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Lektion gelernt

Bücher, lesen, Uni [Quelle: unsplash.com, Autor: Siora Photography]

Quelle: unsplash.com, Siora Photography

Klar, an der Uni lernt man sehr viel. Aber längst nicht nur im Hörsaal! Hier sind ein paar Dinge, die ich am Ende meines Studiums weiß – aber am Anfang schon gern gewusst hätte. 

Die Uni würde mir unendliche Mengen Fachwissen, riesigen Intellekt und viel Professionalität beibringen. Wenn ich fertig damit wäre, würde ich mir sehr erwachsen vorkommen und in eine erfolgreiche Karriere starten. Ungefähr das stellte ich mir vor ein paar Jahren als Ergebnis meines Studiums vor.

Ganz geklappt hat das nicht, aber ich habe trotzdem viel gelernt. Einige Dinge hätte ich allerdings gerne früher gewusst und darum möchte ich die wichtigsten von ihnen hier einmal teilen. Kleiner Spoiler - die meisten meiner Learnings kommen nicht aus dem Hörsaal und eventuell wird es auch ein bisschen sentimental.

1. Mindestens ebenso wichtig wie die Inhalte im Studium ist es, das System Uni zu verstehen.

Wo bekomme ich welche Info? Wie kann ich die Deadline für meine Hausarbeit verlängern? Das alles mag trivial erscheinen, ist oftmals aber gar nicht einfach. Am Anfang haben mich die bürokratischen Abläufe an der Uni eingeschüchtert, die mehr als 90 Seiten Prüfungsordnung schienen mir wie ein unüberwindbarer Berg. Das Vorlesungsverzeichnis war für mich im Bachelor regelmäßig der Endgegner. Egal wie nervig das alles ist, wer nicht auf dem Schirm hat, wie er sich für Prüfungen anmeldet, dass man Statistik in den ersten drei Semestern bestehen muss oder welches Formular von wem unterschrieben werden muss, baut sich zusätzliche Hürden - oft sehr hohe. Darum ist es gut, so früh wie möglich Zeit zu investieren, um zu verstehen, wie die Uni eigentlich tickt.

2. Netzwerke sind super wichtig!

Das klingt zwar nach Uralt-Karriereratgeber, war aber für mich einer der Schlüssel für einen erfolgreichen Weg durchs Studium. Es geht dabei nicht darum die Karriere von vorn herein durchzukalkulieren und albernen Smalltalk zu machen, sondern darum, sich Verbündete zu suchen, um sich nicht im Uni-Dschungel zu verlieren. Netzwerken an der Uni heißt nicht Visitenkarten hin- und herzuschieben, sondern sich mit anderen Studierenden auszutauschen. Sowohl die altmodische Lerngruppe als auch der digitale Ordner mit Altklausuren, ebenso wie ca. Tausend Kaffee-Dates mit Kommilitonen und Kommilitoninnen haben mir das Studium enorm erleichtert. Einige der Menschen, die mich im ersten Semester an die Abgabe der Hausarbeit erinnert haben, gehören inzwischen zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Sicher ist letzteres nicht zwingend, wenn es so kommt, ist es aber schön!

3. Die Uni hat mich politisiert - und das ist gut so.

Am Anfang meines Studiums hat mich mit am meisten beeindruckt, wie viele Menschen politisch oder gesellschaftlich aktiv sind. An jeder Ecke wurden Unterschriften gesammelt oder auf Missstände aufmerksam gemacht. Noch in der ersten Vorlesungswoche ging ich das erste Mal in meinem Leben auf eine Demo und wenige Tage später saß ich zum ersten Mal in einem Plenum. Anfangs war ich eingeschüchtert, bald aber auch begeistert. In den folgenden Jahren probierte ich einiges aus, gab manches wieder auf und lernte vor allem extrem viel. Über soziale Bewegungen, über Demokratie und über Arbeiten im Team. Jetzt bin ich überzeugt: Gesellschaftliches Engagement ist extrem wichtig und macht die Welt ein Stückchen besser.

4. Es gibt Möglichkeiten Hilfe und Unterstützung im Studium zu bekommen - oft muss man aber aktiv danach fragen.

Egal ob Schreibberatung, Studienfinanzierung, psychologische Beratung oder zusätzliches Mathe-Tutorium - Hochschulen haben ganz gut auf dem Schirm, vor welchen Herausforderungen ihre Studierenden stehen. Leider sind sie meistens weniger gut darin, diese Angebote auch bekannt zu machen. Irgendwo auf einer unsinnig komplizierten Website sind dann Unterstützungsangebote versteckt. Wer nicht aktiv sucht, findet sie oft nicht. Nicht nur bei großen Herausforderungen lohnt es sich, Hilfe zu suchen. Auch wenn man nicht weiß, wie man die erste Hausarbeit formulieren soll oder ob die Leitfrage fürs Essay Sinn ergibt, ist es ok, nachzufragen. Dozierende sind (meistens) keine Monster und helfen gerne weiter. Rückblickend hätte ich viel früher und öfter mal nachfragen sollen - denn mit konstruktiven Rückmeldungen kann man viel besser lernen.

5. Noten sind wirklich nicht so wichtig.

Ich glaube, andere haben das schon deutlich früher verstanden als ich. In der Schule definierte ich mich regelmäßig über meine Noten. Das war auch eine sichere Dopaminquelle - meistens hatte ich sehr gute. An der Uni war das dann nicht mehr so einfach, andere waren plötzlich besser als ich und ich war frustriert: Nächtelang lag ich wach und ärgerte mich darüber, Klausurfragen nicht besser beantwortet oder in eine Hausarbeit nicht noch ein paar zusätzliche Stunden investiert zu haben. Diese Gedankenkreise und schlaflosen Stunden waren vollkommen unnötig. Im Laufe der Zeit merkte ich langsam, dass andere Dinge mehr zählten als meine Note in der Völkerrechtsklausur. Mit welchen Themen ich mich beschäftigte und welche praktischen Erfahrungen ich mitbrachte, interessierte alle immer mehr als eine Modulnote. Bis heute wurde ich beispielsweise noch nicht ein einziges Mal gefragt, was mein Durchschnitt im Bachelor war. Rückblickend wünsche ich mir, dass ich schon früher etwas lockerer in die eine oder andere Prüfung gegangen wäre.

6. Man darf das Studium genießen - mit allem drum herum.

Damit meine ich nicht, dass ich jede einzelne Party mitgenommen habe (allzu viele habe ich aber auch nicht ausgelassen). Sondern ich meine, dass ich bewusst Platz für Freizeitaktivitäten freigeschaufelt habe: Sport, Wochenenden am See, Ausflüge, Reisen oder Picknicks im Park. Nicht selten musste ich Anfang der Woche erst mal etwas Zeit in die Planung investieren, wie ich all meine Spaßtermine mit all meinen Vorlesungen vereinbaren konnte. Meistens ging es! Ich bereue auch nicht, dass ich gelegentlich Treffen mit Freundinnen oder Freunden einem Seminar vorgezogen habe. Speziell als vieles davon durch die Pandemie nicht mehr möglich war, freute ich mich, dass ich in den Jahren davor nicht zu viel ausgelassen hatte. In Zukunft kann ich meine Zeit nie wieder so frei gestalten wie während des Studiums. Hinzu kommt auch: Das Studium kann fordernd sein und enormen Druck machen und dafür braucht man auch Ausgleich. Wenn man im Studium nicht lernt, das gut auszubalancieren, dann schafft man es danach wahrscheinlich noch weniger. Rückblickend habe ich wahrscheinlich nicht in der Bibliothek am meisten gelernt, sondern bei Mensakaffee und Feierabendbier. Das alles führt dazu, dass das Studium etwas länger dauert? Wer es sich leisten kann und nicht auf Bafög oder ähnliches angewiesen ist, sollte sich die Zeit nehmen! Neben Modulnoten gehört nämlich auch die Regelstudienzeit auf die Liste der Dinge, die wirklich keinen interessieren.

Lisa Kuner (26 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt.

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