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"Das Haargel ist teuer"

ZEIT Campus: Lernt man das denn im Referendariat?

Fischer: Das kann man nicht sagen. Referendare sind meist mit Aufgaben betraut, die wenig mit dem Beruf zu tun haben. Die Betreuer haben oft keine Lust oder Zeit, sich zu kümmern. Der Referendar kommt am Montag, holt sich eine Akte und bringt sie zwei Wochen später mit einem kleinen Gutachten zurück. Dann schreibt ihm der angeblich ausbildende Rechtsanwalt ein nettes Zeugnis. Es ist im Sinne der Referendare, nicht viel Aufwand zu haben, sie wollen weiterhin ihre Repetitorien besuchen und für das zweite Examen lernen.

ZEIT Campus: Wann lernt man, was man im Studium nicht vermittelt bekommen hat?

Fischer: Eine ganz allgemeine Vorbereitung gibt es nicht. Wer schon weiß, was er als Jurist am liebsten machen möchte, kann versuchen, spezielle Erfahrungen zu sammeln: als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl, als Mitarbeiter in einer Kanzlei.

ZEIT Campus: Findet man leicht eine Stelle?

Fischer: Manchmal dauert es ein bisschen, bis man was findet. Meist muss man dann viel arbeiten: vielleicht 15 Stunden am Tag, vielleicht sechs Tage die Woche. Viele Einsteiger wechseln in den ersten Jahren schnell den Arbeitgeber. Es ist kein Traumjob, als Associate für wenig Geld bei ständiger Verfügbarkeit zu arbeiten. Das ist für viele ein Praxisschock.

ZEIT Campus: Aber für die viele Arbeit gibt es bei den großen Kanzleien auch viel Geld, oder?

Fischer: Das ist alles relativ. Die Vorstellung, es sei das Paradies, ein Einstiegsgehalt von 80.000 Euro zu bekommen und mit 30 Jahren schon 140.000 Euro, täuscht gewaltig. Wenn man sich in diesem sozialen Umfeld bewegt, braucht man auch relativ teure Klamotten, einen Porsche-Trolley und einen 5er BMW, eine Wohnung mit entsprechender Ausstattung. Und das ganze Gel, das man sich in die Haare schmieren muss, kostet auch einen Haufen Geld. Dann zahlt man noch Steuern, Altersvorsorge, Krankenversicherung, und schon ist mehr als die Hälfte von dem schönen Großkanzleigeld wieder weg.

ZEIT Campus: Gibt es nur das Richteramt oder die Großkanzlei-Anwälte?

Fischer: Nein. Eine ganz entscheidende Weiche, die man recht früh stellen muss, ist, ob man als freiberuflicher oder angestellter Anwalt, als Jurist in einer Firma, in einem Verband oder im öffentlichen Dienst arbeiten will. Zu sagen, Jura ist, wenn ich Konzernfusionen manage und Bernie Ecclestone verteidige - das ist dummes Zeug, dafür sollte man nicht Jura studieren.

ZEIT Campus: Können Sie Ihren Job als Richter am Bundesgerichtshof empfehlen?

Fischer: Die Position unterscheidet sich in fast allem von Bildern, die viele aus Filmen und Krimis haben. Bundesrichter dinieren nicht täglich mit bedeutenden Ministern, sie sind keine Alleswisser, sie haben nur beschränkte Macht. Sie entscheiden über Revisionen gegen die Urteile von Land- und Oberlandesgerichten. Sie hören keine Zeugen, erheben keine Gutachten, würdigen nicht selbst die Beweise. Sie prüfen, ob die bisherigen Instanzen Fehler gemacht haben. Das kann langweilig sein, aber auch sehr spannend. Bundesrichter zu werden ist kein sinnvolles Ziel, es steht allenfalls ganz am Ende einer langen Karriere.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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