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Die Angst, kalt erwischt zu werden

Mann Krawatte Jura [Quelle: Craig Adderley, pexels.com]

Quelle: Craig Adderley, pexels.com

Vom Dozenten befragt werden, auch wenn man sich nicht gemeldet hat: In den USA ist sokratischer Unterricht in den Rechtswissenschaften etabliert. 

Bis Ende März hatten die großen amerikanischen Law Schools weitestgehend einheitlich auf den Ausbruch der Corona-Pandemie reagiert: Der Vorlesungsbetrieb wurde in die virtuelle Welt verlagert, Fakultätsgebäude und mancherorts auch Wohnheime geschlossen und die Abschlussfeiern abgesagt. Nach Ende der Vorlesungszeit fanden die Klausuren online statt, anstelle klassischer Noten erscheint auf den Zeugnissen dieses Semester nun nur ein Hinweis darauf, ob ein Student einen Kurs bestanden hat oder nicht.

Den Berichten vieler Universitäten zufolge gelang der Übergang zur virtuellen Lehre relativ geräuschlos – was ich persönlich für die Universität Michigan, an deren LL.M.-Programm ich im nun zu Ende gegangenen Studienjahr teilgenommen habe, bestätigen kann. Nach Einschätzungen zahlreicher Professoren ist sogar die sokratische Methode, die berühmt-berüchtigte Unterrichtsform an amerikanischen Rechtsfakultäten, im virtuellen Hörsaal anwendbar. Die Harvard-Professorin Jeannie Suk Gersen argumentierte kürzlich im "New Yorker", die Methode sei online sogar weniger einschüchternd als in der realen Welt. Anders dagegen klingt die Einschätzung einer amerikanischen Jurastudentin: "The Socratic method apparently cannot be killed by the coronavirus."

Was hat es damit auf sich?

Von Athen nach Harvard

Nach amerikanischem Verständnis ist sokratischer Unterricht das Gegenstück zur klassischen Vorlesung. Der Kursstoff wird im Zusammenspiel von Fragen des Professors und Antworten der Studenten erarbeitet. Ob im Hörsaal oder auf Zoom: Professoren richten ihre Fragen im sokratischen Unterricht gezielt an einen bestimmten Kursteilnehmer – unabhängig davon, ob dieser seine Antwortbereitschaft zum Ausdruck gebracht hat. In den im Vergleich zu Deutschland durchgängig sehr kleinen Klassen bleibt es nicht aus, durch einen solchen "cold call", wie ihn die Law-School-Studenten nennen, kalt erwischt zu werden.

Die Unterrichtsform ist nach Sokrates benannt, weil dieser – laut Platon – in Gesprächen vorrangig Fragen stellte. Der Gesprächspartner sollte nicht belehrt, sondern durch gezielte Fragestellungen zu neuen Einsichten geführt werden. Ob die Methode auf den historischen Sokrates zurückgeht oder ihm von Platon zugeschrieben wurde, kann nicht eindeutig bestimmt werden.

Ihren Weg an amerikanische Rechtsfakultäten fand die Methode durch Christopher Columbus Langdell, von 1870 bis 1895 Dekan der Juristenfakultät in Harvard. Unter Langdell veränderte sich das Jurastudium in Harvard grundlegend: Statt theoretischer Abhandlungen sollten reale Fälle im Vordergrund der Lehrveranstaltungen stehen – weg von der abstrakten Regel hin zum konkreten Fall. So brachte Langdell die Fallmethode, in England bereits jahrhundertelang in der Juristenausbildung an den Inns of Court praktiziert, in den Hörsaal und die universitäre Juristenausbildung. Und die Fallbesprechung sollte sokratisch erfolgen, Professoren sich auf Fragen an die Kommilitonen beschränken: Was ist geschehen? Wie argumentiert das Gericht? Ist die Argumentation überzeugend? Und warum (nicht)?

Ohne Vorbereitung geht nichts

Durch ihre Antworten rückten die Kursteilnehmer in den Mittelpunkt der Lehrveranstaltung. Diese Verschiebung veränderte auch die Unterrichtsvorbereitung: Von den Studenten wurde erwartet, die für die Vorlesung relevanten Fälle zu lesen. Das Lesepensum konnte immens sein. Noch heute beklagen sich Jurastudenten in den Staaten gerne über zu lange "readings".

Langdells Ansatz war - nach anfänglichem Widerstand - sehr erfolgreich. Nach und nach folgten ihm seine Kollegen in Harvard, und schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Fall- und sokratische Methode vorherrschende Unterrichtsgestaltung an amerikanischen Rechtsfakultäten. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde die sokratische Methode sogar als prägendes Element der amerikanischen Juristenausbildung bezeichnet.

Damals wie heute weisen Befürworter der Methode darauf hin, dass sokratischer Unterricht Studenten beibringe, wie ein Jurist zu denken, also Argumente auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen und den Kern eines Problems zu identifizieren. Dass sie früh lernen, frei vor einer großen Gruppe – bzw. derzeit: vor einer großen virtuellen Audienz – zu sprechen, gilt als ideale Vorbereitung auf das juristische Berufsleben. Die berüchtigten cold calls, die zwar nicht notwendigerweise, in den Staaten aber traditionell mit der sokratischen Methode verknüpft sind, helfen den Studenten außerdem, spontan und unter Druck zu argumentieren, so die Befürworter.

Der cold call im Film

Doch unumstritten war die Herangehensweise nie, und in den vergangenen Jahrzehnten wurde Kritik am sokratischen Unterricht insbesondere aus Angst vor cold calls immer lauter. Sehr anschaulich: Der amerikanische Spielfilm "Zeit der Prüfungen" (The Paper Chase) aus dem Jahr 1973. In seiner ersten Vorlesung in Harvard erwartet Erstsemester James eine Einführungsstunde, doch der gefürchtete Professor Kingsfield befragt ihn sogleich zum ersten Fall. Gedemütigt erbricht sich James nach Vorlesungsende.

Der Film wurde für seine Realitätstreue gelobt – aber auch als überspitzt kritisiert. So oder so: Dass Studenten wie in "Zeit der Prüfungen" in die Enge gedrängt werden, passiert heute kaum noch. Im Gegenteil, die Dozenten versuchen eine angstfreie Atmosphäre im Vorlesungssaal zu schaffen. In diesem Sinne ist die eingangs erwähnte Juraprofessorin Jeannie Suk Gersen zu verstehen, wenn sie von ihrer Erfahrung berichtet, ein sokratisches Gespräch sei online für die Studenten weniger einschüchternd als in der realen Welt – schließlich sprechen die Kommilitonen dann "nur" vor einem Bildschirm und nicht in einem Hörsaal voller Leute. Ob Gersens Eindruck allerdings verallgemeinerungsfähig ist, müsste empirisch untersucht werden.

Jeder kommt zum Zug

Heute nutzen amerikanische Professoren die Methode nicht mehr uneingeschränkt: Zwar ist sokratischer Unterricht gerade in den Einführungsvorlesungen im ersten Studienjahr wie dem Vertrag- und Delikts- oder dem Verfassungsrecht sehr gängig. In Veranstaltungen für Fortgeschrittene greifen Professoren dagegen auch auf die klassische Vorlesung zurück und lassen freiwillige Wortbeiträge häufiger zu.

Trotz dieses Wandels bleibt die sokratische Methode fest an amerikanischen Rechtsfakultäten verwurzelt – eben auch in der Corona-Zeit. Neben fachlichen Vorteilen weisen amerikanische Professoren auf die exzellente Unterrichtsatmosphäre hin, die sokratischer Unterricht mit sich bringe. Gerade dieser Aspekt ist mir in den vergangenen Monaten in Michigan aufgefallen: Aufgrund der Möglichkeit – man könnte auch sagen: Gefahr –, jederzeit aufgerufen zu werden, bereiten sich die amerikanischen Kommilitonen intensiv auf ihre Veranstaltungen vor, die sie dann aufmerksam verfolgen. Dass in Michigan wie an zahlreichen anderen amerikanischen Rechtsfakultäten elektronische Geräte in den meisten Kursen vor der Corona-Zeit verboten waren, schadete dabei nicht.

Großen Wert legen die Universitäten auch darauf, dass sokratischer Unterricht gleichmäßige Redeanteile aller Kursteilnehmer ermöglicht – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht der Studenten. Um diesem Ziel nachzukommen, führen viele Professoren eine Strichliste. Wendet ein Dozent die sokratische Methode streng an und lässt freiwillige Beiträge kaum zu, können die Redezeiten aller Kursteilnehmer über ein gesamtes Semester tatsächlich sehr ähnlich bis nahezu identisch sein. Konsequenter sokratischer Unterricht bremst extrovertierte Menschen und bringt sie dazu, ihren Kommilitonen zuzuhören. Gleichzeitig kommen stillere Kursteilnehmer (gezwungenermaßen) mehr zum Zug als in Kursen mit freiwilliger Unterrichtsbeteiligung. So hat die sokratische Methode auch eine egalisierende Komponente. In meinen Augen interessanter Nebeneffekt: Die diversen Lebensläufe der Studenten führen zu sehr unterschiedlichen Perspektiven auf ein Thema.

Die Härte bleibt

Und dennoch: Ein Stück weit steht die sokratische Methode allerdings auch heute noch für Härte. Studienanfänger gelten erst dann als richtig an der Law School angekommen, wenn sie den ersten cold call überstanden haben. Nutzte eine Person des öffentlichen Lebens die sokratische Unterrichtsform in vorheriger Tätigkeit als Juraprofessor, wird dies gerne thematisiert, etwa in einem "New Yorker"-Porträt aus dem vergangenen Jahr über Elena Kagan, Richterin am Supreme Court und zuvor erste weibliche Dekanin in Harvard. Und Elizabeth Warren, ehemalige Bewerberin um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, galt gar als Meisterin sokratischen Unterrichts.

Wie es scheint, hat die sokratische Methode das erste Corona-Semester überstanden. "Socratic Zooming", wie die Columbia Law School die gegenwärtige Ausprägung sokratischen Unterrichts auf ihrer Webseite nennt, ist möglich. Inwiefern die Lehre an amerikanischen Universitäten und der sokratische Unterricht an ihren Law Schools weiterhin virtuell stattfinden, wird der weitere Verlauf der Corona-Pandemie zeigen. Fürs Erste gilt: Die sokratische Methode bleibt kontroverse Realität an amerikanischen Rechtsfakultäten – auch online.

Der Autor Richard Dören ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg.

© lto.de. Artikel zum Jura-Studium bietet die Rubrik "Studium & Referendariat" von Legal Tribune ONLINE.

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