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Im Master nur Englisch?

Englisch lernen an der Uni [Quelle: Pixabay.com, Autor: geralt]

Quelle: Pixabay.com, geralt

Seit dem Vorstoß der TU München beraten Professoren, in welcher Sprache sie unterrichten sollen.

Dass Cameron Tropea als Kanadier einmal die deutsche Sprache verteidigen würde, hätte er sich so sicher auch nicht vorgestellt. Seit mehr als 35 Jahren lebt der Professor für Strömungslehre und Aerodynamik der Technischen Universität (TU) Darmstadt hier, sein Deutsch ist sehr gut, mit leichtem Akzent. Er plädiert dafür, die Maschinenbau- Studenten überwiegend auf Deutsch zu unterrichten. "Der Maschinenbau in Deutschland kann eines nicht leugnen: Er ist top-international", sagt der 60-Jährige. Das liege auch an kulturellen Faktoren, Deutsche erwarteten, dass Dinge funktionierten und dass die Qualität stimme. "Ingenieure lernen mit dieser kulturellen Erwartung ihr Fach." Kann man das im Hörsaal auch auf Englisch übermitteln? "Ganz sicher nicht."

Tropea und seine Kollegen diskutieren immer mal wieder, ob sie das Ingenieurstudium nicht komplett auf Englisch anbieten sollten – sie haben schließlich etliche Studenten aus dem Ausland. Bisher gibt es einzelne Kurse in der Fremdsprache. Im vergangenen Jahr ist die Debatte noch einmal intensiver geworden, im Sommer war Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München (TUM), vorgeprescht. 2020, verkündete er, werde in den Masterstudiengängen der TU nur noch auf Englisch unterrichtet. Ausnahmen sind die Master für angehende Lehrer und Ärzte, und auch der Bachelor bleibt, wie er ist. Für die einen ist das eine unabdingbare Internationalisierungsstrategie, für die anderen das Ende der Wissenschaftssprache Deutsch. Selbst innerhalb der TUM ist es umstritten.

Etwa jeder zehnte Master-Studiengang wird heute hierzulande auf Englisch angeboten. Ein umfangreiches Angebot gibt es bisher an einigen großen staatlichen Universitäten und den Wirtschaftshochschulen. Eine Ausnahme unter den Fachhochschulen (FH) ist die Hochschule Rhein-Waal in Nordrhein-Westfalen, die nach eigenen Angaben 85 Prozent aller Studiengänge auf Englisch anbietet.

Die TUM will das im Master übertreffen. "Ziel ist es, unsere Studiengänge für internationale Studenten zu öffnen", sagt TUM-Vizepräsident Gerhard Müller. "Wir können nicht erwarten, dass sie zur Bewerbung ausreichend Deutsch sprechen. Für nationale Studenten ist das eine unkomplizierte Art, sich auf internationale Tätigkeiten vorzubereiten." Cameron Tropea ist skeptisch: "Ob wir mit unseren englischsprachigen Vorlesungen ihr schon gutes Sprachniveau erheblich steigern können, ist fraglich." Zudem hat er den Eindruck, dass ausländische Studenten Deutsch lernen wollen, englischsprachige Studiengänge aber die Chancen und Motivation dazu senken würden. Ohne Deutschkenntnisse ist selbst der Jobeinstieg bei internationalen Konzernen hierzulande schwierig. TUM-Vizepräsident Müller argumentiert: "Die deutsche Sprache soll nicht an der Pforte der Universität abgelegt werden."

Jeder fünfte der rund 500.000 Erstsemester an den deutschen Hochschulen kommt heute aus dem Ausland. Und es sollen mehr werden. "Wenn die Wirtschaft so weiterläuft, werden wir den Bedarf an Ingenieuren oder Naturwissenschaftlern nicht mit der zu erwartenden Absolventenzahl decken können", sagt Müller. Diese gesamtgesellschaftliche Dimension komme ihm in der Diskussion zu kurz.

Unterstützung bekommen die Münchener aus Berlin. Zumindest in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, plädiert Hans-Ulrich Heiß, Vizepräsident der TU Berlin, für englischsprachige Masterstudiengänge. Auf einer Tagung sagte er im November: Sich in den Ingenieurwissenschaften an die deutsche Sprache zu klammern führe in die "provinzielle Bedeutungslosigkeit". Deutsch als Wissenschaftssprache? Der Zug sei in den MINT-Fächern abgefahren.

Das sieht man nicht an allen technischen Unis so, die sich mit München und Berlin zum Verbund TU9 zusammengeschlossen haben. "Wir operieren mit Wörtern, die es im Englischen nicht gibt. Wirkzusammenhang etwa", sagt Manfred Hampe, Professor an der TU Darmstadt. Sein Credo: Zweigleisig fahren, Kurse auf Deutsch und auf Englisch. "Die TU9-Universitäten werden, vielleicht mit Ausnahme von München und Berlin, in den klassischen Ingenieurstudiengängen wohl bei einem Mix aus Deutsch und Englisch bleiben."

Vermutlich ist das nicht nur im Kleinen der Kompromiss, auf den es hinausläuft: Für Bernd Huber, den Präsidenten der anderen großen Münchener Universität, der LMU, ist das der Weg. In den Naturwissenschaften kann auch er sich die Lehre auf Englisch vorstellen. In Germanistik oder Jura aber komme sie "überhaupt nicht infrage". Ähnliches ist auch vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) zu hören. Dessen Ziel ist ja nicht nur der internationale Austausch, sondern auch, Deutsch als Wissenschaftssprache zu erhalten. Diese beiden Ziele ließen sich im Einzelfall unterschiedlich gewichten, sagt DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel.

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