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"Wir müssen kreativ sein"

Work-Life-Balance [© fotomek - Fotolia.com]

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Der Bosch-Personalchef spricht mit Martin Buchenau und Stefani Hergert über die Freiheit, zu arbeiten, wann und wo man will, E-Mails im Urlaub und Ideen beim Joggen.

Boschs Personalchef Christoph Kübel wollte das Gespräch lieber am Standort Stuttgart- Feuerbach als in der Konzernzentrale in Gerlingen führen – auch, um zu zeigen, wie die neue Arbeitswelt beim Technikkonzern funktioniert. Stolz führt er durch die interne IT-Beratung, in der die Mitarbeiter keine festen Arbeitsplätze mehr haben, sondern sich morgens an einem freien Schreibtisch mit ihrem Laptop ins System einloggen. In kleinen, persönlichen Schließfächern lagern sie ihre Unterlagen, Rollcontainer gibt es dort nicht mehr. Und im Durchschnitt, so wird beim Rundgang klar, auf dem Kübel einige Mitarbeiter anspricht, arbeiten viele etwa einen Tag in der Woche von zu Hause.

Herr Kübel, wir führen dieses Gespräch an einem Freitagvormittag in Ihrem IT-Zentrum – und fast niemand ist hier. Läuft es bei Bosch jetzt so gut, dass kaum jemand noch arbeiten muss?

Ist so ein Denkmuster nicht überholt? Wir arbeiten schon seit langem daran, die Präsenzkultur mit starrer Anwesenheit durch eine flexible, stärker auf das Ergebnis orientierte Kultur abzulösen. Wir sind überzeugt, dass unsere Beschäftigten durch flexiblere Arbeitsmodelle zufriedener und damit kreativer sind. Gute Ideen kommen nun einmal nicht auf Knopfdruck, sondern manchmal auch beim Joggen oder beim Arbeiten auf der Terrasse.

Klingt in der Theorie gut. Nur wie wollen Sie als Arbeitgeber noch kontrollieren, was Arbeit und was Freizeit ist?

Wir wollen unsere Mitarbeiter stärker dabei unterstützen, Privates und Berufliches unter einen Hut zu bringen. Deshalb bauen wir unsere flexible Arbeitskultur weiter aus. Wir haben gerade eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, die das mobile Arbeiten vereinfacht und besser regelt. In der steht, dass unsere Mitarbeiter frei entscheiden können, wann und wo sie arbeiten, sofern es die Aufgabe zulässt und keine betrieblichen Gründe dagegensprechen. Damit ist die Zeit der Einzelfalllösungen vorbei.

Was sind denn betriebliche Gründe?

Feste Meetings an bestimmten Tagen zum Beispiel oder Kundentermine. Der wesentliche Punkt ist aber, dass die Mitarbeiter jetzt einmal mit ihrem Vorgesetzten grundsätzlich vereinbaren, wann und wie sie flexibel arbeiten, statt jedes Mal erklären zu müssen, warum sie nun zuhause am Computer sitzen. Wenn sie wollen, können sie sich am Nachmittag etwa um die Kinder oder ihr Hobby kümmern und die Arbeit am Abend nachholen. Die IG Metall hat zugestimmt, dass in solchen Fällen auch keine Zuschläge zu zahlen sind.

Die Beschäftigten am Band haben also nichts von der neuen Freiheit.

Flexible Arbeitsmodelle sind in der Fertigung natürlich nur begrenzt möglich. Wir probieren aber auch in der Produktion schon einiges aus. Es gibt beispielsweise in einigen Werken sogenannte Familienschichten, die erst um acht Uhr beginnen. Vermehrt teilen sich zwei Mitarbeiter eine Stelle. Und wir testen den Einsatz von Springern. Diese Mitarbeiter springen ein, wenn ein Mitarbeiter dringend etwas Privates erledigen und dafür einen halben oder ganzen Tag freinehmen muss.

Es gibt Kritiker, die sagen, mit den teuren, flexiblen Arbeitszeitmodellen könnten die deutschen Firmen langfristig nicht mit den asiatischen mithalten.

Unsere Leitlinien für eine flexible Arbeitskultur gelten weltweit, also auch in China. Wir sind fest davon überzeugt, dass der Dreiklang aus Ergebnisorientierung, Flexibilität und Wertschätzung die Mitarbeiter zufriedener und das Unternehmen erfolgreicher macht.

Was genau bedeutet Wertschätzung?

Familiäres und berufliches Engagement ist uns gleichermaßen wichtig. Seit eineinhalb Jahren erkennen wir deshalb eine Auszeit für die Kindererziehung oder die Pflege eines Angehörigen als einen von fünf Karrierebausteinen an, die unsere Führungskräfte brauchen, wenn sie weiter aufsteigen möchten. Diese soziale Erfahrung setzen wir etwa mit einem Auslandsaufenthalt gleich.

Sie waren damit die ersten in der deutschen Industrie. Gibt es Nachahmer?

Viele Unternehmen schauen sich das bei uns an. Übernommen hat es meines Wissens noch niemand.

Vielleicht, weil Sie über das Ziel hinausgeschossen sind?

Das glaube ich nicht. Auf dem Karriereweg sollte jeder mal den Fuß vom Gas nehmen können, um dann später wieder durchzustarten. Diese Botschaft kommt auch bei den Vätern im Unternehmen an: 74 Prozent unserer Mitarbeiter, die Elternzeit nehmen, sind Männer. Vor wenigen Jahren waren es erst 30 Prozent.

Bosch ist aber kein Wohltätigkeitsverein.

Natürlich nicht. Aber zufriedene Mitarbeiter sehen wir als Wettbewerbsvorteil. Deshalb haben wir eine weitere Betriebsvereinbarung abgeschlossen, die die Nutzung der Computer und Smartphones auch für private Dinge erlaubt, etwa, um in der Mittagspause eine Reise zu buchen.

Nur in der Mittagspause?

Wenn es nicht zu lange dauert, kann es auch während der Arbeitszeit sein.

Warum ist das Thema Vereinbarkeit so wichtig?

Einerseits, um innovativ sein zu können, andererseits, weil wir ein attraktiver Arbeitgeber bleiben wollen. Wir bekommen jährlich allein in Deutschland mehr als 200.000 Bewerbungen, davon 20.000 für unsere Ausbildungsplätze. Wir können unsere freien Stellen also noch besetzen. 40 Prozent der Industrieunternehmen aber können das schon nicht mehr – denn der Wettbewerb um die besten Köpfe nimmt zu. Zumal gerade die Generation Y ...

... die Generation der Anfang 20- bis Anfang 30-Jährigen ...

... zwar Leistung erbringen will, aber das so flexibel wie möglich.

Mit der Flexibilität könnte aber auch die Belastung steigen. Wer am Samstag E-Mails beantworten darf, fühlt sich vielleicht dazu verpflichtet.

Die Belastung soll und darf nicht steigen. Wir setzen nicht voraus, dass unsere Mitarbeiter in der Freizeit erreichbar sind. Jede Führungskraft muss weiterhin im Auge haben, wie sie die Aufgaben auf ihre Mitarbeiter verteilt. Flexibles Arbeiten ist ein Angebot an die Mitarbeiter, keine Pflicht. Viele wollen auch ganz klassisch während der gewohnten Zeiten im Büro arbeiten.

Einige Konzerne unterbinden den E-Mail-Verkehr am Wochenende oder geben Mitarbeitern die Möglichkeit, E-Mails während ihres Urlaubs löschen zu lassen. Plant Bosch Ähnliches?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir wollen die Selbstbestimmung stärken und den Mitarbeitern gerade nicht vorschreiben, dass sie nur zwischen 8 und 18 Uhr Mails beantworten dürfen. Gerade Väter oder Mütter mit kleinen Kindern bearbeiten gern am Abend noch E-Mails und haben dafür lieber am Nachmittag Zeit für die Familie. Sie würden wir damit benachteiligen. Während des Urlaubs gilt eine klare Vertreterregelung, zudem wird immer mehr über unsere interne Onlineplattform Bosch Connect gearbeitet. Wo sie genutzt wird, ist die Zahl der E-Mails teils um bis zu 30 Prozent gesunken.

Boschs Betriebsratschef sprach in einem Interview davon, dass größere Personalkostensenkungen im Raum stehen.Wie verträgt sich das mit Ihren Plänen zur flexiblen Arbeitskultur?

Die europäische Automobilindustrie könnte 20 Millionen Fahrzeuge bauen, produziert aber aktuell nur 16 Millionen Stück. Diese Situation ist auch für uns eine Herausforderung. Unser Ziel ist es, die Zahl der Mitarbeiter stabil zu halten. Damit das gelingt müssen wir kreativ sein.

Was heißt das?

Nehmen Sie das betriebliche Vorschlagswesen. Unser Werk in Ansbach hat 2013 dank der Ideen der Mitarbeiter mehr als fünf Millionen Euro eingespart.

Reicht das, um die Kosten zu senken?

Es hilft, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Alle Standorte müssen dauerhaft an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten. Die Personalkosten zu reduzieren kann ein Element davon sein.

Also doch wie andere Konzerne in Richtung Festanstellung als Auslaufmodell?

Nein, im Gegenteil. Weniger als ein Prozent unserer Mitarbeiter beschäftigen wir über Zeitarbeit. Auch Werkverträge sind für uns kein Instrument, um Personalkosten zu senken. Wir werden 2014 weltweit 9.000 Mitarbeiter einstellen und neue Arbeitsplätze etwa in der Forschung und Entwicklung schaffen. Unsere Mitarbeiter sind Bosch sehr verbunden. Und das soll auch so bleiben.

Herr Kübel, vielen Dank für das Interview.  

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