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"Wir haben nur 0,1 Sekunden Zeit"

Frau, Bett, Laptop, Onlinedating [Quelle: pexels.com, Autor: Artem Podrez]

Quelle: pexels.com, Artem Podrez

Onlinedating kann glücklich machen – oder unglücklich. Psychologin Pia Kabitzsch weiß nach zehn Jahren auf Tinder: Es gibt ein Dating-Burn-out und ungefragte pussy pics.

Fast alle Singles sind mittlerweile auf Onlinedating-Apps unterwegs – auch die, die sich lange geweigert haben. Die Psychologin und Autorin Pia Kabitzsch schreibt in ihrem Buch "It's a match" über ihr Dating-Burn-out, wie man mit Ghosting umgeht und was das perfekte Profilbild wirklich ausmacht. Und sie sagt: Onlinedating sei längst nicht so oberflächlich, wie alle sagen.

ZEIT Campus: Warum hat Onlinedating bei dir zu einem "Dating-Burn-out" geführt?

Pia Kabitzsch: Dating-Burn-out ist ein populär-psychologischer Begriff, der beschreibt, wie man mit der Zeit auf Apps wie Tinder abstumpft. Ich war fast zehn Jahre auf Tinder, hatte mehr als dreißig Dates und habe immer wieder Phasen gehabt, in denen ich Matches einfach nur noch zur Kenntnis genommen habe. Ich hatte kein Interesse daran, den Männern zu schreiben oder ihnen zu antworten, ich habe trotzdem einfach weiter vor mich hin gewischt. Manchmal habe ich dann auch einen getroffen, aber ohne dass ich mir etwas davon versprochen hatte. Mein erster Gedanke war, dass das daran lag, dass mich die riesige Auswahl überfordert hat. Heute glaube ich, dass ich in diesen Phasen versucht habe das positive Gefühl zu erzwingen, an das sich mein Gehirn durchs Onlinedating gewöhnt hatte. Ich habe mich tatsächlich ausgebrannt gefühlt. Ich war emotionslos, desinteressiert, habe mich nicht mehr über Matches gefreut, sondern dachte mir eher: Oh nein, schon wieder jemand, der mich kennenlernen möchte. Um da rauszukommen, habe ich die Apps dann für ein paar Wochen gelöscht. 

ZEIT Campus: Das klingt ja fast wie bei einer Sucht?

Kabitzsch: Ja, wenn man beim Swipen ein Match hat, wird unser Belohnungssystem aktiviert und Dopamin ausgeschüttet. Mit der Zeit lernt das Gehirn: Je öfter ich swipe, umso mehr Matches und umso mehr Nachrichten von interessanten Menschen bekomme ich. Das löst erst mal ein gutes Gefühl aus – und ist natürlich ganz im Sinne der App-Erfinder. Mit der Zeit kann es aber auch in die andere Richtung kippen: Wenn man sich an die Matches gewöhnt und doch nichts daraus wird, kann das frustrierend und deprimierend sein.

ZEIT Campus: Wenn ich Tinder aufmache, sehe ich Frauen und Männer, die sich wie in einer Werbekampagne anpreisen: beim Yoga, beim Luftsprung am Meer, beim Spritz in Wien. Gibt es Untersuchungen dazu, welche Profile besonders häufig nach rechts oder nach links geswipet werden?

Kabitzsch: Ja, dabei sollte man aber im Hinterkopf haben, dass wir Menschen innerhalb von 0,1 Sekunden ein Blitzurteil über andere Personen fällen – im realen Leben wie online. Das ist kürzer als ein Wimpernschlag. Danach wissen wir, ob wir eine Person attraktiv finden oder nicht. In dieser Zeit entscheiden wir uns auch, ob wir dem Gegenüber vertrauen oder nicht. Das hat vor allem evolutionäre Gründe, weil Menschen früher wissen mussten: Bin ich in Sicherheit? Muss ich mich verteidigen? Oder muss ich wegrennen? Und diesen Mechanismus sollte man verstehen, bevor man sein Datingprofil anlegt. Man muss auch bedenken, dass man keinen sozialen Kontext hat, keine Freund:innen, die die Person schon kennen, man kann auch nicht beobachten, nicht nachfragen. 

ZEIT Campus: Und was macht man mit dem Wissen?

Kabitzsch: Wenn man diese 0,1 Sekunden nutzen möchte, ist es wichtig, authentisch zu wirken. Es kommt besser an, einen Schnappschuss zu verwenden und kein Bewerbungsbild oder ein Selfie mit Filter, bei dem die Augen glänzen. Es ist nicht repräsentativ, aber ich habe zum Beispiel ein Bild von mir genommen, auf dem ich lachend in ein viel zu großes Stück Pizza beiße, von dem auch noch der Belag runterfällt. Das hat extrem gut funktioniert, weil man ein Small-Talk-Thema hat. Wichtig ist auch, dass Text und Bild zusammenpassen. Einem Mann, dessen oberkörperfrei ist und der versucht sexy zu schauen und einen super deepen Spruch wie "Liebe ist nur ein Wort, bis jemand kommt und ihm eine Bedeutung gibt" in sein Profil schreibt, dem nehme ich das nicht wirklich ab. Manche behaupten, dass Frauen mehr Erfolg haben, wenn sie etwas Rotes tragen – aber das ist wissenschaftlich umstritten. Was auf jeden Fall laut Studien unattraktiv wirkt: Rechtschreib- und Grammatikfehler. 

81 Prozent der Leute lügen bei Angaben in ihrem Profil ein wenig. 

ZEIT Campus: Ist das nicht oberflächlich?

Kabitzsch: Es heißt manchmal: "Tinder ist nicht das wahre Leben", aber ich finde, das ist Quatsch. In einem Profil kann man ja viele Infos teilen, die man sonst oft erst mit der Zeit erfährt: hat man Haustiere oder nicht, hat man Kinder, lebt man vegan, welche politische Einstellung und welche sexuellen Vorlieben hat man. Das macht das ganze erst mal weniger oberflächlich, als alle sagen. Aber es heißt natürlich auch, dass man Menschen aussortiert nach Kriterien, die einem nicht auffallen würden, wenn man sie auf der Straße oder in einem Café treffen würde. Ein Beispiel: In einer Nachricht, die ich mal auf Tinder bekommen habe, hat der Typ das Wort "cool" ironisch "kuhl" geschrieben. Und sowas finde ich schrecklich, deswegen hatte ich dann kein Interesse mehr an ihm. Das ist natürlich ein bisschen unfair, aber wir treffen ja immer nach irgendwelchen Kriterien eine Auswahl, egal ob online oder offline.

ZEIT Campus: Viele schreiben auch mit fünf oder zehn Leuten gleichzeitig und melden sich dann einfach nicht wieder. Warum ist Ghosting so ein Ding?

Kabitzsch: Zum Thema Ghosting gibt es eine Studie von 2020, die interessante Erkenntnisse geliefert hat. Für viele ist Ghosting einfach der easy way out. Man muss nicht mit einer sozialen Konfrontation rechnen, wenn man den Kontakt abbricht. Wieder andere verlieren einfach den Überblick, weil sie so viele Matches haben und vergessen einen. Und was richtig krass ist: Manche Menschen ghosten andere, weil sie glauben, das sei angenehmer, als ehrlich zu sein und der Person zu sagen, warum man den Kontakt gern abbrechen würde oder man kein Interesse mehr hat. Sie glauben, dass geghostet werden weniger wehtut, als zu hören, warum man einer anderen Person nicht gefällt. Dabei ist solch eine Erklärung – auch wenn sie wehtut – wichtig, um abzuschließen.  

ZEIT Campus: Profilbeschreibungen, Fotos, das alles kann man natürlich auch gut faken, wie beim "Tinder-Swindler". Andere schicken plumpe Sexanfragen oder dick pics. Wie kann ich sowas verhindern? 

Kabitzsch: Bei einer Studie ist herausgekommen, dass 81 Prozent der Leute mindestens bei einer Angabe in ihrem Profil ein wenig lügen. Besonders häufig wurde bei Gewicht, der Größe und dem Alter gelogen. Und jede:r vierte lügt beim Beziehungsstatus. Das ist also irgendwie "normal". In der Anonymität des Onlinedatings tummeln sich aber auch Menschen, die einfach keine guten Absichten haben. Das Problem ist, dass man das oft erst dann erkennt, wenn es zu spät ist. Wenn man ganz sicher sein möchte, kann man vor einem Date einen kurzen Videocall machen, um zu sehen, ob die Person auch die ist, für die sie sich ausgibt, und man nicht Opfer von catfishing wird. Natürlich sollte man hellhörig werden, wenn da jemand über Tinder nach Geld fragt oder übergriffig wird. Und gerade was belästigende Fotos angeht, sind die Mechanismen schon besser geworden, weil man die Absender bei den Apps melden kann. Wobei ich lieber Absender:innen sagen würde, weil ich bei meiner Recherche gemerkt habe, dass ungefragtes Verschicken von Geschlechtsteilen kein rein männliches Phänomen ist. Es gibt auch pussy pics

ZEIT Campus: In einer Erhebung aus dem Jahr 2020 kam zum Beispiel heraus, dass sich in Deutschland 43 Prozent aller neuen Beziehungen über Onlinedating gefunden haben. Was kann man tun, damit es am Ende doch noch klappt? 

Kabitzsch: Wichtig ist, dass man bewusst online datet, gerade wenn man auf der Suche nach einer Beziehung ist. Man sollte also nicht nebenbei swipen und Leute treffen, sondern versuchen, sich darauf einlassen. Außerdem ist es wichtig, seine Absichten offen zu kommunizieren und authentisch zu sein. Und auch der Spaß sollte beim Dating nicht zu kurz kommen. Ob ich den habe oder nicht, hat auch damit zu tun, wie meine Erwartungen aussehen. Im Zweifel würde ich die nämlich ein bisschen runterschrauben. Es muss nicht die große Liebe bei einem Date rauskommen, es kann auch einfach ein schöner Abend sein.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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