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Claus von Rintelen: "Die Verträge werden länger, die Informationsflut größer"

Als ich 1990 als Rechtsanwalt begann, war gerade das Verbot überörtlicher Sozietäten vom BGH gekippt worden, es bestand noch das Lokalisationsgebot. Das wurde erst 2000 abgeschafft. Die Zeit der Fusionen begann. Seitdem nahmen die internationalen Merger rapide zu.

Nicht nur die Kanzleien haben sich verändert, sondern mit ihnen ihre Tätigkeit. Es erfolgte eine Internationalisierung des Geschäfts, welche den Anwaltsalltag heute maßgeblich prägt. Zum Beispiel werden die Verträge immer aufgebauschter. Denn im angloamerikanischen Raum tendiert man dazu, alles detailliert festzuschreiben. Außerdem werden vermehrt Mediation und alternative Streitschlichtungsverfahren eingesetzt. So möchte man teure Gerichtsverfahren vermeiden und für alle Seiten eine Win-Win-Situation schaffen.

Auch das Recht selbst wandelt sich. Seit Langem ist zu beobachten, dass sich mehr und mehr Spezialbereiche entwickeln. Deshalb sind die Anwälte von heute wesentlich spezialisierter als in den Neunzigern. War man früher eher Generalist, ist man heute Experte. Das bedeutet gleichzeitig, dass in komplexen Verfahren die Größe der Teams steigt. Weil der Mandant für jedes Spezialgebiet einen Experten erwartet.

Informationsflut: Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Schon bevor ich nach Hamburg kam, war ich in Düsseldorf für die Bibliothek zuständig. Alle relevanten Informationen waren in Büchern oder Zeitschriften zu finden. Auch in Hamburg habe ich eine Bibliothek aufgebaut. Doch diese hat nichts mehr gemein mit einer typischen Kanzleibibliothek von vor zwanzig Jahren. Die meisten juristischen Informationen sind heute über Datenbanken erhältlich. Hierfür geben wir inzwischen die Hälfte des Bibilothek-Etats aus.

Insgesamt hat die Fülle an Informationen extrem zugenommen. Allein die Anzahl der Fachzeitschriften scheint unendlich groß geworden zu sein. Für jedes Spezialthema wird eine neue Fachzeitschrift geschaffen. Das gilt gleichermaßen für Bücher. Wo früher ein oder zwei Kommentare zu dem VVG vorhanden waren, stehen heute gleich zehn verschiedene Kommentare. Und wurden früher 150 Seiten zu einem Thema wie der VOB geschrieben, sind heute 3.000 Seiten bedruckt.

Dass so viel veröffentlicht wird und das Meiste online durchsuchbar ist, hat die Informationsbeschaffung auf der anderen Seite erheblich erleichtert. Die Gerichtsentscheidungen stehen innerhalb kürzester Zeit allen zur Verfügung. Vor allem sind es viel mehr als früher. Daher heißt es, aus dem Wust veröffentlichter Urteile die relevanten Informationen herauszufiltern. Das scheint mir heutzutage die eigentliche Herausforderung zu sein.

Google hat den Nachwuchs verdorben

Ein Anwalt muss heutzutage in Datenbanken effizient recherchieren und methodisches Wissen sinnvoll anwenden können. Bei den jungen Anwälten merkt man aber, wie sehr die Google-Suche sie verdorben hat. Viele suchen zu trivial und werten zu viele Treffer aus, anstatt methodisch vorzugehen. Kennt man die Grundfragen eines Rechtsproblems nicht, kann man nicht vernünftig recherchieren. Die Suche frisst dann viel Zeit. Sinnvoll wäre es, weniger Ergebnisse systematisch zu erfassen und zu subsumieren. Methodische Datenbankrecherche brauchte ich vor dreißig Jahren übrigens noch nicht. In meinen Anfangszeiten war es üblich, erfahrene Kollegen nach einschlägiger Literatur zu fragen.

Rechtsrecherche ist aber nur ein Teil unseres Berufs. Der Großteil der Arbeit besteht daraus, Informationen zu beschaffen. Dabei geht es darum, den relevanten Sachverhalt aufzuarbeiten. Erst wenn dieser vollständig analysiert wurde, ist man überhaupt in der Lage, eine rechtlich zutreffende Entscheidung zu treffen. Ansonsten kann man auch einfach eine Münze werfen. Denn Jura ist immer noch eine Wertungswissenschaft und das Ziel sind gerechte Entscheidungen.

Was sich also nicht geändert hat: Die richtigen Fragen stellen. Denn nach wie vor besteht nur ein kleiner Teil der Lösung darin, sich durch eine uferlose Rechtsprechung zu arbeiten. Wer über ein breites juristisches Wissen verfügt, der tut sich leichter.

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