt zum Großteil das, was die meisten Menschen von einem klassischen Studium erwarten.

Dabei ist das Video ein "Imagefilm der Online-Studiengänge" der niedersächsischen Fachhochschule, die zum Verbund Virtuelle Fachhochschule gehört.

Die knapp vier Minuten haben Symbolcharakter. Denn viele Hochschulen schöpfen die Möglichkeiten, die das Internet zum Lernen bietet, hierzulande nicht aus. Ottmar Schneck, der künftig die private SRH Fernhochschule Riedlingen mit 3.200 Studenten leitet, sagt: "Onlinestudium in Deutschland bedeutet oft noch digitalisiertes Papier, da schließe ich uns gar nicht aus. Viele arbeiten noch mit Lernheften und Studienbriefen, die man heutzutage auf dem Tablet oder PC herunterladen kann, statt sie aus dem Briefkasten zu fischen."

Seit Jahren hinkt Deutschland beim Thema Lernen im Netz hinterher. "Während wir in Deutschland noch darüber reden, ob wir überhaupt ein Onlinestudium anbieten, ist die Welt schon viel weiter", sagt Julia Sander, die für digitale Angebote zuständige Vorständin beim Hochschulbetreiber Cognos. Warum das so ist? "Weil die Technologie wahnsinnig teuer ist", begründet Wirtschaftsprofessor Schneck. Umso aufmerksamer hat so mancher Hochschulchef die Übernahme der privaten Internationalen Hochschule Bad Honnef – Bonn (IUBH) verfolgt, die zuletzt stark in Onlineprogramme investiert hat. Käufer ist der US-Bildungskonzern Apollo Education, Eigentümer der University of Phoenix, einem der größten Anbieter von Onlinestudiengängen in den USA.

Auch wenn die Uni seit Jahren massive Probleme hat, kommt mit dem Konzern ein starker Konkurrent ins Land. "Der Einstieg von Apollo in Deutschland sollte uns alle wachsam machen, die könnten den Markt ordentlich aufrütteln", sagt Julia Sander. "Technisch sind die uns teilweise weit voraus. Aber wenn man sich das Geschäftsmodell der University of Phoenix anschaut, ist offensichtlich, dass hier weniger die wissenschaftliche Qualität im Mittelpunkt steht, sondern sehr hohe Studierendenzahlen und entsprechende Renditen."

Marktführer fürs Fernlernen ist hierzulande noch immer die staatliche Fernuniversität Hagen mit aktuell rund 75.000 Studenten. Zwar können die sich heute auf einer Onlineplattform einloggen, die Studientexte herunterladen, hier und da Videos anschauen, Übungen bearbeiten, sich mit anderen Studenten austauschen oder auch an Onlineseminaren teilnehmen. Doch die Angebote variieren von Fach zu Fach.

Und damit ist die Fernuni nicht allein. "Es gibt einige wenige deutsche Hochschulen, die Konzepte entwickelt haben. Aber die beinhalten nie verpflichtende Vorgaben für die Dozenten", sagt Ulf-Daniel Ehlers, Professor für Bildungsmanagement an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Auch private Hochschulen mit vier- bis fünfstelligen Studiengebühren haben sich aufs Fernlernen spezialisiert und selbst Präsenzhochschulen steigen in den Markt ein. "Private Hochschulen haben zum Teile viel in die Entwicklung guter Medien investiert. Im Moment geht es in Richtung Film", sagt Ehlers. Die Hamburger Fern-Hochschule etwa hat Onlinestudiengänge entwickelt, die auf Hörfilmen mit Grafiken und Animationen beruhen und interaktive Aufgaben beinhalten.

Doch Lesen wird an vielen Hochschulen ein wichtiger Teil des Onlinestudiums bleiben. "Die Studenten werden sich auch weiterhin durch viele Texte quälen müssen, denn Studieren ist kein Entertainment nur mit Filmen", meint der künftige Hochschulchef Schneck. Aber man könne die Texte mit Videos, Spielen oder Quizfragen abwechslungsreicher gestalten. "Die junge Generation will ja häufig alle zehn Minuten ein Gimmick, um am Ball zu bleiben."

In Riedlingen heißen die Lernmaterialien noch Studienbriefe, es gibt sie auf einer Internetplattform als PDFs oder E-Books. Hinzu kommen Links zu Erklärvideos auf Youtube oder von Dozenten gesprochene Podcasts, deren Spannungsfaktor variiert. Dass Studenten ihr Studium online organisieren können, ist wie bei vielen anderen Hochschulen ebenso selbstverständlich.

Viel Geld in die Entwicklung hat auch die Fresenius-Hochschule gesteckt, die erst seit April dieses Jahres Onlinestudiengänge anbietet. Basis sind Lernbriefe in einem bunteren Magazinstil mit Videos, Quizfragen und Zwischentests. "Das Material muss heute abwechslungsreich sein, alle Sinne ansprechen und einen Bezug zur Lebensrealität der Studierenden haben", sagt Digitalchefin Sander, die meisten Studenten werden zwischen 25 und 35 Jahre alt sein. Inhaltlich unterscheidet sich das Material kaum von denen anderer Hochschulen. Anders aufgebaut ist tatsächlich die Lernplattform, die dem sozialen Netzwerk Facebook ähnelt.

Ein Tutor, Studycoach genannt, soll die Studenten durchs Studium begleiten – und erinnert auch schon mal ans Lernen. Denn online lässt sich genau nachvollziehen, wie oft sich jemand eingeloggt, welche Module er schon bearbeitet und wo er Probleme hat. "Learning Analytics" nennt sich die Datenanalyse. Auf der Plattform gibt es eine Unterseite, auf der die Studenten ihren eigenen Fortschritt sehen. Ein kontinuierliches Monitoring helfe gerade jenen erfolgreich zu studieren, die nicht ständig an der Hochschule seien, erklärt Sander.

Viele staatliche Hochschulen trauen sich wegen Bedenken zum Datenschutz noch nicht an das Thema heran. "Wir machen nichts gegen den Willen der Studierenden", stellt Cognos-Digitalchefin Sander klar, Daten etwa an potenzielle Arbeitgeber weiterzugeben, sei "völlig indiskutabel".

Zudem zeigt sich: Ohne persönlichen Kontakt halten viele das Studium im Netz – neben Beruf und Familie – offenbar nicht durch. Daher beinhalten viele Studiengänge neben virtuellen Seminaren auch Präsenzkurse. Ein reines Onlinestudium werde es bei ihnen eher nicht geben, sagt Sander. "Es ist auch wichtig, in der realen Welt zusammenzukommen." Wie viel gemeinsames Lernen vor Ort nötig ist, hänge vom Fach ab, meinen die Experten. "30 Prozent Präsenz, 70 Prozent online – das scheint für viele Fächer eine ideale Kombination zu sein", erklärt Ottmar Schneck.

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