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Akademisieren wir unser Land kaputt?

Studierende lernen in Bibliothek [pixabay.com]

Quelle: pixabay.com

Irgendwer muss Energiewende und Bau-Offensive praktisch umsetzen – aber zu viele junge Menschen wollen studieren, statt einen handwerklichen Beruf zu lernen. Ein Malermeister und eine Uni-Präsidentin streiten, ob sich das ändern muss. Und wenn ja, wie es geht.

Viele junge Menschen versprechen sich von einem Hochschulabschluss eine sichere Karriere mit gutem Gehalt, die meisten wollen studieren. Gleichzeitig fehlen in handwerklichen Betrieben die Auszubildenden. Die Uni-Präsidentin Julia von Blumenthal und der Maler- und Lackierermeister Thomas Rath diskutieren, wie sich das Missverhältnis ändern lässt. Und streiten, ob die Situation wirklich so schlimm ist.

DIE ZEIT: Dieser Tage entscheiden Hunderttausende Jugendliche, was sie nach der Schule mit ihrem Leben anfangen – und die Mehrheit wird zur Uni gehen: Der Anteil derer, die ein Studium beginnen, ist in den vergangenen 20 Jahren von 37 auf 56 Prozent gestiegen. Derweil suchen Betriebe immer verzweifelter nach Auszubildenden, es fehlt an Handwerkern, Pflegern, Lkw-Fahrern. Frau von Blumenthal, Sie sind Uni-Präsidentin in Frankfurt an der Oder. Werben die Hochschulen dem Handwerk die dringend benötigten Meister von morgen ab?

Julia von Blumenthal: Von Abwerben würde ich nicht reden. Wir bieten Möglichkeiten, für die sich die jungen Menschen entscheiden können.

Es entsteht der falsche Eindruck, dass nur jemand mit Studienabschluss etwas zählt.

Thomas Rath, Maler- und Lackierermeister

Thomas Rath: Aber als Gesellschaft sind wir doch in eine Schieflage geraten, Frau von Blumenthal! Ich bin Maler- und Lackierermeister, außerdem Vizepräsident der Handwerkskammer Hamburg. Wenn ich mit Eltern rede, dann sagen sie: Unser Kind soll auf jeden Fall studieren. Egal, ob sich das Kind dafür eignet. Es entsteht der falsche Eindruck, dass nur jemand mit Studienabschluss etwas zählt.

Von Blumenthal: Sie übertreiben. Wenn ich mir die Zahlen so ansehe, dann gibt es immer noch eine Schicht, in der ein Studium nicht selbstverständlich ist. An den Hochschulen haben wir überdurchschnittlich viele Akademikerkinder – wie mich: Mein Vater ist promoviert, meine Mutter war Gymnasiallehrerin. In vielen anderen Elternhäusern ist auch heute noch eine Berufsausbildung völlig normal.

Rath: Aber die Zahlen sind deutlich, inzwischen studieren fast 60 Prozent eines Jahrgangs. Damit geht die Akademisierung unserer Gesellschaft zu weit.

Von Blumenthal: Das würde ja bedeuten, dass Jobs für Menschen mit Hochschulabschluss fehlen. Aber wir haben praktisch keine Akademiker-Arbeitslosigkeit in Deutschland. Und es ist doch gut, wenn die jungen Leute die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten voll zu entfalten – alles andere wäre auch volkswirtschaftlich nicht sinnvoll.

Rath: Wieso bricht dann ein Drittel das Studium noch vor dem Bachelorabschluss ab?

Wer jung ist, hat das Recht auf eine Orientierungsphase.

Julia von Blumenthal, Uni-Präsidentin

Von Blumenthal: Wer jung ist, hat das Recht auf eine Orientierungsphase. Auch unter Auszubildenden gibt es eine hohe Abbrecher-Quote. Das sollten wir im besten liberalen Sinne akzeptieren und zugleich bei der Orientierung unterstützen.

Rath: Okay. Aber dann verstehe ich nicht, warum wir vom Handwerk kaum Zugang zu den Unis bekommen, um diejenigen, die sich im Studium nicht richtig aufgehoben fühlen, über Alternativen informieren zu können. Im Moment blocken Sie das ab. Wir haben das in Hamburg mal versucht, doch da gab uns die Hochschulleitung zu verstehen, dass sie keinen Bock darauf hat. Ähnlich ist es mit Gymnasien. Wir erleben auf Berufsorientierungsmessen, dass Lehrer an unserem Stand vorbeigehen und zu ihren Schülern sagen: Hier braucht ihr nicht zu gucken, das ist nichts für euch.

Von Blumenthal: Das ist bei uns in Frankfurt anders, da arbeitet zum Beispiel die Betriebswirtschaftslehre mit Unternehmen aus der Region zusammen. Wir kooperieren außerdem mit der Arbeitsagentur.

ZEIT: Gibt es an den Hochschulen dieses Desinteresse oder sogar Dünkel, wie Herr Rath es eben andeutete?

Von Blumenthal: Das möchte ich nicht ausschließen. Aber für uns ist es auch ein Problem, wenn Leute ihr Studium abbrechen. Über den "Zukunftsvertrag Studium und Lehre" des Bundes erhalten wir Geld, gebunden an die Zahl der Studierenden. Wer uns vorzeitig verlässt, kostet uns Geld. Wir müssen also eher schauen, wie wir unsere Leute zu Abschlüssen führen, und nicht, wie wir sie zu einer Lehre ermutigen.

Rath: Sie kriegen Geld vom Staat, wir nicht. Wir müssen die duale Ausbildung aus den Betrieben finanzieren. Dort haben viele Schwierigkeiten, sich den Meister zu leisten.

Von Blumenthal: Sie bekommen dafür allerdings Leute, die mitarbeiten: die Auszubildenden.

Rath: Haben Sie eine Vorstellung, was so eine Ausbildung kostet? Das kann ein Auszubildender gar nicht erarbeiten. Und da kommen wir zum Fachkräftemangel: Wir haben im Moment 400.000 unbesetzte Stellen im Handwerk. Wie kriegen wir die besetzt – gerade jetzt, da wir den Klimawandel bekämpfen müssen? Was wir da allein in der Solartechnik oder für Wärmedämm-Verbundsysteme an Fachkräften brauchen! Ohne genügend Elektroinstallateure oder Heizungsbauer wird uns die Energiewende nicht gelingen.

Wir bekommen bald auch ein Problem in der Justiz, weil viele Richter in Pension gehen und Nachwuchs fehlt.

Julia von Blumenthal, Uni-Präsidentin

Von Blumenthal: Für akademische Berufe gelten die gleichen Probleme. Finden Sie mal Informatiker für Digitalisierungsprojekte. Wir bekommen bald auch ein Problem in der Justiz, weil viele Richter in Pension gehen und Nachwuchs fehlt. Oder schauen Sie sich den Mangel an Lehrkräften an unseren Schulen an.

Rath: Das ist auch ein Problem. Wir haben einfach insgesamt zu wenige junge Menschen, die wir ausbilden können.

Von Blumenthal: Ja. Und wir haben Menschen, deren Potenziale wir nicht ausschöpfen. Diejenigen zum Beispiel, die ohne Abschluss von der Schule gehen.

ZEIT: Läuft bereits in der Schule etwas schief?

Heute kommen Schüler gar nicht mehr in Berührung mit dem Handwerk.

Thomas Rath, Maler- und Lackierermeister

Rath: Ich hatte als Schüler jede Woche Werkunterricht. Heute kommen Schüler gar nicht mehr in Berührung mit dem Handwerk.

ZEIT: Sind Sie mitverantwortlich für die Misere, weil das Handwerk keine besseren Verdienst- und Entfaltungsmöglichkeiten bietet?

Rath: Eigentlich nicht. Das Handwerk ist nur zu leise. Wir haben manchmal versäumt, uns gut darzustellen. Dabei sind die Einkommensmöglichkeiten bei uns bisweilen besser als in den akademischen Berufen.

Kommen Sie mit der jungen Generation ins Gespräch!

Julia von Blumenthal, Uni-Präsidentin

Von Blumenthal: Für die jüngere Generation ist Geld häufig nicht mehr so ausschlaggebend. Viele sagen: Ich möchte mehr Zeit für mich haben, ich möchte einen Beruf haben, der zu meinen Wertvorstellungen passt. Da geht es um Geschlechterrollen, um ökologische Fragen – für immer mehr junge Menschen ist das alles sehr wichtig. Das ist vielleicht ein Ansatz, den "das Handwerk" auch noch mal bedenken muss. Kommen Sie mit der jungen Generation ins Gespräch! Mich erstaunt, dass Sie im Grunde sagen: Wir haben alles richtig gemacht.

ZEIT: Nur jede fünfte Meisterprüfung wird von einer Frau abgelegt. Der Anteil der weiblichen Auszubildenden sinkt. Sind Sie da selbstkritisch, Herr Rath?

Rath: Schwierige Frage. Ich kann da nur für mich sprechen: In meinem Maler-Unternehmen sind sehr viele Frauen beschäftigt, die sich super wohlfühlen. Klar, wir brauchen einen modernen Führungsstil, wir müssen flexibler auf die jüngere Generation eingehen. Aber das hat das Handwerk verstanden.

Von Blumenthal: Ich glaube bloß, die Gesellschaft hat das noch nicht verstanden. Ich wollte kürzlich ein Bilderbuch verschenken. Aber ich habe nur Bücher gefunden, in denen auf Baustellen Männer arbeiten und darum herum Frauen mit Kinderwagen spazieren gehen. Das sind keine zeitgemäßen Vorbilder. Herr Rath, gibt es bei den Handwerkskammern irgendwo auch eine Frau an der Spitze?

Rath: Ja, in Berlin zum Beispiel.

Von Blumenthal: Ein Viertel der Hochschulen hat heute Präsidentinnen. Daran sehen Sie, was für ein langer Weg noch vor uns liegt.

ZEIT: Das Sozialprestige von Meistern ist geringer als das von Mastern. Ist das in Ordnung, Frau von Blumenthal?

Von Blumenthal: Ich finde es falsch, das eine gegen das andere auszuspielen. Unsere hoch entwickelte Gesellschaft kann sich keinen weiteren Mangel an akademisch gebildeten Fachkräften leisten. Dass wir zum Beispiel so schnell Corona-Impfstoffe hatten, liegt auch an unserem guten Wissenschaftssystem. Das alles kann man doch nicht geringschätzen!

Die Theaterwissenschaft zieht heute mehr Studierende an als das Fliesenhandwerk Lehrlinge.

Thomas Rath, Maler- und Lackierermeister

Rath: Wenn Wasser aus der Decke tropft, brauche ich keinen Philosophen, sondern einen Klempner. Die Theaterwissenschaft zieht heute mehr Studierende an als das Fliesenhandwerk Lehrlinge.

Von Blumenthal: Schwieriger Vergleich, Herr Rath. Ich habe mir die Zahlen mal angeschaut. Der Anteil der Geisteswissenschaftler ist zuletzt von 15 auf elf Prozent gesunken. 38 Prozent der Studienanfänger wählen heute Mint-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Schon allein deshalb teile ich nicht das oft gezeichnete Bild von einer abgehobenen Bildungsbürger-Gesellschaft, die auf Handwerker herabblickt. Es ist sogar eher so, dass viele Hochqualifizierte ins Ausland gehen, weil dort die Entwicklungschancen noch besser sind.

ZEIT: Vor einiger Zeit wurde über einen "Akademisierungswahn" in Deutschland debattiert. Was können Sie mit dem Begriff anfangen, Frau von Blumenthal?

Von Blumenthal: Nichts. Die Ansicht, es gebe so einen Wahn, teile ich nicht.

Rath: Sehen Sie das Ungleichgewicht zwischen den Mastern und den Meistern denn gar nicht? Wir haben fast drei Millionen Studierende, aber nur 1,3 Millionen Auszubildende – rund 400.000 weniger als vor 20 Jahren.

Wir brauchen alle Studierenden, die wir haben.

Julia von Blumenthal, Uni-Präsidentin

Von Blumenthal: Ich sehe die Lücken bei Ihnen. Ich sehe aber nicht, dass wir zu viele Studierende hätten. Und wir brauchen alle Studierenden, die wir haben.

ZEIT: Andererseits beklagen selbst Professoren, dass nicht wenige Studierende an die Unis kommen, die dort eher nichts verloren hätten.

Von Blumenthal: Die Studierenden, die zu uns kommen, sind die richtigen. Wir müssen ihnen die Kompetenzen vermitteln, die sie brauchen. Bei Ihnen, Herr Rath, höre ich heraus, dass Sie glauben: Sollen die mal 20 Prozent der Studienplätze streichen, dann werden die jungen Menschen schon in Scharen ins Handwerk strömen. Das halte ich für einen Irrtum.

Rath: Ich sage Ihnen, was ich glaube: Wir müssen Studium und Lehre in den Schulen, in den Familien, in öffentlichen Reden als gleichwertig ansehen. Dann bekommen wir endlich wieder mehr Lehrlinge.

Ich sehe im High-End-Handwerk eine Chance.

ZEIT: "Wir werden zum Land ohne Schrauber und Macher", warnt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Übertreibt er da, Herr Rath?

Rath: Nein, keineswegs. Er trifft den Nagel auf den Kopf.

ZEIT: Vor allem in den Großstädten gibt es einen Trend zum High-End-Handwerk. Da werden zum Beispiel Bäckereien eröffnet, die wie Start-ups arbeiten und die ihre Produkte besonders edel, fast wie in einer Boutique, präsentieren. Ist das ein Weg, um Ihre Zünfte aufzuwerten?

Rath: Ich bin skeptisch, ob das viel bringt.

Von Blumenthal: Ich sehe im High-End-Handwerk durchaus eine Chance für Sie. Der Wunsch, etwas zu gründen, etwas selbst zu machen, ist unter Studierenden stark verbreitet. Vielleicht ist der Ruf des Handwerks bisher zu traditionell, als dass er an Start-ups und Innovationsgeist denken ließe.

Die jungen Menschen müssen nicht alle studieren.

Thomas Rath, Maler- und Lackierermeister

Rath: Mag sein, aber das ist ein Vorurteil. Wenn ich allein an meine Branche denke – da werden wir größere Flächen wohl bald mit Unterstützung von Robotern lackieren. Die Digitalisierung schlägt überall durch. Deshalb: Die jungen Menschen müssen nicht alle studieren. Gerade auch im Handwerk können sie sich prima entfalten und entwickeln.

ZEIT: Um für sich zu werben, plakatiert das deutsche Handwerk: "Warum ist ein Studium oft die einzige Vorstellung von einem gelungenen Leben? Hier stimmt etwas nicht."

Von Blumenthal: Mit so einer Negativ-Kampagne erreichen Sie niemanden!

Rath: Über diesen Spruch kann man in der Tat streiten.

ZEIT: Ein weiterer Slogan für das Handwerk lautete: "Wichtiges tun statt wichtig zu tun". Ist das schon Akademikerfeindlichkeit, Frau von Blumenthal?

Die aktuelle Weltlage zeigt, dass wir uns davor hüten sollten, bestimmte Studienfächer für irrelevant zu erklären.

Julia von Blumenthal, Uni-Präsidentin

Von Blumenthal: Ich finde das grenzwertig. Gerade die aktuelle Weltlage zeigt, dass wir uns davor hüten sollten, bestimmte Studienfächer für irrelevant zu erklären. Seit Jahren ist die Ukrainistik in Deutschland zusammengestrichen worden: zu abseitig, zu speziell, hieß es. Nun sind wir heilfroh um jede Professur, die uns mehr zur Lage dieses Landes erklären kann. Es ist eben falsch, Studienfächer nur nach ihrer aktuellen Nützlichkeit zu bewerten. Aber darf ich noch etwas Versöhnliches einwerfen?

ZEIT: Natürlich.

Von Blumenthal: Was mich selbst überrascht hat: Der Anteil der Studierenden, die an Fachhochschulen eingeschrieben sind, ist von 31 auf 43 Prozent gestiegen. Es gibt inzwischen fast 27.000 Plätze für ein duales Studium. Sie könnten das negativ sehen, nach dem Motto: Jetzt wildern die Hochschulen noch mehr im beruflichen Bereich. Ich sehe das positiv: Das Hochschulsystem wird immer berufsorientierter. Ich wiederhole mich, wir brauchen beides: Handwerker, die uns die Waschmaschine reparieren, ebenso wie Akademiker, die uns den Krieg in Osteuropa oder den Klimawandel erklären – und Lösungsideen entwickeln.

Meine Frau hat zwei Staatsexamen in Jura.

Thomas Rath, Maler- und Lackierermeister

Rath: Bei mir zu Hause, will ich Ihnen verraten, gibt es beides. Meine Frau hat zwei Staatsexamen in Jura. Sie ist Geschäftsführerin der Maler- und Lackiererinnung, dadurch haben wir uns kennengelernt. Wenn wir frühmorgens um kurz nach fünf zusammen frühstücken, sagt sie manchmal: Thomas, wofür habe ich eigentlich so viel studiert, wenn ich wegen dir so früh wie die Handwerker aufstehen muss?

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Interessantes Thema. Schwierig zu lesen durch die herablassende, abgehobene Art von Frau „von“ Blumenthal. „ Wenn ich mir die Zahlen so ansehe, dann gibt es immer noch eine Schicht, in der ein Studium nicht selbstverständlich ist. An den Hochschulen haben wir überdurchschnittlich viele Akademikerkinder – wie mich: Mein Vater ist promoviert, meine Mutter war Gymnasiallehrerin. In vielen anderen Elternhäusern ist auch heute noch eine Berufsausbildung völlig normal.“ Unglaublich paternalistisch und von herabschauend.

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