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Englisch – das Fachchinesisch der ITler

Code Softwareentwicklung Programmieren Computer Arbeiten [Quelle: Pexels.com, Autor: Negative Space]

Quelle: Pexels.com, Negative Space

"Debugging" = "Entwanzung"? Warum Englischkenntnisse in der IT so wichtig sind, und wie du sie als Karrierevorteil nutzt. 

Viele Programmiersprachen und davon abgeleitete Fachbegriffe sowie die entsprechende Literatur sind englisch. Zudem sind viele der großen IT-Unternehmen entweder im englischsprachigen Raum beheimatet oder so international aufgestellt, dass in der Kommunikation mit Kollegen und/oder Kunden fundierte Englischkenntnisse eine notwendige Voraussetzung sind. Vor diesem Hintergrund möchte ich aus meiner Erfahrungswelt als Doktorand in der Informatik und Mitarbeiter in einem internationalen IT-Unternehmen berichten und verdeutlichen, warum neben der Kenntnis der Fachbegriffe auch ein Gefühl für die Alltagssprache und den üblichen Umgangston ein echter Karrierevorteil ist. Außerdem sei angemerkt, dass Englisch nicht gleich Englisch ist – genauso wie zum Beispiel gesprochenes und geschriebenes Deutsch zwei Paar Schuhe sind.

Fachbegriffe

Ich will den ersten Abschnitt kurzhalten, da diese Thematik wahrscheinlich den größten Bekanntheitsgrad hat. Es gibt so viele – im Deutschen inzwischen gebräuchliche – englische IT-Begriffe (While-Schleife, Browser, Internet of Things, Big Data etc.), dass ich die typischen Folgen und Probleme nur kurz umreißen möchte.

Zunächst einmal können sich durch explizite oder implizite Übersetzungsversuche Ungenauigkeiten, Halbwahrheiten oder schlichtweg Fehler einschleichen. Zum Beispiel geht es bei Big Data eben nicht nur um die Größe der Daten, sondern auch um ihre Unstrukturiertheit und ihre Änderungsrate oder Dynamik.

Um Fehler zu vermeiden, sind neben Kenntnissen beider Sprachen, idealerweise auf Muttersprachler-Niveau, Fachkenntnisse unabdingbar. Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn ein Übersetzungsbüro in China einen Satz aus IT-Schulungsmaterialien vom Englischen ins Deutsche überträgt. Ohne den fachlichen Hintergrund ist vollkommen unklar, welche Begriffe tatsächlich übersetzt werden müssen. Ganz zu schweigen von den Ausdrücken, die neben der fachlichen eine allgemeine Bedeutung haben. So wird ganz schnell aus "Debugging" fälschlicherweise "Entwanzung" anstelle von "Fehlerbehebung". Zum Glück werden jedoch viele Begriffe im Studium oder in entsprechender Fachliteratur erschöpfend erläutert, erklärt und zum größten Teil auch einheitlich übersetzt. 

Informationsquellen

Auch wenn es im Studium neben den Vorlesungen, Übungen, Seminaren etc. häufig auch deutsche Literaturempfehlungen gibt, so findet sich auf den Literaturlisten immer auch englischsprachige Lektüre. Oftmals sind das meiner Erfahrung nach die interessanteren Bücher. Zum Teil liegt das daran, dass es sich um die Originalquelle handelt, an der sich auch die Autoren der deutschen Werke orientieren. Viel wichtiger war für mich aber die Erkenntnis, dass englischsprachige Fachliteratur häufig deutlich leserzentrierter geschrieben ist. In der Praxis bedeutet das, dass die Themen in leichter verdaulichen Häppchen und mit mehr anschaulichen Beispielen vermittelt werden.

Zum Beispiel haben mir diverse deutschsprachige Bücher zum Thema objektorientierte Programmierung zwar die theoretischen Begriffe und die sprachspezifischen Techniken vermitteln können. Ein wirkliches Verständnis für die Vorteile dieses Programmierparadigmas und dafür, wie man die diversen Techniken effizient kombiniert, um eine Aufgabe nachhaltig zu lösen, habe ich aber erst durch ein englisches Buch (Clean Code von Robert C. Martin) erlangt. Insofern kann ich jedem nur raten, sich solide Englischkenntnisse anzueignen, um englische Texte und Bücher mühelos lesen zu können. Es lohnt sich und macht außerdem mehr Spaß, den oft mit Herzblut schreibenden Autoren im Englischen zu folgen. Wer hingegen sehr sachliche und nüchterne Wissensquellen bevorzugt, ist aus meiner Sicht mit deutschsprachigen Texten besser bedient. 

Ähnlich verhält es sich mit internetbasierten Informationsquellen. Meine Erfahrung ist, dass es wesentlich mehr Artikel und Beiträge zu aktuellen IT-Themen auf Englisch als auf Deutsch gibt. Insbesondere Anfragen in (internationalen) Newsgroups sind fast immer auf Englisch verfasst.

Schriftliche Kommunikation

Die Tendenz zu einem persönlicheren und informelleren Ton ist mir auch in anderen Formen der schriftlichen Kommunikation im Englischen häufiger begegnet als im Deutschen. Nicht nur im Kollegenkreis, sondern auch mit Kunden läuft der E-Mail-Verkehr sehr schnell ohne große formelle Zwänge ab. Persönlich bin ich jedoch immer gut damit gefahren, den Kunden den ersten Schritt machen zu lassen. Als Beispiel sei der fließende Übergang bei der Schlussformel einer E-Mail genannt: von Best regards über Regards und nur der Vornamensnennung bis hin zum Weglassen. 

Je nach Firmenkultur werden in der internen Kommunikation mehr oder weniger Modewörter, -formulierungen und -redewendungen verwendet. Mein Schlüsselerlebnis war ein E-Mail-Austausch mit einem amerikanischen Kollegen während der heißen Phase des Wahlkampfs um das Amt des US-Präsidenten. In dieser Zeit wurden von den amerikanischen Medien viele neue Worte und Wendungen kreiert – man denke nur an „America first“ mit all seinen Variationen – und ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung übernommen. Das hatte im konkreten Fall zur Folge, dass ich die erste E-Mail des Kollegen überhaupt nicht verstanden habe und es erst zweier weiterer E-Mails bedurfte, um mir auf die Sprünge zu helfen. 

Aufgrund der im Allgemeinen sehr großen Offenheit und Hilfsbereitschaft des Gegenübers kann ich nur empfehlen, in solchen Fällen nachzufragen. Oft entwickelt sich eine nette Nebendiskussion, und man lernt einander besser kennen. Nebenbei sei noch bemerkt, dass bei meinem derzeitigen Arbeitgeber die englischen Muttersprachler explizit dazu angehalten sind, auf solche Redewendungen (Idioms) zu verzichten, um eine reibungslosere Kommunikation zu ermöglichen und Missverständnissen vorzubeugen. 

Außerdem legen viele amerikanische Firmen großen Wert auf politisch korrekte Formulierungen. Auch bei rechtlich relevanten Themen wie zum Beispiel bei der Verwendung von eingetragenen Markennamen in offiziellen Dokumenten gibt es meist eindeutige Regeln oder Richtlinien, an die man sich unbedingt halten sollte. Diese werden aber üblicherweise auch hinreichend kommuniziert. 

Mündliche Kommunikation

Neben diesen Unterschieden ist mir ganz besonders die amerikanische Feedbackkultur aufgefallen. Inzwischen ist es auch hierzulande durchaus üblich, am Ende einer Veranstaltung mündliche Rückmeldungen einzuholen. Wo man im Deutschen allerdings von positiven und negativen Aspekten spricht – und das zum Teil sehr offen und kritisch – heißt es im Englischen "Pluses" und "Deltas". Das mag zunächst nach Wortklauberei klingen, ist aber viel mehr, als nur das Wort "Minus" durch "Delta" zu ersetzen. Kritik sollte immer konstruktiv vorgetragen werden. Anstatt also zu sagen: "Das Thema wurde viel zu kurz und oberflächlich besprochen", sollte man besser sagen: "Ich würde mir eine ausführlichere und tiefergreifende Diskussion des Themas bei nächster Gelegenheit wünschen." Je konkreter man benennen kann, wie und warum etwas in Zukunft anders laufen kann und sollte, desto eher findet man Gehör. Von dieser Einstellung könnte sich meiner Meinung nach der ein oder andere Kollege Miesepeter eine Scheibe abschneiden. 

Auch wenn der Umgangston und die Atmosphäre im Englischen vielleicht ungezwungener wirken, was unter anderem durch die flächendeckende Verwendung des Vornamens so scheinen mag, ist es meines Erachtens wichtig, auf eine positive und konstruktive Grundhaltung zu achten. 

Spezialsituationen

Zu guter Letzt will ich noch einige Sondersituationen und anglistische Spezialitäten erwähnen, die mir untergekommen sind. Gegen das grundsätzliche Problem, dass die englische Sprache hier und da unpräziser ist, als (Achtung, Vorurteil!) wir ordentlichen Deutschen es gewohnt sind, gibt es nach meiner Erfahrung kein Allheilmittel. Speziell bei der Übersetzung von Marketingtexten stellt mich das immer wieder vor Probleme. Zum Beispiel klingt das Wort "Academia" im Englischen sehr griffig, und niemand scheint sich darum zu kümmern, wer oder was genau in diese Kategorie fällt. Im Deutschen gibt es aber Universitäten, Hochschulen, Fachoberschulen etc. Ein Sammelbegriff, sofern er überhaupt existiert, ist wahrscheinlich sehr lang und wenig zweckmäßig. 

Zum anderen haben englische Texte, speziell Werbetexte, häufig einen stark appellativen Charakter. Ein simples "Buy now!" kann man aber nicht mit "Kauf jetzt!" übersetzen. Auch "Kaufen Sie jetzt!" erscheint mir persönlich viel zu aufdringlich. Grund hierfür sind wohl vor allem kulturelle Unterschiede im Sprachgebrauch.

Schriftliche Rückmeldungen können ein ähnliches Minenfeld sein. Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber zum Beispiel werden jedes Jahr solche Rückmeldungen eingefordert. Obwohl alle Texte englisch sind und es ein Formular dafür gibt, gibt es himmelweite Unterschiede – vor allem von Land zu Land. In Deutschland ist es durchaus erwünscht, klar zu bewerten, wie gut einem etwas gefallen hat. Besonders Negativurteile sollte man aber gut belegen, begründen und Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Bei amerikanischen Kollegen hat dieser Stil Schockwirkung. Verbesserungsvorschläge sind durchaus erwünscht, jemanden ausdrücklich negativ zu bewerten ist jedoch meiner Erfahrung nach unüblich.

Anstatt also zu schreiben: "Der Kollege legt überhaupt keinen Wert auf Pünktlichkeit und vergeudet damit meine Zeit und die aller anderen Betroffenen", sollte man eher vorsichtig formulieren: "Das Einhalten aller Fristen und Termine ist eine große Herausforderung, deren Bewältigung allen Effizienzvorteile verschafft. Deshalb wäre es für die Zukunft wünschenswert, wenn der Kollege diesen Aspekt noch stärker als bisher in seiner täglichen Arbeit berücksichtigt."

Irgendwo dazwischen liegen gemäß meinen Erfahrungen die Briten. Der Sinn für (Selbst-)Ironie mag hilfreich dabei sein, die im Durchschnitt wohl etwas negativere Grundstimmung eines deutschen Kollegen zu absorbieren. Wenn man einander besser kennt, ist es durchaus akzeptabel, offen Kritik zu äußern. Zur Sicherheit stelle ich aber bei Bedarf ein mehr oder weniger ernstes "Du weißt ja, dass ich aus Deutschland komme, also nimm meine Kritik nicht so persönlich; ich bin halt so" voran. Das lockert die Atmosphäre etwas auf und macht das Gegenüber empfänglicher für die eigentliche Botschaft. 

Es gibt sicherlich noch viele weitere Sonderfälle, über die es sich lohnen würde zu berichten (Small Talk mit Kunden – zum Beispiel auf einer Messe, bei Telefonkonferenzen, …). Die hier exemplarisch vorgestellten Situationen sollten jedoch ausreichen, um zu verdeutlichen, dass man immer noch etwas dazulernen kann. Eine Sprache – und speziell die englische Sprache – zu beherrschen, bedeutet mehr, als nur ein reiches Vokabular zu haben. Vielmehr geht es darum, einen der jeweiligen Situation angemessenen Ton zu treffen, und der kann durchaus von dem im Deutschen üblichen Ton abweichen. Umso wichtiger ist es, möglichst früh vielfältige interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Ich persönlich habe zum Beispiel sehr von einem Schüleraustausch mit England sowie einem Studienjahr in den USA profitiert und kann jedem nur empfehlen: Rede mit Muttersprachlern. Je öfter, desto besser. 

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