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 Lernen mit Dashboard und Analytics

Arbeitsplatz Schreibtisch Motivation Do More [Quelle: Unsplash.com, Autor: Carl Heyerdahl]

Quelle: Unsplash.com, Carl Heyerdahl

Angefangen hat alles mit einer simplen Tabelle, in der Lukas seine Lerneinheiten erfasst hat. Inzwischen ist daraus ein umfangreiches Lerntagebuch mit verschiedensten Kennzahlen geworden. Hier stellt der e-fellow seinen Ansatz vor und verrät, welche Erkenntnisse er aus der akribischen Dokumentation seiner Lernzeiten und -inhalte gewonnen hat.



Wieso baut man ein Lerntagebuch?

Herbst 2014. Die Klausurenphase im Dezember steht an. Ich sitze in der Bibliothek mit meinem Laptop und lerne für die Finance-Klausur. Irgendwie bin ich mit dem Lernprozess nicht zufrieden: Ich weiß nicht, wie viel ich mache, habe keinen Überblick – der Lernprozess ist eine Blackbox.

Ich öffne also den AppStore, in der Hoffnung eine App zu finden, mit der ich meinen Lernprozess verbessern kann. Irgendwo in den Untiefen des Internets hatte ich mal etwas über die Pomodoro-Technik gelesen und in diesem Moment kam mir der Gedanke, diese Technik doch einmal auszuprobieren. Also downloade ich eine Pomodoro-App.

Die Pomodoro-Technik ist eine Zeitmanagement-Methode: Man arbeitet konzentriert – also ohne Ablenkung – 25 Minuten, dann macht man fünf Minuten Pause. Nach vier solcher Einheiten gibt es eine längere Pause von 15 Minuten. Die Idee dahinter: Durch die Aufteilung in kurze, hochproduktive Arbeitsblöcke und viele Pausen arbeitet man effektiver und effizienter. Pomodoro ist übrigens italienisch und bedeutet Tomate. Die Pomodoro-Technik heißt so, weil man früher, bevor es Apps gab (also in der Steinzeit), mit Eieruhren in Tomatenform die Zeit stoppte.

Ich nutze die Pomodoro-App für ein paar Tage und protokolliere damit meinen Lernprozess. Aber die App überzeugt mich nicht. Denn sie bietet nur vorgegebene Funktionen: Ich kann meine Lerneinheiten nicht so notieren, wie ich es mir vorstelle. Die Idee aber, meine Lerneinheiten lückenlos zu dokumentieren, fasziniert mich irgendwie. Ich fange also an, eine Tabelle aufzusetzen. Mein Ziel: meine Lerneinheiten sauber dokumentieren. Was brauche ich dafür? Das Fach, die Start- und Endzeit der Lerneinheit und vielleicht eine Information zum Inhalt der Lerneinheit. Mit diesen drei Informationen gehe ich ins Rennen. Die erste Version des Lerntagebuchs ist geboren!

Seitdem habe ich das Lerntagebuch in einem iterativen Prozess jedes Semester weiter entwickelt und verbessert. Am Anfang sollte mein Lerntagebuch mir einfach nur einen Überblick darüber geben, was und wie viel ich gelernt habe. Ich wollte wissen, ob sich die harte Realität der Fakten mit dem Gefühl – "heute habe ich aber viel gemacht" – deckt. Heute, in der sechsten Version, leistet das Lerntagebuch noch viel mehr.

Bevor wir uns die Features meines Lerntagebuchs im Detail anschauen, werfen wir einen Blick auf die Kernidee des Lerntagebuchs und die zugrundeliegende Prämisse. Diese lässt sich so zusammenfassen:

'Mehr Lernen' ist besser als 'Weniger Lernen'.

Das klingt auf den ersten Blick wahrscheinlich sehr einfach, denn es schließt Faktoren wie Effizienz nicht mit ein. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass mehr Lernen – ceteris paribus –  besser ist als weniger Lernen. Die Optimierung des Lernprozesses als solchem, also durch Lerntechniken, Lernen in Gruppen oder spezielle Mnemotechniken ist auch nicht die Aufgabe des Lerntagebuchs. Das Lerntagebuch sorgt vielmehr für eine Steuerung des Lernprozesses und hilft dabei, mehr zu lernen.

Das Lerntagebuch protokolliert lückenlos und systematisch jede Lerneinheit eines Semesters, schafft dabei Transparenz und Kontrollierbarkeit, und motiviert und steuert so den Lernprozess.

Wie funktioniert das Lerntagebuch?

Das Herz des Lerntagebuchs bildet der Datensatz, der eine Lerneinheit erfasst. Das klingt sehr technokratisch, aber im Kern ist es einfach nur eine Tabelle. Und die sieht so aus:

Lerntagebuch Screenshot [© Lukas von Hohnhorst]

Jede Lerneinheit wird – ähnlich einer Datenbank – als Datensatz aufgefasst. Jede Lerneinheit hat folgende Spaltenköpfe:

  • Datum: Hier wird das Datum des Tages der Lerneinheit eingetragen.
  • Startzeit: Hier wird der Beginn der Lerneinheit eingetragen.
  • Endzeit: Hier wird das Ende Lerneinheit eingetragen.
  • Pause: Hier werden etwaige Pausen zum Beispiel durch Unterbrechungen oder die 5/15 Minuten lange Pomodoro-Pause eingetragen.
  • Dauer: Der Kern eines jeden Datensatzes; ergibt sich aus der Brutto-Lernzeit minus Pausen → Netto-Lernzeit.
  • Person: Hier trage ich ein, ob ich alleine oder in einer Gruppe lerne.
  • Lernart: Hier wird angegeben, was in der Lerneinheit gemacht wird. Das kann zum Beispiel "Folien anschauen", "Paper lesen", "Übungsblätter rechnen", "Auswendig lernen" oder auch "Klausuraufgaben bearbeiten" sein.
  • Fach: Hier wird das Fach eingetragen, dem die Lerneinheit zugeordnet ist.
  • Inhalt: Hier wird eingetragen, was behandelt wird. Das kann zum Beispiel sein: "Aufgabe zwei noch einmal bearbeiten" oder "Vorlesung vier anschauen und wichtige Begriffe notieren".

Im Laufe eines Semesters häufen sich Hunderte solcher Datensätze an. Mit den Möglichkeiten einer Tabellenkalkulation (oder, wenn man es auf die Spitze treiben möchte, einer SQL-Datenbank) lassen sich daraus verschiedene Erkenntnisse gewinnen. Dazu gleich mehr, wenn wir uns die Analytics anschauen. Doch zunächst noch ein paar Worte zum Zeitaufwand.

Oft höre ich, dass ein solches Lerntagebuch doch bestimmt sehr zeitaufwendig sein muss. Das stimmt nur zum Teil. Als Wirtschaftswissenschaftler kennt man den Unterschied zwischen fixen und variablen Kosten. Der Aufbau eines Lerntagebuchs entspricht hier den fixen Kosten; das Protokollieren jeder Lerneinheit den variablen Kosten.

Die fixen Kosten sind recht hoch, aber sobald man das Tool aufgesetzt hat, fallen keine weiteren Fixkosten mehr an. Wer Excel oder Numbers beherrscht, setzt sich eine oder zwei Stunden hin und baut ein Template. Das macht man einmal und profitiert dann das ganze Semester davon.

Das Protokollieren einer jeden Lerneinheit ist am Anfang natürlich ungewohnt, aber wird recht schnell zu einer Gewohnheit. Es ist eine Sache von ein paar Sekunden, die Zeit einzutragen, die Art der Lerneinheit auszuwählen und dann kurz einzutippen, was man macht. Selbst wenn es eine Minute pro Lerneinheit dauern würde –  was nicht der Fall ist –  sind das bei 500 Lerneinheiten weniger als zehn Stunden im ganzen Semester. Demgegenüber steht die volle Transparenz über den Lernprozess und zahlreiche weitere Vorteile – alles im Leben ist ein Trade-off.

Was leistet das Lerntagebuch?

Hatte das Lerntagebuch am Anfang nur die Aufgabe, den Lernprozess zu dokumentieren, habe ich festgestellt, dass man aus den Daten ja auch spannende Erkenntnisse gewinnen kann. Im Kern gibt es drei große Bereiche:

  1. Den Lernprozess transparent machen → Learning Analytics
  2. Den Lernprozess steuern → Psychotricks
  3. Den Lernprozess verstehen → Insights

Wir werden uns jeden dieser drei Bereiche im Detail anschauen. Davor aber möchte ich noch kurz die drei großen Benefits des Lerntagebuchs aufzeigen.

Vorteile: Wie unterstützt das Lerntagebuch den Lernprozess?

  1. Systematik & Struktur: Ein Lerntagebuch bringt Systematik und Struktur in den oftmals chaotischen und von Emotionen geleiteten Lernprozess. Jede Lerneinheit wird systematisch und mit den gleichen Regeln erfasst. Diese Systematik erlaubt die Kontrolle des Lernprozesses.
  2. Kontrolle & Transparenz: Durch die Systematik eines Lerntagebuchs wird der Lernprozess kontrollierbar und transparent. Jede Lerneinheit ist einsehbar und es ist genau prüfbar, was an welchem Tag gemacht wurde – und was nicht. 
    Das Lerntagebuch macht nicht nur Fächer, sondern auch Semester untereinander vergleichbar und erlaubt so Rückschlüsse über Effizienz und Effektivität bestimmter Lerntechniken.
  3. Motivation & Steuerung: Schließlich –  und das halte ich für besonders wichtig – hilft das Lerntagebuch dabei, Motivation zu erlangen. Oftmals führt das Lerntagebuch zum Bestreben, die Stundenzahl zu pushen. Darüber hinaus können Instrumente wie der Medaillenspiegel und der Aktienkurs zusätzliche Anreize schaffen.

Learning Analytics: Wie sorgt das Lerntagebuch für Transparenz?

Dashboards kennt man als coole, interaktive Anzeige(n) mit vielen bunten Grafiken aus Filmen und Präsentationen von Unternehmensberatungen. Im Herbst-/Wintersemester 2016 habe ich mir gedacht: Warum baue ich mir nicht auch ein Dashboard für mein Lerntagebuch? Ich hatte bereits in vorherigen Versionen Graphen genutzt, aber die Darstellung war mir noch nicht sexy genug. Also habe ich mir ein Dashboard gebaut. Es gibt mir auf einen Blick eine Übersicht über verschiedene Elemente des Lernprozesses. Schauen wir uns diese Elemente einmal im Detail an.

Gesamtansicht des Dashboards [© Lukas von Hohnhorst]

Psychotricks: Wie steuert das Lerntagebuch die Motivation?

Das Lerntagebuch wird auch –  und hier sehe ich einen der Hauptvorteile – zur Motivation und Incentivierung eingesetzt. Hierfür haben sich zwei Konzepte als sehr effektiv herausgestellt: der Medaillenspiegel und der Aktienkurs.

Fünf Erkenntnisse über den Lernprozess

Durch das Lerntagebuch habe ich mich und meinen Lernprozess besser verstehen gelernt. Ich kann Semester untereinander vergleichen, weiß, wie viele Stunden ich ungefähr brauchen werde, um gewisse Noten zu erreichen. Meine Kern-Insights möchte ich hier abschließend kurz beschreiben.

Insight #1: Mehr Lernen bringt auch mehr

Ich habe eine Korrelationsanalyse gefahren und es hat sich folgendes bewahrheitet. Betrachtet man die "Lernzeit pro ECTS" eines Semesters, und vergleicht dann die Semester untereinander, ergibt sich eine Korrelation von -0,952 für die Beziehung von "Lernzeit pro ECTS" und Notendurchschnitt (das Vorzeichen ist negativ, da mehr Lernen den Notenschnitt senkt). Im Klartext: Mehr Lernen korreliert mit besseren Noten. Natürlich wissen wir, dass Korrelation nicht gleich Kausalität bedeutet. Dennoch legen rationale Überlegungen nahe, dass die Lernzeit sicherlich ein wichtiger Faktor für den Notendurchschnitt ist. Interessant ist aber auch, dass diese Korrelation nur auf Semester-Ebene gilt. Einzelne Fächer sind – so meine Vermutung – zu heterogen als dass man von der Lernzeit eines Faches auf die Note im jeweiligen Fach schließen kann.

Insight #2: Ab fünf Stunden Netto-Lernzeit pro Tag ist Schicht im Schacht

Ich habe für mich persönlich festgestellt, dass fünf Stunden pro Tag mein Optimum sind, was die Netto-Lernzeit angeht. Wenn ich früh anfange und ausgeschlafen bin, schaffe ich auch sechs und mehr Stunden, habe dann allerdings das Gefühl, nicht mehr ganz so produktiv zu sein. Ich habe außerdem festgestellt, dass ich mit fünf Stunden pro Tag stressfrei und ausgeglichen durch den Alltag gehe und noch genug Energie für meine anderen Gewohnheiten wie Training, Lesen, Schreiben etc. habe. Wenn man in der Klausurenphase den Hardcore-Modus aktivieren möchte, kann man sicherlich noch deutlich mehr pro Tag lernen.

Insight #3: Beim Lerntagebuch ist 80/20 zu beachten

In der aktuellen Version ist das Lerntagebuch auf dem Spektrum Einfachheit–Komplexität genau an der richtigen Stelle: es ist leistungsfähig, aber nicht träge. Man könnte noch tiefergehende Analysen einbauen und die Datensätze für eine Lerneinheit noch granularer mit Informationen befüttern. Dann aber würde das Lerntagebuch zu komplex und damit schlecht zu handhaben. Denn wie bei (fast) allen Dingen, gilt auch für das Lerntagebuch das Pareto-Prinzip.

Insight #4: Wahrnehmung und Realität sind zwei Paar Schuhe

Es gibt Tage, da denke ich, dass ich sehr lange gelernt habe. Die harten Fakten aus dem Lerntagebuch sprechen aber eine ganz andere Sprache; sie sind objektiv und man kann sie nicht austricksen. Dennoch gibt es, so glaube ich, Unterschiede im Hinblick darauf, wie weit man an einem Tag mit dem Lernen gekommen ist. Und das ist nicht immer abhängig von der Lernzeit, sondern hat mit neuronalen Faktoren und dem Lernen an sich zu tun. An manchen Tagen macht es Klick und man versteht ein Konzept, dass man tagelang davor nicht verstanden hat – der Lernprozess ist eben nicht linear.

Insight #5: Der Lernprozess korreliert nicht perfekt mit dem Klausurergebnis

Die wohl wichtigste Erkenntnis zum Schluss: Trotz eines gut strukturierten und optimierten Lernprozesses kann eine Klausur nicht so laufen, wie man es sich vorstellt. Denn "Lernen" und "Klausur schreiben" sind zwei unterschiedliche Prozesse. Eine sehr gute Vorbereitung erhöht die Chancen für gute Performance zwar massiv. Dennoch kann eine schlechte Tagesform oder eine ungewohnte, ja fiese Fragestellung zu einer nicht zufriedenstellenden Note führen. Das aber ist im Sport nicht anders. Nach einer Niederlage gilt es auch hier, zu schauen, wo die Fehler lagen und was beim nächsten Mal besser gemacht werden muss. Jede Klausur bietet die Chance, neu anzugreifen. Das Lerntagebuch kann dabei helfen, die Vorbereitung exzellent zu gestalten, den Lernprozess zu optimieren.

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