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Mühelos zu guten Noten?

Deutsche Telekom Interview Duales Studium (Autor: Picture-Factory, Quelle: Fotolia.com)

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Experten streiten über die Qualität der Abiturprüfung: Kritiker halten viele Aufgaben für zu leicht.

Die Sache mit den Streifenhörnchen schien die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Wie verändert sich die Population des Nagers in den nordamerikanischen Wäldern, wenn das Futter knapper und die Parasiten zahlreicher werden? So lautete eine Aufgabe für das Zentralabitur, die in nordrhein-westfälischen Biologie-Leistungskursen gestellt wurde.

Vier Seiten umfasste sie, inklusive Schaubild. Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Uni Frankfurt (Main), legte die Abiturprüfung einer neunten Klasse vor. Und siehe da: 23 der 27 Schüler bestanden sie aus dem Stand. Einer von ihnen hätte sogar mit der Note "sehr gut" abgeschlossen.

Dabei sollte die Aufgabe eigentlich Beinahe-Studenten herausfordern. An der Streifenhörnchenfrage entzündete sich vor vier Jahren ein Streit über den Zustand des deutschen Bildungssystems, der bis heute anhält. Es geht darum, was Schüler wirklich können müssen: In Zusammenhängen denken oder Wissen sammeln – so lautet im Kern die Frage. Und während Klein und seine Mitstreiter stetig sinkende Anforderungen diagnostizieren, werfen ihre Gegner ihnen methodische Fehler und falsche Schlussfolgerungen vor.

Kompetenzorientierung heißt das Fachwort für das, worum es in dem Konflikt geht. Es ist das neue Leitbild der schulischen Bildung in Deutschland. Klein zieht aus seinem Experiment einen radikalen Schluss: In der Schule reiche es heute aus, Aufgabentexte genau zu lesen, um die Antwort zu finden. Wissen dagegen werde kaum noch abgeprüft. Mit paradoxen Folgen: "Gerade die sehr guten Schüler haben teils erhebliche Probleme, weil sie Schwierigkeiten in den Aufgaben suchen, die es gar nicht gibt."

Die Befürworter der Kompetenzorientierung dagegen kritisieren die Untersuchungen. "Herr Klein pickt sich eine einzelne Aufgabe heraus und behauptet dann: So ist das Abitur. Empirisch wissen wir aber sehr wenig", sagt Olaf Köller, Erziehungswissenschaftler an der Uni Kiel. Sind die Aufgaben tatsächlich einfacher? Und falls ja, bedeutet das, dass auch die Schüler weniger können als früher? Systematische Untersuchungen für die Oberstufe fehlen, moniert Köller. 

Klein ziehe zudem die falschen Schlüsse: Natürlich gebe es Abituraufgaben, die zu einfach sind. "Das ist aber kein Problem der Kompetenzorientierung, sondern eines der Aufgaben", sagt Köller. "Sie können schließlich auch sehr leichte Fachwissensaufgaben stellen." 

Besonders scharf haben Klein und seine Mitstreiter in diesem Jahr das Hamburger Mathematikabitur infrage gestellt. Sie verglichen Aufgaben aus den Jahren 2013, 2011 und 2005 miteinander. "Statt mit mathematischen Problemen müssen die Abiturienten mit Formulierungsproblemen kämpfen", schreiben sie in ihrem Beitrag für die Zeitschrift der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. "Sie müssen umfangreiche, relativ schwerverständliche und nicht immer eindeutige Texte in Mathematik umsetzen, die dann selbst gar nicht mehr schwierig ist."

Das Niveau sinke von Jahr zu Jahr. In den Medien wurde die Generalabrechnung gerne aufgegriffen. Doch wie belastbar ist die Untersuchung? Gabriele Kaiser, Mathematikprofessorin in Hamburg, hat in einer Erwiderung deutliche Worte gewählt. Sie spricht von einer "peinlichen Studie". An keiner Stelle würden die Autoren ihre Auswahl der analysierten Aufgaben begründen: "Natürlich gibt es immer Prüfungsaufgaben, die nicht gut gemacht sind. Aber Klein und seine Kollegen lassen völlig offen, wie repräsentativ die von ihnen gewählten Aufgaben überhaupt sind", sagt Kaiser.

Sie kenne keine empirische Untersuchung, die nachweisen, dass das Abitur einfacher geworden sei – und erst recht keine, die die Kompetenzorientierung als Ursache für einen Verfall ausmache.

Kaiser wirft den Kompetenzkritikern vor, auf sehr schwacher Datenbasis für ein "rückwärtsgewandtes Verständnis von Mathematik" zu streiten: "Die Aufgaben mögen vielleicht technisch leichter geworden sein. Aber sie verlangen viel mehr Verständnis." Die Schüler müssten ein Problem begreifen und in die Sprache der Mathematik übertragen. "Nur so hat Mathematik überhaupt einen Sinn."

Als Verfechter der alten Pauk-Schule will sich Klein jedoch nicht verstanden wissen. Nicht das neue Ideal sei das Problem, sondern seine ausufernde Umsetzung, sagt er: "Man hätte die Kompetenzorientierung sinnvoll einführen können, wenn man der Vorgabe gefolgt wäre, dass Kompetenzen immer an Inhalten gewonnen werden."

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